Wo wollte es mit ihm hinaus? Er erinnerte sich einer Bemerkung, die er vorhin seiner Schwester gegenüber hatte fallen lassen und über die er selbst sich, sobald sie ausgesprochen, als über etwas höchst Überflüssiges geärgert hatte. Er hatte vom Grafen Strelitz gesprochen, vom Landadel, und hatte bei dieser Gelegenheit klar und deutlich die Meinung ausgedrückt, daß eine soziale Überlegenheit des Produzenten über den Zwischenhändler anzuerkennen sei. War das zutreffend? Ach, mein Gott, es war so unsäglich gleichgültig, ob es zutreffend war! Aber war er berufen, diesen Gedanken auszusprechen, ihn in Erwägung zu ziehen, überhaupt darauf zu verfallen? War er imstande, sich seinen Vater, seinen Großvater, irgendeinen seiner Mitbürger vorzustellen, wie er diesem Gedanken nachhing und ihm Ausdruck verlieh? Ein Mann, der fest und zweifellos in seinem Berufe steht, kennt nur diesen, weiß nur von diesem, schätzt nur diesen …
Plötzlich fühlte er, wie das Blut ihm heiß zum Kopfe stieg, wie er errötete bei einer zweiten Erinnerung, die weiter zurücklag. Er sah sich mit seinem Bruder Christian im Garten des Mengstraßen-Hauses umhergehen, begriffen in einem Streite, einer dieser so tief bedauernswerten erregten Auseinandersetzungen … Christian hatte, in seiner indiskreten und kompromittierenden Art, vor vielen Ohren eine liederliche Äußerung getan, über welche er ihn, wütend, empört, aufs äußerste gereizt, zur Rede gestellt hatte. Eigentlich, hatte Christian gesagt, eigentlich und im Grunde sei doch jeder Geschäftsmann ein Betrüger … Wie? war diese insipide und nichtswürdige Redensart ihrem Wesen nach so weit entfernt von derjenigen, die er selbst sich soeben noch seiner Schwester gegenüber gestattet hatte? Er hatte sich darüber entrüstet, hatte wutentbrannt dagegen protestiert … Aber wie hatte diese schlaue, kleine Tony, gesagt? Wer sich ereifert …
»Nein!« sagte der Senator plötzlich mit lauter Stimme, erhob mit einem Ruck den Kopf, ließ den Fenstergriff fahren, stieß sich förmlich davon zurück und sagte ebenso laut: »Dies ist zu Ende!« Dann räusperte er sich, um über die unangenehme Empfindung hinwegzukommen, die seine eigene, einsame Stimme ihm verursachte, wandte sich und begann, schnell gesenkten Kopfes, die Hände auf dem Rücken, hin und her durch alle Zimmer zu gehen.
»Dies ist zu Ende!« wiederholte er. »Es muß ein Ende gemacht werden! Ich verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian!« Oh, es war unendlich dankenswert, daß er sich nicht in Unwissenheit darüber befand, wie es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu korrigieren! Mit Gewalt!… Laß sehen … laß sehen … was war es für ein Angebot, das ihm da gemacht worden war? Die Ernte … Die Pöppenrader Ernte auf dem Halm? »Ich werde es tun!« sagte er mit leidenschaftlichem Flüstern und schüttelte sogar eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. »Ich werde es tun!«
Es war ja wohl das, was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein Kapital von, sagen wir einmal, vierzigtausend Kurantmark ganz einfach – und ein wenig übertrieben ausgedrückt – zu verdoppeln?… Ja, es war ein Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es handelte sich um einen Anfang, einen ersten Streich, und das Risiko, das damit verbunden war, ergab nur eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln. Gelang es, dann war er wieder hergestellt, dann würde er wieder wagen, dann würde er das Glück und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen Klammern halten …
Nein, den Herren Strunck & Hagenström würde dieser Fang leider entgehen! Es gab am Orte eine Firma, die in diesem Falle infolge von persönlichen Verbindungen denn doch die Vorhand hatte!… In der Tat, das Persönliche war hier das Entscheidende. Es war kein gewöhnliches Geschäft, das man kühl und in den üblichen Formen erledigt. Es trug vielmehr, wie es durch Tonys Vermittlung eingeleitet worden, halbwegs den Charakter einer Privatangelegenheit, die mit Diskretion und Verbindlichkeit zu behandeln war. Ach nein, Hermann Hagenström wäre wohl kaum der Mann dafür gewesen!… Thomas benutzte als Kaufmann die Konjunktur und auch beim Verkaufe, nachher, würde er sie bei Gott zu benutzen wissen! Andererseits aber erwies er dem bedrängten Gutsherrn einen Dienst, zu dem er, durch die Freundschaft Tonys mit Frau von Maiboom, ganz allein berufen war. Schreiben also … heute abend noch schreiben – nicht auf dem Geschäftspapier mit Firmendruck, sondern auf einem Privatbriefbogen, auf dem nur »Senator Buddenbrook« gedruckt stand – in rücksichtsvollster Weise schreiben und fragen, ob ein Besuch in den nächsten Tagen genehm sei. Eine heikle Sache immerhin. Ein etwas glatter Grund und Boden, auf dem man sich mit einiger Grazie bewegen mußte … Desto mehr etwas für ihn!
Und seine Schritte wurden noch geschwinder, sein Atem tiefer. Er setzte sich einen Augenblick, sprang auf und wanderte aufs neue durch alle Zimmer. Er durchdachte das Ganze noch einmal, er dachte an Herrn Marcus, an Hermann Hagenström, Christian und Tony, sah die gelbreife Ernte von Pöppenrade im Winde schwanken, phantasierte von dem allgemeinen Aufschwung der Firma, der diesem Coup folgen würde, verwarf zornig alle Bedenken, schüttelte seine Hand und sagte: »Ich werde es tun!«
Frau Permaneder öffnete die Tür zum Speisezimmer und rief: »Gute Nacht!« Er antwortete, ohne es zu wissen. Gerda, von der sich Christian an der Haustür verabschiedet hatte, trat ein, und in ihren seltsamen, nahe beieinanderliegenden braunen Augen lag der rätselhafte Schimmer, den die Musik ihnen zu geben pflegt. Der Senator blieb mechanisch vor ihr stehen, fragte mechanisch nach dem spanischen Virtuosen und dem Verlaufe seines Konzertes und versicherte dann, sogleich sich ebenfalls zur Ruhe begeben zu wollen.
Aber er ging nicht zur Ruhe, sondern nahm seine Wanderung wieder auf. Er dachte an die Säcke mit Weizen, Roggen, Hafer und Gerste, welche die Böden des »Löwen«, des »Walfisches«, der »Eiche« und der »Linde« füllen sollten, sann über dem Preise, dem – oh, durchaus nicht unanständigen Preise, den er zu bieten beabsichtigte, stieg um Mitternacht leise ins Kontor hinunter und schrieb bei Herrn Marcus' Stearinkerze in einem Zuge einen Brief an Herrn von Maiboom auf Pöppenrade, einen Brief, der, als er ihn mit fieberheißem und schwerem Kopfe durchlas, ihm als der beste und taktvollste seines Lebens erschien.
Das war in der Nacht vor dem 27. Mai. Am nächsten Tage eröffnete er seiner Schwester in leichter und humoristischer Weise, daß er die Sache nun von allen Seiten betrachtet habe und daß er Herrn von Maiboom nicht einfach einen Korb geben und an den nächsten Beutelschneider verweisen könne. Am 30. des Monats unternahm er eine Reise nach Rostock und fuhr von dort mit einem Mietswagen über Land.