Seine Verschämtheit war ganz überflüssig, denn niemand achtete seiner. Ohne ihn anzusehen, und indem man fortfuhr, zu plaudern, machte man ihm mit einer kleinen Bewegung Platz und bemerkte kaum mit einem flüchtigen Blick, daß er dem Senator Buddenbrook das Telegramm mit einem Bückling überreichte, und daß dieser hierauf von Kistenmaker, Gieseke und Voigt weg mit ihm beiseite trat, um zu lesen. Auch heute, da doch die weitaus meisten Drahtnachrichten in bloßen Glückwünschen bestanden, mußte während der Geschäftszeit jede Depesche sofort und unter allen Umständen überbracht werden.
Beim Aufgang zur zweiten Etage bildete der Korridor ein Knie, um sich nun in der Richtung der Saallänge bis zur Gesindetreppe hinzuziehen, bei der sich ein Nebeneingang zum Saale befand. Der Treppe zum zweiten Stockwerk gegenüber war die Öffnung zum Schacht der Winde, mit der die Speisen aus der Küche heraufbefördert wurden, und dabei stand an der Wand ein größerer Tisch, an welchem das Folgmädchen Silberzeug zu putzen pflegte. Hier blieb der Senator stehen, indem er dem buckligen Lehrling den Rücken zuwandte, und erbrach die Depesche.
Plötzlich erweiterten sich seine Augen so sehr, daß jeder, der es gesehen hätte, entsetzt zurückgefahren wäre, und mit einem einzigen, kurzen, krampfhaften Ruck zog er die Luft so heftig ein, daß sie im Nu seine Kehle austrocknete und ihn husten machte.
Er vermochte zu sagen: »Es ist gut.« Aber das Stimmengeräusch hinter ihm machte ihn unverständlich. »Es ist gut«, wiederholte er; aber nur die beiden ersten Wörter hatten Ton; das letzte war ein Flüstern.
Da der Senator sich nicht bewegte, sich nicht umwandte, nicht einmal andeutungsweise eine Bewegung rückwärts machte, so wiegte der bucklige Lehrling sich noch einen Augenblick unsicher und zögernd von einem Fuß auf den andern. Dann vollführte er abermals seinen bizarren Bückling und begab sich die Gesindetreppe hinunter.
Senator Buddenbrook blieb an dem Tische stehen. Seine Hände, in denen er die entfaltete Depesche hielt, hingen schlaff vor ihm nieder, und während er noch immer mit halb offenem Munde kurz, mühsam und schnell atmete, wobei sein Oberkörper sich arbeitend vor- und rückwärts bewegte, schüttelte er, verständnislos und wie vom Schlage gerührt, unaufhörlich seinen Kopf hin und her. »Das bißchen Hagel … das bißchen Hagel …« wiederholte er sinnlos. Dann aber ward sein Atem tiefer und ruhiger, die Bewegung seines Körpers langsamer; seine halbgeschlossenen Augen verschleierten sich mit einem müden und fast gebrochenen Ausdruck, und mit schwerem Kopfnicken wandte er sich zur Seite.
Er öffnete die Tür zum Saale und trat ein. Langsam, gesenkten Hauptes, schritt er über die spiegelnde Fußbodenfläche des weiten Raumes und ließ sich ganz hinten am Fenster auf einem der dunkelroten Ecksofas nieder. Es war still und kühl hier. Man vernahm das Plätschern des Springbrunnens im Garten, eine Fliege stieß summend gegen die Fensterscheibe, und nur ein gedämpftes Geräusch drang vom Vorplatze zu ihm.
Er legte ermattet den Kopf auf das Polster und schloß die Augen. »Es ist gut so, es ist gut so«, murmelte er halblaut; und dann, ausatmend, befriedigt, befreit, wiederholte er noch einmal: »Es ist ganz gut so!«
Mit gelösten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fünf Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen, schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen Gästen zu gehen.
Aber in demselben Augenblick sank er mit einem Ächzen des Ekels auf das Polster zurück. Die Musik … die Musik setzte wieder ein, mit einem albernen Lärm, der einen Galopp bedeuten sollte und in welchem Pauke und Becken einen Rhythmus markierten, den die übrigen voreilig und verspätet ineinander hallenden Schallmassen nicht innehielten, einem aufdringlichen und in seiner naiven Unbefangenheit unerträglich aufreizenden Tohuwabohu von Knarren, Schmettern und Quinquilieren, zerrissen von den aberwitzigen Pfiffen der Pikkoloflöte. –