Seine Laune war vortrefflich in den nächsten Tagen, sein Gang elastisch und frei, sein Mienenspiel verbindlich. Er neckte Klothilde, lachte herzlich über Christian, scherzte mit Tony, spielte am Sonntag eine ganze Stunde lang mit Hanno auf dem »Altan« in der zweiten Etage, indem er seinem Sohne half, winzige Getreidesäcke an einem kleinen, ziegelroten Speicher hinaufzuwinden und dabei die hohlen und gedehnten Rufe der Arbeiter nachahmte … und hielt in der Bürgerschaftssitzung vom 3. Juni über den langweiligsten Gegenstand von der Welt, über irgendeine Steuerfrage, eine so ausgezeichnete und witzige Rede, daß er in allen Stücken Recht bekam und Konsul Hagenström, der ihm opponiert hatte, der allgemeinen Heiterkeit anheimfiel.
Fünftes Kapitel
War es Unachtsamkeit oder Absicht von des Senators Seite – es fehlte nicht viel, so wäre er über eine Tatsache hinweggegangen, die nun durch Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hingebendsten mit den Familienpapieren beschäftigte, aller Welt verkündet ward: die Tatsache, daß in den Dokumenten der 7. Juli des Jahres 1768 als Gründungstag der Firma angenommen war, und daß die hundertste Wiederkehr dieses Tages bevorstand.
Fast schien es, daß Thomas sich unangenehm berührt fühlte, als Tony ihn mit bewegter Stimme darauf aufmerksam machte. Der Aufschwung seiner Laune war nicht von Dauer gewesen. Allzubald war er wieder still geworden, stiller vielleicht als vorher. Mitten in der Arbeit konnte er das Kontor verlassen, um, von Unruhe erfaßt, einsam im Garten umherzugehen, dann und wann wie gehemmt und aufgehalten stehenzubleiben und seufzend die Augen mit der Hand zu bedecken. Er sagte nichts, er sprach sich nicht aus … Gegen wen auch? Herr Marcus war – ein erstaunlicher Anblick – zum ersten Male in seinem Leben heftig geworden, als sein Kompagnon ihm kurzerhand von dem Geschäfte mit Pöppenrade Mitteilung gemacht hatte, und hatte jede Verantwortung und jede Beteiligung abgelehnt. Seiner Schwester, Frau Permaneder, aber verriet sich Thomas an einem Donnerstagabend auf der Straße, als sie sich mit einer Anspielung auf die Ernte von ihm verabschiedete, durch einen einzigen kurzen Händedruck, dem er hastig und leise die Worte hinzufügte: »Ach, Tony, ich wollte, ich hätte schon wieder verkauft!« Dann wandte er sich, jäh abbrechend, zum Gehen und ließ Frau Antonie verdutzt und ergriffen zurück … Dieser plötzliche Händedruck hatte etwas von ausbrechender Verzweiflung, dieses geflüsterte Wort so viel von lange verhaltener Angst gehabt … Als aber Tony bei der nächsten Gelegenheit versucht hatte, auf die Sache zurückzukommen, hatte er sich in desto ablehnenderes Schweigen gehüllt, voll Scham über die Schwäche, mit der er sich einen Augenblick hatte gehen lassen, voll Erbitterung über seine Untauglichkeit, dies Unternehmen vor sich selbst zu verantworten …
Nun sagte er schwerfällig und verdrießlich: »Ach, meine Liebe, ich wollte, wir könnten das ganz einfach ignorieren!«
»Ignorieren, Tom? Unmöglich! Undenkbar! Meinst du, du könntest diese Tatsache unterschlagen? Meinst du, die ganze Stadt könnte die Bedeutung dieses Tages vergessen?«
»Ich sage nicht, daß es möglich ist; ich sage, daß es mir lieber wäre, wir könnten den Tag mit Stillschweigen begehen. Die Vergangenheit zu feiern, ist hübsch, wenn man, was Gegenwart und Zukunft betrifft, guter Dinge ist … Sich seiner Väter zu erinnern ist angenehm, wenn man sich einig mit ihnen weiß und sich bewußt ist, immer in ihrem Sinne gehandelt zu haben … Käme das Jubiläum zu gelegenerer Zeit … Kurz, ich bin wenig aufgelegt, Feste zu feiern.«
»Du mußt so nicht reden, Tom. Du meinst es auch nicht so und weißt wohl, daß es eine Schande, eine Schande wäre, das hundertjährige Jubiläum der Firma Johann Buddenbrook sang- und klanglos vorübergehen zu lassen! Du bist jetzt nur ein bißchen nervös, und ich weiß auch warum … obgleich eigentlich gar keine Ursache dafür vorhanden ist … Aber wenn der Tag da ist, dann wirst du so freudig bewegt sein, wie wir alle …«
Sie hatte recht, der Tag war nicht mit Stillschweigen zu übergehen. Nicht lange, so tauchte in den »Anzeigen« eine vorbereitende Notiz auf, die eine ausführliche Rekapitulation der Geschichte des altangesehenen Handelshauses für den Festtag selbst in Aussicht stellte – und es hätte ihrer kaum bedurft, um die wohllöbliche Kaufmannschaft aufmerksam zu machen. Was aber die Familie betraf, so war Justus Kröger der erste, der am Donnerstag das Bevorstehende zur Sprache brachte, und Frau Permaneder sorgte dafür, daß, war das Dessert abgetragen, die ehrwürdige Ledermappe mit den Familiendokumenten feierlich aufgelegt ward, und daß man als Vorfeier sich mit den Daten, die aus dem Leben des seligen Johan Buddenbrook, Hannos Ur-Ur-Großvater, des Gründers der Firma, bekannt waren, eingehend beschäftigte. Wann er die Frieseln und wann die echten Blattern gehabt, wann er vom dritten Boden auf die Darre gestürzt und wann in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, verlas sie mit einem religiösen Ernste. Sie konnte sich nicht genug tun, sie griff zurück bis ins 16. Jahrhundert zu dem ältesten Buddenbrook, der bekannt, zu dem, der zu Grabau Ratsherr gewesen und zu dem Gewandschneider in Rostock, der sich »sehr gut gestanden« – was unterstrichen war – und so außerordentlich viele lebendige und tote Kinder gehabt … »Was für ein prächtiger Mensch!« rief sie aus und machte sich daran, alte vergilbte und eingerissene Briefe und Festpoeme vorzutragen …