Dann stand er auf und reichte mit einer stummen Verbeugung Herrn Pfühl die Hand, der sacht und liebevoll über Hannos hellbraunes Haar strich, das sich so weich und graziös um Stirn und Schläfen schmiegte.
»Horche du nur, mein Sohn!« sagte er mit mildem Nachdruck, und das Kind betrachtete ein wenig scheu des Organisten großen, beim Sprechen in die Höhe wandernden Kehlkopfapfel, worauf es sich leise und schnell an seinen Platz zurückbegab, als könne es die Fortsetzung des Spieles und der Gespräche kaum erwarten.
Ein Satz Haydn, einige Seiten Mozart, eine Sonate von Beethoven wurden durchgeführt. Dann jedoch, während Gerda, die Geige unterm Arm, neue Noten herbeisuchte, geschah das Überraschende, daß Herr Pfühl, Edmund Pfühl, Organist an Sankt Marien, mit seinem freien Zwischenspiel allgemach in einen sehr seltsamen Stil hinüberglitt, wobei in seinem fernen Blick eine Art verschämten Glückes erglänzte … Unter seinen Fingern hub ein Schwellen und Blühen, ein Weben und Singen an, aus welchem sich, leise zuerst und wieder verwehend, dann immer klarer und markiger, in kunstvoller Kontrapunktik ein altväterisch grandioses, wunderlich pomphaftes Marschmotiv hervorhob … Eine Steigerung, eine Verschlingung, ein Übergang … und mit der Auflösung setzte im fortissimo die Violine ein. Das Meistersinger-Vorspiel zog vorüber.
Gerda Buddenbrook war eine leidenschaftliche Verehrerin der neuen Musik. Was aber Herrn Pfühl betraf, so war sie bei ihm auf einen so wild empörten Widerstand gestoßen, daß sie anfangs daran verzweifelt hatte, ihn für sich zu gewinnen.
Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und Isolde« aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er nach fünfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des äußersten Ekels zwischen Erker und Flügel hin und wider geeilt.
»Ich spiele dies nicht, gnädige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener, aber ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik … glauben Sie mir doch … ich habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen! Dies ist das Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller Moral in der Kunst! Ich spiele es nicht!« Und mit diesen Worten hatte er sich wieder auf den Sessel geworfen und, während sein Kehlkopf auf und nieder wanderte, unter Schlucken und hohlem Husten weitere fünfundzwanzig Takte hervorgebracht, um dann das Klavier zu schließen und zu rufen:
»Pfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir, verehrteste Frau, ich rede offen … Sie honorieren mich, Sie bezahlen mich seit Jahr und Tag für meine Dienste … und ich bin ein Mann in bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen …! Und das Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise hereingekommen, um Musik zu hören! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und gar vergiften?« …
Aber so fürchterlich er sich gebärdete, – langsam und Schritt für Schritt, durch Gewöhnung und Zureden, zog sie ihn zu sich herüber.
»Pfühl«, sagte sie, »seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe. Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie … Sie finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und natürlich. Aber bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat … und Bach selbst, mein Gott, man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor!… Sie sprechen von Moral … aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich nicht irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den haben Sie hier. So gut wie bei Bach. Großartiger, bewußter, vertiefter als bei Bach. Glauben Sie mir, Pfühl, diese Musik ist Ihrem innersten Wesen weniger fremd, als Sie annehmen!«
»Gaukelei und Sophismen – um Vergebung«, murrte Herr Pfühl. Aber sie behielt recht: diese Musik war ihm im Grunde weniger fremd, als er anfangs glaubte. Zwar mit dem Tristan söhnte er sich niemals vollständig aus, obgleich er Gerdas Bitte, den »Liebestod« für Violine und Pianoforte zu setzen, schließlich mit vielem Geschick erfüllte. Gewisse Partien der »Meistersinger« waren es, für die er zuerst ein oder das andere Wort der Anerkennung fand … und nun begann unwiderstehlich erstarkend die Liebe zu dieser Kunst sich in ihm zu regen. Er gestand sie nicht, er erschrak fast darüber und verleugnete sie mit Murren. Aber seine Partnerin brauchte nun nicht mehr in ihn zu dringen, damit er, hatten die alten Meister ihr Recht erhalten, seine Griffe kompliziere und, mit jenem Ausdrucke eines verschämten und fast ärgerlichen Glückes im Blick, in das Leben und Weben der Leitmotive hinüberführe. Nach dem Spiele aber entspann sich vielleicht eine Auseinandersetzung über die Beziehungen dieses Kunststiles zu dem des Strengen Satzes, und eines Tages erklärte Herr Pfühl, er sähe sich, obgleich das Thema ihn persönlich ja nicht berühre, nun doch verpflichtet, seinem Buche über den Kirchenstil einen Anhang »über die Anwendung der alten Tonarten in Richard Wagners Kirchen- und Volksmusik« hinzuzufügen.