»So daß also dein Vermögen nach deinem Tode an jene Leute überginge?« – Als der Senator dies sagte, legte Frau Permaneder ihre Hand auf seinen Arm und flüsterte beschwörend: »Thomas!… Mutter liegt nebenan!…«
»Ja«, antwortete Christian, »das gehört sich doch so.«
»Nun, du wirst das alles nicht tun!« rief der Senator und sprang auf. Auch Christian erhob sich, trat hinter seinen Stuhl, erfaßte ihn mit einer Hand, drückte das Kinn auf die Brust und sah seinen Bruder halb scheu und halb entrüstet an.
»Du wirst es nicht tun …«, wiederholte Thomas Buddenbrook beinahe sinnlos vor Zorn, blaß, bebend und mit zuckenden Bewegungen. »Solange ich über der Erde bin, geschieht dies nicht … ich schwöre es dir!… Hüte dich … nimm dich in acht …! Es ist genug Geld durch Unglück, Torheit und Niedertracht verloren gegangen, als daß du dich unterstehen dürftest, ein Viertel von Mutters Vermögen diesem Frauenzimmer und ihren Bastarden in den Schoß zu werfen!… Und das, nachdem schon ein anderes Viertel von Tiburtius erschlichen worden!… Du hast der Familie genug der Blamage zugefügt, Mensch, als daß es noch nötig wäre, uns mit einer Kurtisane zu verschwägern und ihren Kindern unseren Namen zu geben. Ich verbiete es dir, hörst du? ich verbiete es dir!« rief er mit einer Stimme, daß das Zimmer erdröhnte und Frau Permaneder sich weinend in einen Winkel des Sofas drückte. »Und wage es nicht, gegen dies Verbot zu handeln, das rate ich dir! Ich habe dich bis jetzt bloß verachtet, ich habe über dich hinweggesehen … aber forderst du mich heraus, läßt du es zum Äußersten kommen, so werden wir sehen, wer den kürzeren zieht! Ich sage dir, hüte dich! Ich kenne keine Rücksicht mehr! Ich lasse dich für kindisch erklären, ich lasse dich einsperren, ich mache dich zunichte! Zunichte! Verstehst du mich?!…«
»Und ich sage dir …«, fing Christian an … Und nun ging das Ganze in einen Wortstreit über, einen abgerissenen, nichtigen, beklagenswerten Wortstreit ohne ein eigentliches Thema, ohne einen anderen Zweck als den, zu beleidigen, einander mit Worten bis aufs Blut zu verwunden. Christian kam auf den Charakter seines Bruders zurück und suchte aus alter Vergangenheit einzelne Züge, peinliche Anekdoten hervor, die Thomas' Egoismus belegen sollten und die Christian nicht hatte vergessen können, sondern mit sich umhergetragen und mit Bitterkeit durchtränkt hatte. Und der Senator antwortete ihm in übertriebenen Worten der Verachtung und der Drohung, die er zehn Minuten später bereute. Gerda hatte das Haupt leicht in die Hand gestützt und beobachtete die beiden mit verschleierten Augen und einem nicht bestimmbaren Gesichtsausdruck. Frau Permaneder wiederholte beständig in Verzweiflung: »Und Mutter liegt nebenan … Und Mutter liegt nebenan …«
Christian, der sich schon während der letzten Repliken im Zimmer hin und her bewegt hatte, räumte endlich den Kampfplatz.
»Es ist gut! Wir werden ja sehen!« rief er, und mit verwildertem Schnurrbart und roten Augen, den Rock offen, das Taschentuch in der herabhängenden Hand, hitzig und exaltiert, ging er zur Tür und ließ sie hinter sich ins Schloß fallen.
In der plötzlichen Stille stand der Senator noch einen Augenblick aufrecht und sah dorthin, wo sein Bruder verschwunden war. Dann setzte er sich schweigend, nahm mit kurzen Bewegungen die Papiere wieder zur Hand und erledigte mit trockenen Worten, was noch zu erledigen war, worauf er sich zurücklehnte, die Spitzen seines Bartes durch die Finger gleiten ließ und in Gedanken versank.
Frau Permaneders Herz pochte so voller Angst! Die Frage, die große Frage war nun nicht länger hinauszuschieben; sie mußte zur Sprache kommen, er mußte sie beantworten … aber ach, war er jetzt in der Stimmung, Pietät und Milde walten zu lassen?
»Und … Tom –«, fing sie an, indem sie zuerst in ihren Schoß blickte und dann einen zagen Versuch machte, in seiner Miene zu lesen … »Die Möbel … Du hast natürlich schon alles in Erwägung gezogen … Die Sachen, die uns gehören, ich meine Erika, der Kleinen und mir … sie bleiben hier … mit uns … kurz … das Haus, wie ist es damit?« fragte sie und rang heimlich die Hände.