… Die Dame im Abendmantel erbebt …

»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der Kunsel doar ook nix för.«

Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände unterm Mantel zusammenpreßt … Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!

»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn hat ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will wat bedüden, will 'k di man vertellen …«

Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!… Sie zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im Zick-Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß, wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner« zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben …

Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is wählt!«

Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich auf die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die ausdrückt: Ist dies die Stunde, Späße zu machen?… nimmt sie sich ungeduldig zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft, vernichtet …

Hagenström! – Die Nachricht ist da, niemand weiß woher. Sie ist da, wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen und ist überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden. Hagenström! – Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu erwarten. Die Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es immer im Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt, wie das Weinen in ihr aufsteigt …

Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt … Die roten Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in Gala, mit Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und Galanteriedegen, Seite an Seite erscheinen und durch die zurückweichende Menge hindurch ihren Weg gehen.

Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen … und schlagen mit unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis der Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist nicht die Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die Breite Straße hinunter!