»Hast du die Schlüssel zum Silberzeug? – Gut. Laß dem übrigen seinen Lauf. Dergleichen ist unvermeidlich, wenn ein Haushalt aufgelöst wird, in dem zuletzt sowieso schon ein bißchen lax regiert wurde. Ich will jetzt keinen Lärm machen. Das Weißzeug ist alt und defekt … Übrigens werden wir ja sehen, was noch da ist. Hast du die Verzeichnisse? Auf dem Tische? Gut. Wir werden ja gleich sehen.«

Und sie traten in das Schlafzimmer, um ein Weilchen still nebeneinander an dem Bette stehenzubleiben, nachdem Frau Antonie das weiße Tuch vom Gesicht der Toten genommen hatte. Die Konsulin war schon in dem seidenen Gewand, in welchem sie heute nachmittag im Saale droben aufgebahrt werden sollte; es war achtundzwanzig Stunden nach ihrem letzten Atemzuge. Mund und Wangen waren, da die künstlichen Zähne fehlten, greisenhaft eingefallen, und das Kinn schob sich schroff und eckig aufwärts. Alle drei bemühten sich schmerzlich, während sie auf diese unerbittlich tief und fest geschlossenen Augenlider blickten, in diesem Antlitz das ihrer Mutter wiederzuerkennen. Aber unter der Haube, die die alte Dame Sonntags getragen, saß wie im Leben das rötlichbraune, glattgescheitelte Toupet, über das die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße sich sooft lustig gemacht hatten … Blumen lagen verstreut auf der Steppdecke.

»Es sind schon die prachtvollsten Kränze gekommen«, sagte Frau Permaneder leise. »Von allen Familien … ach, einfach von aller Welt! Ich habe alles auf den Korridor hinaufschaffen lassen; ihr müßt es euch später ansehen, Gerda und Tom. Es ist traurigschön. Atlasschleifen von dieser Größe …«

»Wie weit ist es mit dem Saal?« fragte der Senator.

»Bald fertig, Tom. Fast bereit. Tapezierer Jacobs hat sich alle Mühe gegeben. Auch der …«, und sie schluckte einen Augenblick … »auch der Sarg ist vorhin gekommen. Aber ihr müßt nun ablegen, ihr Lieben«, fuhr sie fort und zog behutsam das weiße Tuch an seinen Platz zurück. »Hier ist es kalt, aber im Frühstückszimmer ist ein bißchen geheizt … Laß dir helfen, Gerda; mit einem so prachtvollen Umhang muß man vorsichtig umgehen … Darf ich dir einen Kuß geben? Du weißt, ich liebe dich, wenn du mich auch immer verabscheut hast … Nein, ich verderbe dir nicht die Frisur, wenn ich dir den Hut abnehme … Dein schönes Haar! Solches Haar hat Mutter auch in ihrer Jugend gehabt. Sie war ja niemals so herrlich wie du, aber es hat doch eine Zeit gegeben, und ich war schon auf der Welt, wo sie eine wirklich schöne Erscheinung gewesen ist. Und nun … Ist es nicht wahr, was euer Grobleben immer sagt: Wir müssen alle zu Moder werden –? Ein so einfacher Mann er ist … Ja, Tom, das sind die hauptsächlichsten Verzeichnisse.«

Sie waren ins Nebenzimmer zurückgekehrt und setzten sich an den runden Tisch, während der Senator die Papiere zur Hand nahm, auf welchen die Gegenstände verzeichnet standen, die unter die nächsten Erben verteilt werden sollten … Frau Permaneder ließ das Gesicht ihres Bruders nicht aus den Augen, sie beobachtete es mit erregtem und gespanntem Ausdruck. Es gab etwas, eine schwere unabwendbare Frage, auf die ihr ganzes Denken ängstlich gerichtet war, und die in der nächsten Stunde zur Sprache kommen mußte …

»Ich denke«, fing der Senator an, »wir halten den üblichen Grundsatz fest, daß Geschenke zurückgehen, so daß also …«

Seine Frau unterbrach ihn.

»Verzeih, Thomas, mir scheint … Christian … wo ist er denn?«

»Ja, mein Gott, Christian!« rief Frau Permaneder. »Wir vergessen ihn ja!«