Hanno saß ganz still, die kleinen Hände um sein Knie gefaltet und, wie er zu tun pflegte, die Zunge an einem Backenzahn scheuernd, wodurch sein Mund ein wenig verzogen wurde. Mit großen, unverwandten Augen beobachtete er seine Mutter und Herrn Pfühl. Er lauschte auf ihr Spiel und auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß, nach den ersten Schritten, die er auf seinem Lebenswege getan, er der Musik als einer außerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde. Kaum hie und da verstand er ein Wort von dem, was gesprochen wurde, und was erklang, ging meist weit über sein kindliches Verständnis hinaus. Wenn er dennoch immer wiederkam und ohne sich zu langweilen Stunde für Stunde reglos an seinem Platze ausharrte, so waren es Glaube, Liebe und Ehrfurcht, die ihn dazu vermochten.
Er war erst sieben Jahre alt, als er mit Versuchen begann, gewisse Klangverbindungen, die Eindruck auf ihn gemacht, auf eigene Hand am Flügel zu wiederholen. Seine Mutter sah ihm lächelnd zu, verbesserte seine mit stummem Eifer zusammengesuchten Griffe und unterwies ihn darin, warum gerade dieser Ton nicht fehlen dürfe, damit sich aus diesem Akkord der andere ergäbe. Und sein Gehör bestätigte ihm, was sie ihm sagte.
Nachdem Gerda Buddenbrook ihn ein wenig hatte gewähren lassen, beschloß sie, daß er Klavierunterricht bekommen sollte.
»Ich glaube, er inkliniert nicht zum Solistentum«, sagte sie zu Herrn Pfühl, »und ich bin eigentlich froh darüber, denn es hat seine Schattenseiten. Ich rede nicht über die Abhängigkeit des Solisten von der Begleitung, obgleich sie unter Umständen sehr empfindlich werden kann, und wenn ich Sie nicht hätte … Aber dann besteht immer die Gefahr, daß man in mehr oder minder vollendetes Virtuosentum gerät … Sehen Sie, ich weiß ein Lied davon zu singen. Ich bekenne Ihnen offen, ich bin der Ansicht, daß für den Solisten eigentlich die Musik erst mit einem sehr hohen Grade von Können beginnt. Die angestrengte Konzentration auf die Oberstimme, ihre Phrasierung und Tonbildung, wobei die Polyphonie nur als etwas sehr Vages und Allgemeines zum Bewußtsein kommt, kann bei mittelmäßig Begabten ganz leicht eine Verkümmerung des harmonischen Sinnes und des Gedächtnisses für Harmonien zur Folge haben, die später schwer zu korrigieren ist. Ich liebe meine Geige und habe es ziemlich weit mit ihr gebracht, aber eigentlich steht das Klavier mir höher … Ich sage nur dies: die Vertrautheit mit dem Klavier, als mit einem Mittel, die vielfältigsten und reichsten Tongebilde zu resümieren, einem unübertrefflichen Mittel zur musikalischen Reproduktion, bedeutet für mich ein intimeres, klareres und umfassenderes Verhältnis zur Musik … Hören Sie, Pfühl, ich möchte Sie gleich selbst für ihn in Anspruch nehmen, seien Sie so gut! Ich weiß wohl, es gibt hier in der Stadt noch zwei oder drei Leute – ich glaube, weiblichen Geschlechts –, die Unterricht geben; aber das sind eben Klavierlehrerinnen … Sie verstehen mich … Es kommt so wenig darauf an, auf ein Instrument dressiert zu werden, sondern vielmehr darauf, ein wenig von Musik zu verstehen, nicht wahr?… Auf Sie verlasse ich mich. Sie nehmen die Sache ernster. Und Sie sollen sehen, Sie werden ganz guten Erfolg mit ihm haben. Er hat die Buddenbrookschen Hände … Die Buddenbrooks können alle Nonen und Dezimen greifen. – Aber sie haben noch niemals Gewicht darauf gelegt«, schloß sie lachend, und Herr Pfühl erklärte sich bereit, den Unterricht zu übernehmen.
Von nun an kam er auch am Montagnachmittag, um sich, während Gerda im Wohnzimmer saß, mit dem kleinen Johann zu beschäftigen. Er ging in nicht gewöhnlicher Art dabei vor, denn er fühlte, daß er dem stummen und leidenschaftlichen Eifer des Kindes mehr schuldig war, als es ein bißchen auf dem Klavier spielen zu lehren. Kaum war das Erste und Elementarste überwunden, als er schon anfing, in leicht faßlicher Form zu theoretisieren und seinen Schüler die Grundlagen der Harmonielehre sehen zu lassen. Und Hanno verstand; denn man bestätigte ihm nur, was er eigentlich von jeher schon gewußt hatte.
Soweit wie nur immer möglich, trug Herr Pfühl dem sehnsüchtigen Vorwärtsdrängen des Kindes Rechnung. Mit liebevoller Sorgfalt war er darauf bedacht, die Bleigewichte zu erleichtern, mit denen die Materie die Füße der Phantasie und des eifernden Talentes beschwert. Er verlangte nicht allzu streng eine große Fingerfertigkeit beim Üben der Tonleitern, oder sie war ihm doch nicht der Zweck dieser Übungen. Was er bezweckte und schnell erreichte, war vielmehr eine klare, umfassende und eindringliche Übersicht über alle Tonarten, eine innere und überblickende Vertrautheit mit ihren Verwandtschaften und Verbindungen, aus welcher nach gar nicht langer Zeit sich jener rasche Blick für viele Kombinationsmöglichkeiten, jenes intuitive Herrschaftsgefühl über die Klaviatur ergab, das zur Phantasie und Improvisation verführt … Mit einer rührenden Feinfühligkeit würdigte er die geistigen Bedürfnisse dieses kleinen, vom Hören verwöhnten Schülers, die auf einen ernsten Stil gerichtet waren. Er ernüchterte die Tiefe und Feierlichkeit seiner Stimmung nicht mit dem Üben banaler Liedchen. Er ließ ihn Choräle spielen und ließ keinen Akkord sich aus dem anderen ergeben, ohne auf die Gesetzmäßigkeit dieses Ergebnisses hinzuweisen.
Bei ihrer Stickerei oder ihrem Buche verfolgte Gerda jenseits der Portieren den Gang des Unterrichtes.
»Sie übertreffen alle meine Erwartungen«, sagte sie gelegentlich zu Herrn Pfühl. »Aber gehen Sie nicht zu weit? Gehen Sie nicht zu außerordentlich vor? Ihre Methode ist, wie mir scheint, eminent schöpferisch … Manchmal fängt er wahrhaftig schon mit Versuchen an, zu phantasieren. Aber wenn er Ihre Methode nicht verdient, wenn er nicht begabt genug dafür ist, so lernt er gar nichts …«
»Er verdient sie«, sagte Herr Pfühl und nickte. »Manchmal betrachte ich seine Augen … es liegt so vieles darin, aber seinen Mund hält er verschlossen. Später einmal im Leben, das vielleicht seinen Mund immer fester verschließen wird, muß er eine Möglichkeit haben, zu reden …«
Sie sah ihn an, diesen vierschrötigen Musikanten mit seiner Fuchsperücke, seinen Beuteln unter den Augen, seinem gebauschten Schnurrbart und seinem großen Kehlkopf – und dann reichte sie ihm die Hand und sagte: »Haben Sie Dank, Pfühl. Sie meinen es gut, und wir können noch gar nicht wissen, wieviel Sie an ihm tun.« –