»Babett …!« stieß Frau Permaneder hervor … »Babett …!«
»Babette?« wiederholte die Konsulin fragend … Dann lehnte sie sich zurück und ließ ihre hellen Augen durchs Fenster schweifen. Sie wußte nun, um was es sich handelte. Eine Pause trat ein, die dann und wann von Tonys allmählich seltener werdendem Schluchzen unterbrochen ward.
»Tony«, sagte die Konsulin nach einer Weile, »ich sehe nun, daß dir in der Tat ein Kummer zugefügt worden ist … daß dir Grund zur Klage gegeben wurde … Aber war es nötig, diese Klage so stürmisch zu äußern? War diese Reise von München hierher notwendig, zusammen mit Erika, so daß es für weniger verständige Leute als ich und du beinahe den Anschein haben könnte, als wolltest du niemals zu deinem Manne zurückkehren …?«
»Das will ich auch nicht!… Nie …!« rief Frau Permaneder, indem sie mit einem Ruck den Kopf erhob, ihrer Mutter aus weinenden Augen ganz wild ins Gesicht blickte und dann ebenso plötzlich ihr Antlitz wieder in den Kleiderfalten verbarg. Die Konsulin überhörte diesen Ausruf.
»– Nun aber«, setzte sie mit erhöhter Stimme ein und wandte langsam ihren Kopf von einer Seite zur anderen … »nun aber, da du hier bist, ist es gut so. Denn nun wirst du dein Herz erleichtern können und wirst mir alles erzählen, und dann wollen wir sehen, wie mit Liebe, Nachsicht und Bedacht der Schaden zu korrigieren ist.«
»Nie!« sagte Tony noch einmal. »Nie!« Aber dann erzählte sie, und obgleich man nicht jedes Wort verstand, denn sie sprach in den faltigen Tuchrock der Konsulin hinein, und ihr Bericht war explosiv und von Ausrufen der äußersten Entrüstung zerrissen, so ward doch klar, daß ganz einfach folgender Sachverhalt bestand.
Um die Mitternacht zwischen dem 24. und 25. des laufenden Monats war Madame Permaneder, die während des Tages an Störungen der Magennerven gelitten und sehr spät Ruhe gefunden hatte, aus einem leichten Schlummer geweckt worden. Ein anhaltendes Geräusch dort vorn an der Treppe war schuld daran gewesen, ein schlecht unterdrückter, geheimnisvoller Lärm, in dem man das Knarren der Stufen, ein hustendes Gekicher, gepreßte Worte der Abwehr und ganz sonderbare knurrende und ächzende Laute unterschied … Nicht einen Augenblick konnte man über das Wesen dieses Geräusches im Zweifel sein. Frau Permaneder hatte nicht sobald, mit noch schlaftrunkenen Sinnen, etwas davon aufgefangen, als sie es auch schon begriffen, als sie auch schon das Blut hatte aus ihren Wangen weichen fühlen und zum Herzen strömen, das sich zusammengezogen und mit schweren, beklemmenden Schlägen fortgearbeitet hatte. Während einer langen, grausamen Minute hatte sie wie betäubt, wie gelähmt in den Kissen gelegen; dann aber, als dieses schamlose Geräusch nicht verstummte, hatte sie mit bebenden Händen Licht gemacht, hatte voll Verzweiflung, Grimm und Abscheu das Bett verlassen, hatte die Tür aufgerissen und war in Pantoffeln, das Licht in der Hand, nach vorn bis in die Nähe der Treppe geeilt: jener schnurgeraden »Himmelsleiter«, die von der Haustür direkt in das erste Stockwerk heraufführte. Und dort, auf den oberen Stufen eben dieser Himmelsleiter, hatte sich ihr das Bild in voller Körperlichkeit dargeboten, das sie drinnen im Schlafzimmer, beim Lauschen auf das unzweideutige Geräusch, mit Augen, die das Entsetzen erweiterte, schon im Geiste hatte erblicken müssen … Es war eine Balgerei gewesen, ein unerlaubter und unsittlicher Ringkampf zwischen der Köchin Babette und Herrn Permaneder. Das Mädchen, ein Schlüsselbund und ebenfalls eine Kerze in der Hand, denn sie mußte so spät noch irgendwo im Hause beschäftigt gewesen sein, hatte sich hin und her gewunden und den Hausherrn abzuwehren gestrebt, der seinerseits, den Hut auf dem Hinterkopfe, sie umschlungen gehalten und beständig versucht hatte, seinen Seehundsschnauzbart in ihr Gesicht zu drücken, was ihm hie und da auch gelungen war … Bei Antoniens Erscheinen hatte Babette etwas wie »Jessas, Maria und Joseph!« hervorgestoßen, »Jessas, Maria und Joseph!« hatte Herr Permaneder wiederholt, hatte sie fahren lassen – und während das Mädchen im selben Augenblick auf geschickte Weise spurlos verschwunden gewesen war, hatte er mit hängenden Armen, hängendem Kopfe und hängendem Schnauzbart vor seiner Gattin gestanden und irgend etwas ausgemacht Unsinniges wie: »Is dös a Hetz!… Es is halt a Kreiz!« gestammelt … Sie war nicht mehr dagewesen, als er die Augen aufzuschlagen gewagt hatte; drinnen im Schlafzimmer hatte er sie gefunden: in halb sitzender, halb liegender Haltung, auf dem Bette, wie sie unter verzweifeltem Schluchzen immer wieder das Wort »Schande« wiederholt hatte. Er war, in schlaffer Haltung an die Tür gelehnt, stehengeblieben, hatte eine ruckartige Schulterbewegung nach vorn gemacht, als erteilte er ihr einen aufmunternden Rippenstoß, und hatte gesagt: »Sei stad! A, geh, sei stad, Tonerl! Schau, der Ramsauer Franzl hat halt sei Namenstag g'feiert heit abend … Wir san alle a weng schwar …« Aber der stark alkoholische Geruch, den er im Zimmer verbreitet, hatte ihre Exaltation zum Gipfel gebracht. Sie hatte nicht mehr geschluchzt, sie war nicht länger hinfällig und schwach gewesen, ihr Temperament hatte sie emporgerissen, und mit der Maßlosigkeit der Verzweiflung hatte sie ihm laut ihren ganzen Ekel, ihren ganzen Abscheu, ihre fundamentale Verachtung seines ganzen Seins und Wesens ins Gesicht geschleudert … Herr Permaneder war nicht stillgeblieben. Sein Kopf war heiß gewesen, denn er hatte seinem Freunde Ramsauer zu Ehren nicht nur viele »Maß«, sondern auch »Schampaninger« getrunken; er hatte geantwortet, wild geantwortet, ein Streit hatte sich entsponnen, weit schrecklicher als derjenige bei Herrn Permaneders Rückzug in den Ruhestand, Frau Antonie hatte ihre Kleider zusammengerafft, um sich ins Wohnzimmer zurückzuziehen … Da aber war, zum Schlusse, ein Wort ihr nachgeklungen, ein Wort seinerseits, ein Wort, das sie nicht wiederholen würde, das über ihre Lippen niemals kommen würde, ein Wort … ein Wort …
Dies alles war der hauptsächlichste Inhalt der Geständnisse, die Madame Permaneder in die Kleiderfalten ihrer Mutter hinein verlauten ließ. Über das »Wort« aber, dieses »Wort«, das sie in jener fürchterlichen Nacht bis in ihr Innerstes hinein hatte erstarren lassen, kam sie nicht hinweg, sie wiederholte es nicht, oh, bei Gott, sie wiederholte es nicht, beteuerte sie, obgleich die Konsulin durchaus nicht in sie drang, sondern nur, kaum merklich, langsam und nachdenklich mit dem Kopfe nickte, während sie auf Tonys schönes, aschblondes Haar herniedersah.
»Ja, ja«, sagte sie, »da habe ich traurige Dinge hören müssen, Tony. Und ich verstehe alles ganz gut, meine arme kleine Dirn, denn ich bin nicht bloß deine Mama, sondern auch eine Frau wie du … Ich sehe nun, wie sehr berechtigt dein Schmerz ist, wie völlig dein Mann während eines Augenblickes der Schwäche vergessen hat, was er dir schuldet …«
»Während eines Augenblickes?!« rief Tony. Sie sprang auf. Sie trat zwei Schritte zurück und trocknete fieberhaft ihre Augen. »Während eines Augenblickes, Mama?!… Was er mir und unserem Namen schuldig ist, das hat er vergessen … das hat er nicht gewußt von Anfang an! Ein Mann, der sich mit der Mitgift seiner Frau ganz einfach zur Ruhe setzt! Ein Mann ohne Ehrgeiz, ohne Streben, ohne Ziele! Ein Mann, der statt des Blutes einen dickflüssigen Malz- und Hopfenbrei in den Adern hat … ja, davon bin ich überzeugt!… der sich dann noch zu solchen Niedrigkeiten herbeiläßt, wie dies mit der Babett, und, wenn man ihm seine Nichtswürdigkeit vorhält, mit einem Worte antwortet … einem Worte …«