Er zuckte die Achseln.

»Du zuckst die Achseln, Tom … Du bist also willens, es zu dulden, es hinzunehmen, daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone aufzusetzen? Man muß doch irgend etwas tun! Er darf doch nicht verurteilt werden!… Du bist doch des Bürgermeisters rechte Hand … mein Gott, kann der Senat ihn denn nicht sofort begnadigen?… Ich will dir sagen … eben, bevor ich zu dir kam, war ich im Begriffe, zu Cremer zu gehen und ihn auf alle Weise anzuflehen, er möge intervenieren, möge in die Sache eingreifen … Er ist Polizeichef …«

»Oh, Kind, was für Torheiten.«

»Torheiten, Tom? – Und Erika? Und das Kind?« sagte sie und hob ihm flehend die Muff entgegen, in der ihre beiden Hände steckten. Dann schwieg sie einen Augenblick und ließ die Arme sinken; ihr Mund verbreiterte sich, ihr Kinn, das sich kraus zusammenzog, geriet in zitternde Bewegung, und während unter ihren gesenkten Lidern zwei große Tränen hervorquollen, fügte sie ganz leise hinzu: »Und ich …?«

»Oh, Tony, Courage!« sagte der Senator, und gerührt und ergriffen von ihrer Hilflosigkeit rückte er ihr nahe, um ihr tröstend das Haar zurückzustreichen. »Noch ist nicht aller Tage Abend. Noch ist er ja nicht verurteilt. Es kann ja alles gut gehen. Jetzt stelle ich erst einmal die Kaution, ich sage natürlich nicht nein dazu. Und dann ist Breslauer ja ein schlauer Mensch …«

Sie schüttelte weinend den Kopf.

»Nein, Tom, es wird nicht gut gehen, ich glaube nicht daran. Sie werden ihn verurteilen und einstecken, und dann kommt eine schwere Zeit für Erika und das Kind und mich. Ihre Mitgift ist nicht mehr da, sie steckt in der Ausstattung, in den Möbeln und den Bildern … und beim Verkaufe bekommt man kaum ein Viertel heraus … Und das Gehalt haben wir immer verbraucht … Weinschenk hat nichts zurückgelegt. Wir werden wieder zu Mutter ziehen, wenn sie es erlaubt, bis er wieder auf freiem Fuße ist und dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und uns?… Wir können einfach auf den Steinen sitzen«, sagte sie schluchzend.

»Auf den Steinen?«

»Nun ja, das ist eine Redewendung … eine bildliche … Ach nein, es wird nicht gut gehen. Auf mich ist zu vieles herabgekommen … ich weiß nicht, womit ich es verdient habe … aber ich kann nicht mehr hoffen. Nun wird es Erika ergehen, wie es mir mit Grünlich und Permaneder ergangen ist … Aber jetzt kannst du es sehen, jetzt kannst du es aus nächster Nähe beurteilen, wie es ist, wie es kommt, wie es über einen hereinbricht! Kann man nun etwas dafür? Tom, ich bitte dich, kann man nun etwas dafür!« wiederholte sie und nickte ihm trostlos fragend, mit großen, tränenvollen Augen zu. »Alles ist fehlgeschlagen und hat sich zum Unglück gewandt, was ich unternommen habe … Und ich habe so gute Absichten gehabt, Gott weiß es!… Ich habe immer so innig gewünscht, es zu etwas zu bringen im Leben und ein bißchen Ehre einzulegen … Nun bricht auch dies zusammen. So muß es enden … Das Letzte …«

Und an seinen Arm gelehnt, den er besänftigend um sie gelegt hatte, weinte sie über ihr verfehltes Leben, in dem nun die letzten Hoffnungen erloschen waren.