»Nun?« fragte er, indem er eine Braue emporzog …
»Einen Augenblick, Thomas … etwas Dringendes … es duldet keinen Aufschub …«
Er öffnete ihr die gepolsterte Tür zu seinem Privatbüro, zog sie hinter sich zu, als sie beide eingetreten waren, und sah seine Schwester fragend an.
»Tom«, sagte sie mit wankender Stimme und rang die Hände in ihrer Pelzmuff, »du mußt es hergeben … vorläufig auslegen … du mußt sie, bitte, stellen, die Kaution … Wir haben sie nicht … Woher sollten wir jetzt fünfundzwanzigtausend Kurantmark nehmen?… Du wirst sie voll und ganz zurückbekommen … ach, wohl nur zu bald … du verstehst … es ist eingetreten, daß … kurz, der Prozeß ist auf dem Punkte, daß Hagenström sofortige Verhaftung oder eine Kaution von fünfundzwanzigtausend Kurantmark beantragt hat. Und Weinschenk gibt dir sein Ehrenwort, an Ort und Stelle zu bleiben …«
»Ist es wirklich so weit gekommen«, sagte der Senator kopfschüttelnd.
»Ja, dahin haben sie es gebracht, die Schurken, die Elenden …!« Und mit einem Aufschluchzen ohnmächtigen Zornes sank Frau Permaneder in den mit Wachstuch überzogenen Sessel, der neben ihr stand. »Und sie werden es noch weiterbringen, Tom, sie werden es bis ans Ende führen …«
»Tony«, sagte er und setzte sich schräg vor den Mahagonischreibtisch, schlug ein Bein über das andere und stützte den Kopf in die Hand … »Sprich aufrichtig, glaubst du noch an seine Unschuld?«
Sie schluchzte ein paarmal und antwortete dann leise und verzweifelt: »Ach, nein, Tom … Wie könnte ich das wohl? Gerade ich, die soviel Böses erleben mußte? Ich habe es von Anfang an nicht recht gekonnt, obgleich ich mich so ehrlich bemüht habe. Das Leben, weißt du, macht es einem so furchtbar schwer, an die Unschuld irgendeines Menschen zu glauben … Ach nein, mich haben schon seit langem Zweifel an seinem guten Gewissen gequält, und Erika selbst … sie ist irre an ihm geworden … sie hat es mir mit Weinen gestanden … irre an ihm geworden durch sein Betragen zu Hause. Wir haben natürlich geschwiegen … Seine Außenseite wurde immer rauher … und dabei verlangte er immer strenger, daß Erika heiter sein und seine Sorgen zerstreuen sollte und zerschlug Geschirr, wenn sie ernst war. Du weißt nicht, wie es war, wenn er sich spät abends noch stundenlang mit seinen Akten einschloß … und wenn man klopfte, so hörte man, wie er aufsprang und rief: ›Wer ist da! Was ist da!‹ …«
»Aber möge er doch schuldig sein! Möge er sich doch vergangen haben!« begann Frau Permaneder aufs neue, und hierbei schwoll ihre Stimme an. »Er hat nicht für seine Tasche gearbeitet, sondern für die der Gesellschaft; und dann … Herr du mein Gott, es gibt doch Rücksichten zu beobachten in diesem Leben, Tom! Er hat nun einmal in unsere Familie hineingeheiratet … er gehört nun einmal zu uns … Man kann einen von uns doch nicht ins Gefängnis sperren, grundgütiger Himmel!…«