Er zuckte nur die Achseln, ohne aufzusehen.
Beim Weggehen, den Türgriff in der Hand, sagte er: »Ja, Mutter, wir müssen sie erwarten. Da sie dir vermutlich nicht spät in der Nacht ins Haus fallen will, wird es wohl morgen im Laufe des Tages sein. Daß man mich benachrichtigt, bitte …«
*
Die Konsulin wartete von Stunde zu Stunde. Sie ruhte höchst ungenügend in der Nacht, klingelte nach Ida Jungmann, die jetzt neben ihr im hintersten Zimmer des Zwischengeschosses schlief, ließ sich Zuckerwasser bereiten und saß sogar während längerer Zeit mit einer Handarbeit aufrecht im Bett. Auch der nächste Vormittag verstrich in ängstlicher Spannung. Beim zweiten Frühstück erklärte der Konsul, daß Tony, wenn sie käme, nur drei Uhr dreiunddreißig Minuten nachmittags von Büchen eintreffen könne. Um diese Zeit saß die Konsulin im »Landschaftszimmer« am Fenster und versuchte, in einem Buche zu lesen, auf dessen schwarzem Lederdeckel ein in Gold gepreßter Palmzweig zu sehen war.
Es war ein Tag wie gestern: Kälte, Dunst und Wind; hinter dem blanken Schmiedeeisengitter knisterte der Ofen. Die alte Dame erbebte und blickte hinaus, sobald Wagenräder vernehmbar wurden. Und dann, um vier Uhr, als sie eben nicht achtgegeben und beinahe ihrer Tochter vergessen hatte, entstand eine Bewegung unten im Hause … Sie wandte hastig den Oberkörper zum Fenster, sie wischte mit dem Spitzentuch den tropfenden Beschlag von der Scheibe: in der Tat, eine Droschke hielt drunten, und schon kam man die Treppe herauf!
Sie erfaßte mit den Händen die Armlehnen des Stuhles, um aufzustehen; aber sie besann sich eines Besseren, ließ sich wieder zurücksinken und drehte nur mit beinahe abwehrendem Ausdruck den Kopf ihrer Tochter entgegen, die, während Erika Grünlich an Ida Jungmanns Hand bei der Glastür stehenblieb, mit schnellen und fast stürzenden Schritten durch das Zimmer kam.
Frau Permaneder trug einen pelzbesetzten Überwurf und einen länglichen Filzhut mit Schleier. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus, ihre Augen waren gerötet, und ihre Oberlippe bebte wie früher, wenn Tony als Kind geweint hatte. Sie erhob die Arme, ließ sie wieder sinken und glitt alsdann bei ihrer Mutter auf die Knie nieder, indem sie das Gesicht in den Kleiderfalten der alten Dame verbarg und bitterlich aufschluchzte. Dies alles machte den Eindruck, als sei sie in dieser Weise geraden Weges von München in einem Atem dahergestürmt – und da lag sie nun, am Ziele ihrer Flucht, erschöpft und gerettet. Die Konsulin schwieg einen Augenblick.
»Tony!« sagte sie dann mit zärtlichem Vorwurf, zog vorsichtig die große Nadel hervor, die Frau Permaneders Hut an ihrer Frisur befestigte, legte den Hut auf die Fensterbank und streichelte liebevoll und beruhigend mit beiden Händen das starke, aschblonde Haar ihrer Tochter …
»Was ist, mein Kind … Was ist geschehen?«
Aber man mußte sich mit Geduld waffnen, denn es dauerte noch ziemlich lange, bis dieser Frage eine Antwort zuteil wurde.