»Du stirbst ja nicht«, sagte der Senator verächtlich.
»Ich sterbe nicht? Gut, ich sterbe also nicht! Wir werden ja sehen, wer von uns beiden früher stirbt!… Arbeite! Wenn ich aber nicht kann? Wenn ich es nun aber auf die Dauer nicht kann, Herr Gott im Himmel?! Ich kann nicht lange Zeit dasselbe tun, ich werde elend davon! Wenn du es gekonnt hast und kannst, so freue dich doch, aber sitze nicht zu Gericht, denn ein Verdienst ist nicht dabei … Gott gibt dem einen Kraft und dem anderen nicht … Aber so bist du, Thomas«, fuhr er fort, indem er sich mit immer verzerrterem Gesicht über den Tisch beugte und immer heftiger auf die Platte pochte … »Du bist selbstgerecht … ach, warte nur, das ist es nicht, was ich sagen wollte und was ich gegen dich vorzubringen habe … Aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und das, was ich werde sagen können, ist nur der tausendste … ach, es ist nur der millionste Teil von dem, was ich gegen dich auf dem Herzen habe! Du hast dir einen Platz im Leben erobert, eine geehrte Stellung, und da stehst du nun und weisest kalt und mit Bewußtsein alles zurück, was dich einen Augenblick beirren und dein Gleichgewicht stören könnte, denn das Gleichgewicht, das ist dir das Wichtigste. Aber es ist nicht das Wichtigste, Thomas, es ist vor Gott nicht die Hauptsache! Du bist ein Egoist, ja, das bist du! Ich liebe dich noch, wenn du schiltst und auftrittst und einen niederdonnerst. Aber am schlimmsten ist dein Schweigen, am schlimmsten ist es, wenn du auf etwas, was man gesagt hat, plötzlich verstummst und dich zurückziehst und jede Verantwortung ablehnst, vornehm und intakt, und den anderen hilflos seiner Beschämung überläßt … Du bist so ohne Mitleid und Liebe und Demut … Ach!« rief er plötzlich, indem er beide Hände hinter seinen Kopf bewegte und sie dann weit vorwärts stieß, als wehrte er die ganze Welt von sich ab … »Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefühl und Feingefühl und Gleichgewicht, diese Haltung und Würde … wie sterbenssatt!…« Und dieser letzte Ruf war in einem solchen Grade echt, er kam so sehr von Herzen und brach mit einem solchen Nachdruck von Widerwillen und Überdruß hervor, daß er tatsächlich etwas Niederschmetterndes hatte, ja, daß Thomas ein wenig zusammensank und eine Weile wortlos und mit müder Miene vor sich niederblickte.
»Ich bin geworden wie ich bin«, sagte er endlich, und seine Stimme klang bewegt, »weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich innerlich gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß, weil dein Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist … ich spreche die Wahrheit.«
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann in kürzerem und befestigtem Tone fort: »Übrigens haben wir uns weit von unserem Gegenstande entfernt. Du hast mir eine Rede über meinen Charakter gehalten … eine etwas verworrene Rede, die vielleicht einen Kern von Wahrheit enthielt. Aber es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um dich. Du trägst dich mit Heiratsgedanken, und ich möchte dich möglichst gründlich davon überzeugen, daß die Ausführung in der Weise, wie du sie planst, unmöglich ist. Erstens werden die Zinsen, die ich dir werde auszahlen können, von keiner sehr ermutigenden Höhe sein …«
»Aline hat manches zurückgelegt.«
Der Senator schluckte hinunter und bezwang sich.
»Hm … zurückgelegt. Du gedenkst also Mutters Erbe mit den Ersparnissen dieser Dame zu vermischen …«
»Ja. Ich sehne mich nach einem Heim und nach jemandem, der Mitleid mit mir hat, wenn ich krank bin. Übrigens passen wir ganz gut zusammen. Wir sind beide ein bißchen verfahren …«
»Du gedenkst ferner, die vorhandenen Kinder zu adoptieren, beziehungsweise zu … legitimieren?«
»Jawohl.«