»Richtig«, sagte der Senator und ließ die Papiere sinken. »Wird er denn nicht gerufen?«

Und Frau Permaneder ging zum Glockenzug. Aber in demselben Augenblick öffnete schon Christian selbst die Tür und trat ein. Er kam ziemlich rasch ins Zimmer, schloß die Tür nicht ganz geräuschlos und blieb mit zusammengezogenen Brauen stehen, indem er seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen ohne jemanden anzublicken von einer Seite zur anderen wandern ließ und seinen Mund unter dem buschigen, rötlichen Schnurrbart in unruhiger Bewegung öffnete und schloß … Er schien sich in einer Art trotziger und gereizter Stimmung zu befinden.

»Ich höre, daß ihr da seid«, sagte er kurz. »Wenn über die Sachen gesprochen werden soll, so muß ich doch benachrichtigt werden.«

»Wir waren im Begriffe«, antwortete der Senator gleichgültig. »Nimm nur Platz.«

Dabei aber blieben seine Augen auf den weißen Knöpfen haften, mit denen Christians Hemd geschlossen war. Er selbst war in tadelloser Trauerkleidung, und auf seinem Hemdeinsatz, welcher, am Kragen von der breiten, schwarzen Schleife abgeschlossen, blendend weiß aus der Umrahmung des schwarzen Tuchrockes hervortrat, saßen statt der goldenen, die er zu tragen pflegte, schwarze Knöpfe. Christian bemerkte den Blick, denn während er einen Stuhl herbeizog und sich setzte, berührte er mit der Hand seine Brust und sagte: »Ich weiß, daß ich weiße Knöpfe trage. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir schwarze zu kaufen, oder vielmehr, ich habe es unterlassen. Ich habe mir in den letzten Jahren oft fünf Schillinge für Zahnpulver leihen und mit einem Streichholz zu Bette gehen müssen … ich weiß nicht, ob ich so ausschließlich schuld daran bin. Übrigens sind schwarze Knöpfe in der Welt ja nicht die Hauptsache. Ich liebe die Äußerlichkeiten nicht. Ich habe nie Wert darauf gelegt.«

Gerda betrachtete ihn, während er sprach, und lachte nun leise. Der Senator bemerkte: »Die letzte Behauptung kannst du wohl auf die Dauer nicht vertreten, mein Lieber.«

»So? Vielleicht weißt du es besser, Thomas. Ich sage nur dies, daß ich auf solche Sachen kein Gewicht lege. Ich habe zuviel von der Welt gesehen, habe unter zu verschiedenen Menschen mit zu verschiedenen Sitten gelebt, als daß ich … Übrigens bin ich ein erwachsener Mensch«, sagte er plötzlich laut, »ich bin dreiundvierzig Jahre alt, ich bin mein eigener Herr und darf jedem verwehren, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.«

»Mir scheint, du hast etwas auf dem Herzen, mein Freund«, sagte der Senator erstaunt. »Was die Knöpfe betrifft, so habe ich ja, wenn mich nicht alles täuscht, noch kein Wort darüber verloren. Regle deine Trauertoilette ganz nach Geschmack; nur glaube nicht, daß du mit deiner billigen Vorurteilslosigkeit Eindruck auf mich machst …«

»Ich will gar keinen Eindruck auf dich machen …«

»Tom … Christian …«, sagte Frau Permaneder. »Wir wollen doch keinen gereizten Ton anschlagen … heute … und hier, wo nebenan … Fahr' fort, Thomas. Geschenke gehen also zurück? Das ist nicht mehr als billig.«