O ja, das war die Frage; das war von jeher, so lange er denken konnte, seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in seinem rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des großen und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen fest wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug, von jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von Jugend an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen korrigieren müssen … Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als Härte, sondern als etwas Selbstverständliches empfinden – würde er das niemals vollständig erlernen?

Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich schmerzlichen Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt hatten. Er hatte eine große Summe Geldes verloren … ach, nicht das war das Unerträglichste gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange und am eigenen Leibe die grausame Brutalität des Geschäftslebens verspüren müssen, in dem alle guten, sanften und liebenswürdigen Empfindungen sich vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt der Selbsterhaltung verkriechen und in dem ein erlittenes Unglück bei den Freunden, den besten Freunden, nicht Teilnahme, nicht Mitgefühl, sondern – »Mißtrauen«, kaltes, ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte er das nicht gewußt? War er berufen, sich darüber zu verwundern? Wie sehr hatte er sich später in besseren und stärkeren Stunden darüber geschämt, daß er in den schlaflosen Nächten von damals sich empört, voll Ekel und unheilbar verletzt gegen die häßliche und schamlose Härte des Lebens aufgelehnt hatte!

Wie albern das gewesen war! Wie lächerlich jedesmal diese Regungen gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt möglich, daß sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?

Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und – in müden – bald so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er sich nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er ein Gemisch von beidem sei.

Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als tätiger Mann präsentiert; aber soweit er mit Recht dafür galt – war er es nicht, mit seinem gern zitierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch – aus bewußter Überlegung gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt … aber waren sie nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft hervorgegangen, die er der Reflexion verdankte? Und da er nun daniederlag, da seine Kräfte – wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer – erschöpft schienen: war es nicht die notwendige Folge dieses unhaltbaren Zustandes, dieses unnatürlichen und aufreibenden Widerstreites in seinem Innern?… Ob sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft haben würden? Gleichviel!… Gleichviel!… Aber daß sie praktische Menschen gewesen, daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener, natürlicher gewesen waren, als er, das war es, was feststand!…

Eine große Unruhe ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum und Licht. Er schob seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und entzündete mehrere Gasflammen des Lüsters über dem Mitteltische. Er blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem Gerdas Geigenkasten stand, seiner mit Notenbüchern beladenen Etagere daneben, dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden Amoretten über den Türen, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker war mit Palmen angefüllt.

Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu bewegen. Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins Speisezimmer und erleuchtete auch dies. Er machte sich am Büffett zu schaffen, trank, um sein Herz zu beruhigen, oder um überhaupt etwas zu tun, ein Glas Wasser und ging dann rasch, die Hände auf dem Rücken, weiter in die Tiefe des Hauses hinein. Das »Rauchzimmer« war dunkel möbliert und mit Holz getäfelt. Er öffnete mechanisch den Zigarrenschrank, verschloß ihn sofort wieder und erhob, am Spieltische, den Deckel einer kleinen eichenen Truhe, die Kartenspiele, Notizblocks und ähnliche Dinge enthielt. Er ließ eine Anzahl knöcherner Anlegemarken klappernd durch seine Hand gleiten, warf den Deckel zu und wandte sich abermals zum Gehen.

Ein kleines Kabinett mit einem buntfarbigen Fensterchen grenzte an das Rauchzimmer. Es war leer bis auf einige ganz leichte »Servanten«, die ineinander geschoben waren und auf denen ein Likörkasten stand. Von hier aus aber betrat man den Saal, welcher, mit seiner ungeheuren Parkettfläche und seinen vier hohen, weinrot verhangenen Fenstern, die auf den Garten hinausblickten, wiederum die ganze Breite des Hauses in Anspruch nahm. Er war ausgestattet mit einem Paar schwerer, niedriger Sofas von dem Rot der Portieren und einer Anzahl von Stühlen, die hochlehnig und ernst an den Wänden standen. Ein Kamin war dort, hinter dessen Gitter falsche Kohlen lagen und mit ihren Streifen von rotgoldenem Glanzpapier zu glühen schienen. Auf der Marmorplatte, vor dem Spiegel, ragten zwei mächtige chinesische Vasen …

Nun lag die ganze Zimmerflucht im Lichte einzelner Gasflammen, wie nach einem Feste, wenn der letzte Gast soeben davongefahren. Der Senator durchmaß den Saal einmal der Länge nach, blieb dann an dem Fenster stehen, das dem Kabinett gegenüber lag, und blickte in den Garten hinaus.

Der Mond stand hoch und klein zwischen flockigen Wolken, und der Springbrunnen ließ seinen Strahl in der Stille unter den überhängenden Zweigen des Walnußbaumes plätschern. Thomas sah hinüber auf den Pavillon, der das Ganze abschloß, auf die kleine, weiß glänzende Terrasse mit den beiden Obelisken, auf die regelmäßigen Kieswege, die frisch umgegrabenen, abgezirkelten Beete und Rasenplätze … aber diese ganze zierliche und ungestörte Symmetrie, weit entfernt, ihn zu beruhigen, verletzte und reizte ihn. Er erfaßte mit der Hand die Klinke des Fensters, legte seine Stirn darauf und ließ seine Gedanken ihren qualvollen Gang wieder antreten.