Zweites Kapitel
Es war im Frühling des Jahres achtundsechzig, als Frau Permaneder eines Abends gegen zehn Uhr sich in der ersten Etage des Fischergrubenhauses einstellte. Senator Buddenbrook saß allein im Wohnzimmer, das mit olivenfarbenen Ripsmöbeln ausgestattet war, an dem runden Mitteltisch im Lichte der großen Gaslampe, die vom Plafond herabhing. Er hatte die »Berliner Börsenzeitung« vor sich ausgebreitet und las, leicht über den Tisch gebeugt, seine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der Linken und auf der Nase ein goldenes Pincenez, dessen er sich seit einiger Zeit bei der Arbeit bedienen mußte. Er hörte die Schritte seiner Schwester durch das Eßzimmer kommen, nahm das Glas von den Augen und blickte gespannt in das Dunkel hinein, bis Tony zwischen den Portieren und im Lichtbereich auftauchte.
»Oh, du bist es. Guten Abend. Schon zurück von Pöppenrade? Wie geht es deinen Freunden?«
»Guten Abend, Tom! Danke, Armgard ist wohlauf … Du bist hier ganz einsam?«
»Ja, du kommst mir sehr erwünscht. Ich habe heute abend so allein essen müssen, wie der Papst; denn Fräulein Jungmann kommt als Gesellschaft nicht recht in Betracht, weil sie jeden Augenblick aufspringt und hinaufläuft, um nach Hanno zu sehen … Gerda ist im Kasino. Tamayo geigt dort. Christian hat sie abgeholt …«
»Dausend! um wie Mutter zu reden. – Ja, ich habe in letzter Zeit bemerkt, Tom, daß Gerda und Christian sich gut vertragen.«
»Ich auch. Seit er dauernd hier ist, fängt sie an, Geschmack an ihm zu gewinnen. Sie hört auch ganz aufmerksam zu, wenn er seine Leiden beschreibt … Mein Gott, er amüsiert sie. Neulich sagte sie zu mir: ›Er ist kein Bürger, Thomas! Er ist noch weniger ein Bürger, als du!‹ …«
»Bürger … Bürger, Tom?! Ha, mir scheint, daß es auf Gottes weiter Welt keinen besseren Bürger als du …«
»Nun ja; nicht gerade so zu verstehen!… Leg' ein bißchen ab, mein Kind. Dein Aussehen ist süperb. Die Landluft hat dir gut getan?«
»Vortrefflich!« sagte sie, indem sie ihre Mantille und den Kapotthut mit lilaseidenen Bändern beiseitelegte und sich in majestätischer Haltung auf einem der Fauteuils am Tische niederließ … »Magen und Nachtruhe, alles hat sich gebessert in dieser kurzen Zeit. Diese kuhwarme Milch und diese Würste und Schinken … man gedeiht, wie das Vieh und das Korn. Und dieser frische Honig, Tom, ich habe ihn immer für eines der besten Nahrungsmittel gehalten. Das ist reines Naturprodukt! Da weiß man doch, was man verschluckt! Ja, es war wahrhaftig liebenswürdig von Armgard, daß sie sich unserer alten Pensionsfreundschaft erinnerte und mich einlud. Und Herr von Maiboom war gleichfalls von einer Zuvorkommenheit … Sie baten mich so inständig, doch noch ein paar Wochen zu bleiben, aber du weißt: Erika behilft sich nur schwer ohne mich, und besonders jetzt, da die kleine Elisabeth auf der Welt ist …«