Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu beglückwünschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tür mit einer Anzahl Matrosen zusammen, welche, unter der Führung zweier Steuermänner, von den beiden zur Reederei gehörigen Schiffen »Wullenwewer« und »Friederike Oeverdieck« gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen. Und es kam eine Deputation der Kornträger in schwarzen Blusen, Kniehosen und Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Bürger. Schneidermeister Stuht aus der Glockengießerstraße erschien, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar, Blumenhändler Iwersen gratulierte. Ein alter Briefträger, mit weißem Bart, Ringen in den Ohren und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator an guten Tagen auf der Straße anzureden und »Herr Oberpostmeister« zu nennen pflegte, rief schon in der Tür: »Es is nich darum, Herr Senator, ick komm nich darum! Ick weet wull, de Lüd vertellen sick dat all, dat hier hüt jeder wat schenkt kriegt … öäwer dat is nicht darum …!« Dennoch nahm er dankbar sein Geldstück entgegen … Das fand kein Ende. Als es halb elf Uhr war, meldete das Folgmädchen, daß die Senatorin im Salon die ersten Gäste empfange.
Thomas Buddenbrook verließ das Kontor und eilte die Haupttreppe hinan. Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm Spiegel, ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-Cologne-Duft seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein Körper sich in Transpiration befand; seine Hände und Füße aber waren kalt. Die Empfänge im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt … Er atmete auf und trat ein, um in dem von Sonnenlicht erfüllten Gemach den Konsul Huneus, Holzgroßhändler und fünffacher Millionär, seine Gemahlin, ihre Tochter und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begrüßen. Die Herrschaften waren zusammen von Travemünde hereingekommen, woselbst sie, wie mehrere der ersten Familien, die nur dem Buddenbrookschen Geschäftsjubiläum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen, den Juli verbrachten.
Man saß nicht drei Minuten auf den hellen, geschweiften Fauteuils beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen Bürgermeisters, mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf; und als Konsul Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder, der eine Million weniger besaß, aber dafür Senator war.
Nun war der Reigen eröffnet. Die große, weiße Tür mit dem Relief von musizierenden Amoretten darüber blieb kaum einen Augenblick geschlossen und gewährte beständig den Ausblick auf das vom einfallenden Licht durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der sich unaufhörlich die Gäste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der Salon geräumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprächen zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als die Gehenden, und bald beschränkte man sich nicht mehr auf das Zimmer, sondern überhob das Dienstmädchen des Öffnens und Schließens der Tür, ließ sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen. Schwirrendes und dröhnendes Gespräch von Damen- und Männerstimmen, Händeschütteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches Lachen, das sich zwischen den Säulen des Treppenhauses emporschwingt und von der Decke, der großen Glasscheibe des »Einfallenden Lichtes«, widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Häupten der Treppe, bald drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder kordial hervorgestoßene Glückwünsche entgegen. Bürgermeister Doktor Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der weißen Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und müdem Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der Weinhändler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der geborenen Möllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator Buddenbrooks treuester Anhänger und Freund, mit seiner Frau, einer außerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die verwitwete Senatorin Möllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas, während ihre Kinder, Herr Konsul August Möllendorpf mit seiner Gemahlin Julchen, geborene Hagenström, soeben anlangen, ihre Gratulation erledigen und sich grüßend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann Hagenström hat für seinen schweren Körper eine Stütze am Treppengeländer gefunden und plaudert, während seine platt auf der Oberlippe liegende Nase ein wenig mühsam in den rötlichen Bart hineinatmet, mit Herrn Senator Doktor Cremer, dem Polizeichef, dessen braungrau melierter Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit lächelndes Gesicht umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenström, dessen schöne Gattin, die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls anwesend ist, zeigt irgendwo lächelnd seine spitzigen, lückenhaften Zähne. Einen Augenblick sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator Buddenbrooks Rechte zwischen seinen beiden Händen hält, um gleich darauf vom Baumeister Voigt verdrängt zu werden. Pastor Pringsheim, in bürgerlicher Kleidung und nur durch die Länge seines Gehrockes seine Würde andeutend, kommt mit ausgebreiteten Armen und gänzlich verklärtem Angesicht die Treppe herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus ist zugegen. Diejenigen Herren, die irgendeine Körperschaft, den Senat, die Bürgerschaft, die Handelskammer repräsentieren, sind im Frack erschienen. – Halb zwölf Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses hat sich vor einer Viertelstunde zurückgezogen …
Plötzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlürfendes Geräusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele beträten, und gleichzeitig klingt eine lärmende und schallende Stimme auf, die das ganze Haus erfüllt … Alles drängt zum Geländer; man staut sich auf dem ganzen Korridor, vor den Türen zum Salon, zum Eßzimmer und Rauchzimmer, und lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fünfzehn oder zwanzig Männern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit brauner Perücke, grauem Schifferbart und einem künstlichen Gebiß von breiten gelben Zähnen, das er lautredend zeigt … Was geschieht? Konsul Peter Döhlmann hält mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug! Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit Programmen in der Hand schwingend!
Und nun beginnt in dieser unmöglichen und maßlosen Akustik, in der die Töne zusammenfließen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos machen, und in der das überlaut knarrende Grunzen der großen Baßtrompete, in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem Gesichtsausdruck stößt, alles übrige dominiert, das Ständchen, das man dem Hause Buddenbrook zu seinem Jubiläum bringt – es beginnt mit dem Chorale »Nun danket alle Gott«, dem alsbald eine Paraphrase über Offenbachs »Schöne Helena« folgt, worauf zunächst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird … Es ist ein ziemlich umfangreiches Programm.
Ein hübscher Einfall von Döhlmann! Man beglückwünscht den Konsul, und niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende. Man steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hört zu und plaudert …
Thomas Buddenbrook hielt sich, zusammen mit Stephan Kistenmaker, Senator Doktor Gieseke und Baumeister Voigt jenseits der Haupttreppe auf, bei der äußeren Tür zum Rauchzimmer und unweit des Aufganges zur zweiten Etage. Er stand an die Wand gelehnt, warf hier und da ein Wort in das Gespräch seiner Gruppe und blickte im übrigen schweigsam über das Geländer hinweg ins Leere. Die Hitze hatte noch zugenommen, sie war noch drückender geworden; aber Regen war nun nicht mehr ausgeschlossen, denn den Schatten nach zu urteilen, die über das »Einfallende Licht« hinwegzogen, waren Wolken am Himmel. Ja, diese Schatten waren so häufig und folgten einander so schnell, daß die beständig wechselnde, zuckende Beleuchtung des Treppenhauses schließlich die Augen schmerzen machte. Jeden Augenblick erlosch der Glanz des vergoldeten Stucks, des Messingkronleuchters und der Blechinstrumente dort unten, um gleich darauf wieder aufzublitzen … Nur einmal verweilte der Schatten ein wenig länger als gewöhnlich, und unterdessen hörte man mit leicht prasselndem Geräusch und in längeren Pausen fünf-, sechs- oder siebenmal etwas Hartes auf die Scheibe des »Einfallenden Lichtes« niederprallen: ein paar Hagelkörner ohne Zweifel. Dann erfüllte wieder Sonnenlicht das Haus von oben bis unten.
Es gibt einen Zustand der Depression, in dem alles, was uns unter normalen Umständen ärgert und eine gesunde Reaktion unseres Unwillens hervorruft, uns mit einem matten, dumpfen und schweigsamen Grame niederdrückt … So grämte Thomas sich über das Benehmen des kleinen Johann, so grämte er sich über die Empfindungen, die diese ganze Feierlichkeit in ihm bewirkte, und noch mehr über diejenigen, deren er sich beim besten Willen unfähig fühlte. Mehrere Male versuchte er sich aufzuraffen, seinen Blick zu erhellen und sich zu sagen, daß dies ein schöner Tag sei, der ihn notwendig mit gehobener und freudiger Stimmung erfüllen müsse. Aber, obgleich der Lärm der Instrumente, das Stimmengewirr und der Anblick der vielen Menschen seine Nerven erschütterten und zusammen mit der Erinnerung an die Vergangenheit, an seinen Vater, oftmals eine schwache Rührung in ihm aufsteigen ließen, so überwog doch der Eindruck des Lächerlichen und Peinlichen, das für ihn dem Ganzen anhaftete, dieser minderwertigen, akustisch verzerrten Musik, dieser banalen, von Kursen und Diners schwatzenden Versammlung … und dieses Gemisch von Rührung und Widerwillen gerade versetzte ihn in eine matte Verzweiflung …
Um 12¼ Uhr, als das Programm des Stadttheater-Orchesters anfing, seinem Ende entgegenzugehen, trat ein Zwischenfall ein, der die herrschende Festlichkeit in keiner Weise berührte oder unterbrach, der aber, seinem geschäftlichen Charakter zufolge, den Hausherrn nötigte, seine Gäste für kurze Minuten zu verlassen. Die Haupttreppe herauf nämlich kam, als die Musik eben pausierte, in völliger Verwirrung ob der vielen Herrschaften, der jüngste Lehrling des Kontors, ein kleiner, stark verwachsener Mensch, der seinen schamroten Kopf noch tiefer als nötig zwischen den Schultern trug, den einen seiner unnatürlich langen, dünnen Arme in übertriebener Weise hin und her schlenkerte, um sich das Ansehen zuversichtlicher Lässigkeit zu geben, und mit dem anderen ein gefaltetes Papier vor sich her trug, ein Telegramm. Im Heraufsteigen suchte er mit scheu umherspringenden Blicken nach seinem Chef, und als er ihn dort drüben entdeckt hatte, wand er sich mit hastig gemurmelten Entschuldigungen durch die Menge der Gäste, die ihm den Weg versperrte.