In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan und keine fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedigung hätte hingeben können. Sein Tätigkeitstrieb aber, die Unfähigkeit seines Kopfes, zu ruhen, seine Aktivität, die stets etwas gründlich anderes gewesen war als die natürliche und durable Arbeitslust seiner Väter: etwas Künstliches nämlich, ein Drang seiner Nerven, ein Betäubungsmittel im Grunde, so gut wie die kleinen, scharfen russischen Zigaretten, die er beständig dazu rauchte … sie hatte ihn nicht verlassen, er war ihrer weniger Herr als jemals, sie hatte überhandgenommen und wurde zur Marter, indem sie sich an eine Menge von Nichtigkeiten verzettelte. Er war gehetzt von fünfhundert nichtswürdigen Bagatellen, die zum großen Teil nur die Instandhaltung seines Hauses und seiner Toilette betrafen, die er aus Überdruß verschob, die sein Kopf nicht beieinander zu halten vermochte und mit denen er nicht in Ordnung kam, weil er unverhältnismäßig viel Nachdenken und Zeit daran verschwendete.

Das, was man in der Stadt seine »Eitelkeit« nannte, hatte in einer Weise zugenommen, deren er selbst längst begonnen hatte sich zu schämen, ohne daß er imstande gewesen wäre, sich der Gewohnheiten zu entschlagen, die sich in dieser Beziehung entwickelt hatten. Von dem Augenblicke an, da er nach einer nicht unruhig aber in dumpfem und unerquicklichem Schlafe verbrachten Nacht im Schlafrock zu Herrn Wenzel, dem alten Barbier, ins Ankleidezimmer trat – es war 9 Uhr, und er hatte sich früher viel zeitiger erhoben – verbrauchte er volle anderthalb Stunden bei seinem Anzuge, bis er sich fertig und entschlossen fühlte, den Tag zu beginnen, indem er sich zum Tee ins erste Stockwerk hinunterbegab. Seine Toilette war so umständlich und dabei in der Reihenfolge ihrer Einzelheiten, von der kalten Dusche im Badezimmer bis zum Schluß, wenn das letzte Stäubchen vom Rocke entfernt war und die Bartenden zum letzten Male durch die Brennschere glitten, so fest und unabänderlich geregelt, daß die beständig wiederholte Abhaspelung dieser zahllosen kleinen Handgriffe und Arbeiten ihn jeden Augenblick zur Verzweiflung brachte. Dennoch hätte er es nicht vermocht, das Kabinett mit dem Bewußtsein zu verlassen, irgend etwas davon unterlassen oder nur flüchtig erledigt zu haben, aus Furcht, dieses Gefühls von Frische, Ruhe und Intaktheit verlustig zu gehen, das doch nach einer einzigen Stunde wieder verloren war und notdürftig erneuert werden mußte.

Er sparte in allen Dingen, soweit das, ohne sich dem Gerede auszusetzen, tunlich war, – nur nicht in betreff seiner Garderobe, die er durchaus bei dem elegantesten Schneider von Hamburg anfertigen ließ und für deren Erhaltung und Ergänzung er keine Kosten scheute. Eine Tür, die in ein anderes Zimmer zu führen schien, verschloß die geräumige Nische, die in eine Wand des Ankleidekabinetts eingemauert war, und in der an langen Reihen von Haken, über gebogene Holzleisten ausgespannt, die Jacketts, Smokings, Gehröcke, Fräcke für alle Jahreszeiten und in allen Gradabstufungen der gesellschaftlichen Feierlichkeit hingen, während auf mehreren Stühlen die Beinkleider, sorgfältig in die Falten gelegt, aufgestapelt waren. In der Kommode aber, mit dem gewaltigen Spiegelaufsatz, dessen Platte mit Kämmen, Bürsten und Präparaten für die Pflege des Haupthaares und Bartes bedeckt war, lagerte der Vorrat von verschiedenartiger Leibwäsche, die beständig gewechselt, gewaschen, verbraucht und ergänzt wurde …

In diesem Kabinett verbrachte er nicht nur am Morgen eine lange Zeit, sondern auch vor jedem Diner, jeder Senatssitzung, jeder öffentlichen Versammlung, kurz, immer, bevor es galt, sich unter Menschen zu zeigen und zu bewegen, ja selbst vor den alltäglichen Mahlzeiten zu Hause, bei denen außer ihm selbst nur seine Frau, der kleine Johann und Ida Jungmann zugegen waren. Und wenn er hinaustrat, so verschaffte die frische Wäsche an seinem Körper, die tadellose und diskrete Eleganz seines Anzuges, sein sorgfältig gewaschenes Gesicht, der Geruch der Brillantine in seinem Schnurrbart und der herb-kühle Geschmack des gebrauchten Mundwassers ihm das Befriedigungs- und Bereitschaftsgefühl, mit dem ein Schauspieler, der seine Maske in allen Einzelheiten vollendet hergestellt hat, sich zur Bühne begibt … Wirklich! Thomas Buddenbrooks Dasein war kein anderes mehr als das eines Schauspielers, eines solchen aber, dessen ganzes Leben bis auf die geringste und alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen Produktion geworden ist, einer Produktion, die mit Ausnahme einiger weniger und kurzer Stunden des Alleinseins und der Abspannung beständig alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt … Der gänzliche Mangel eines aufrichtig feurigen Interesses, das ihn in Anspruch genommen hätte, die Verarmung und Verödung seines Inneren – eine Verödung, so stark, daß sie sich fast unablässig als ein unbestimmt lastender Gram fühlbar machte – verbunden mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zähen Entschlossenheit, um jeden Preis würdig zu repräsentieren, seine Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die »Dehors« zu wahren, hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es künstlich, bewußt, gezwungen gemacht und bewirkt, daß jedes Wort, jede Bewegung, jede geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibenden Schauspielerei geworden war.

Seltsame Einzelheiten traten dabei zutage, eigenartige Bedürfnisse, die er selbst mit Erstaunen und Widerwillen an sich wahrnahm. Im Gegensatze zu Leuten, die selbst keine Rolle spielen, sondern nur unbeachtet und den Blicken unzugänglich in aller Stille ihre Beobachtungen anstellen wollen, liebte er es nicht, das Tageslicht im Rücken zu haben, sich selbst im Schatten zu wissen und die Leute in heller Beleuchtung vor sich zu sehen; halb geblendet vielmehr das Licht in den Augen zu fühlen und die Leute, sein Publikum, die, auf die er als liebenswürdiger Gesellschafter oder als lebhafter Geschäftsmann und repräsentierender Firmenchef oder als öffentlicher Redner zu wirken hatte, als eine bloße Masse im Schatten vor sich zu sehen … nur dies gab ihm das Gefühl der Separation und Sicherheit, jenen blinden Rausch des Sich-Produzierens, in dem er seine Erfolge erzielte. Ja, eben dieser rauschartige Zustand der Aktion war es, der ihm allgemach zu dem weitaus erträglichsten geworden war. Wenn er, das Weinglas zur Hand, am Tische stand und mit liebenswürdigem Mienenspiele, gefälligen Gesten und geschickt vorgebrachten Redewendungen, welche einschlugen und beifällige Heiterkeit entfesselten, einen Toast ausbrachte, so konnte er trotz seiner Blässe als der Thomas Buddenbrook von ehedem erscheinen; viel schwerer war es ihm, in untätigem Stillesitzen die Herrschaft über sich selbst zu bewahren. Dann stiegen Müdigkeit und Überdruß in ihm empor, trübten seine Augen und nahmen ihm die Gewalt über seine Gesichtsmuskeln und die Haltung seines Körpers. Nur ein Wunsch erfüllte ihn dann: dieser matten Verzweiflung nachzugeben, sich davonzustehlen und zu Hause seinen Kopf auf ein kühles Kissen zu legen.

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Frau Permaneder hatte in der Fischergrube zu Abend gegessen und zwar allein; denn ihre Tochter, die gleichfalls gebeten worden war, hatte nachmittags ihrem Gatten im Gefängnis einen Besuch gemacht und fühlte sich, wie stets in diesem Falle, ermüdet und unwohl, weshalb sie zu Hause geblieben war.

Frau Antonie hatte bei Tische über Hugo Weinschenk gesprochen, dessen Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann war die Frage erörtert worden, wann man wohl, mit einiger Aussicht auf Erfolg, dem Senate ein Gnadengesuch werde einreichen können. Nun hatten sich die drei Verwandten im Wohnzimmer um den runden Mitteltisch unter der großen Gaslampe niedergelassen. Gerda Buddenbrook und ihre Schwägerin saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, einander gegenüber. Die Senatorin hielt ihr schönes weißes Gesicht über eine Seidenstickerei gebeugt, daß ihr schweres Haar, vom Lichte beschienen, dunkel zu erglühen schien, und Frau Permaneder, den Klemmer gänzlich schief und zweckwidrig auf der Nase, befestigte mit sorglichen Fingern eine große, wunderbar rote Atlasschleife an einem winzigen gelben Körbchen. Das wurde ein Geburtstagsgeschenk für irgendeine Bekannte. Der Senator aber saß seitwärts vom Tische in einem breiten Polsterfauteuil mit schräger Rückenlehne und las mit gekreuzten Beinen die Zeitung, während er dann und wann den Rauch seiner russischen Zigarette einzog und ihn als einen hellgrauen Strom durch den Schnurrbart wieder ausatmete …

Es war ein warmer Sommer-Sonntagabend. Das hohe Fenster stand offen und ließ die laue, ein wenig feuchte Luft das Zimmer erfüllen. Vom Tische aus konnte man, über den grauen Giebeln der gegenüberliegenden Häuser, zwischen ganz langsam ziehenden Wolken die Sterne sehen. Drüben, in dem kleinen Blumenladen von Iwersen, war noch Licht. Weiter oben in der stillen Straße ward unter allerhand Mißgriffen eine Handharmonika gespielt, wahrscheinlich von einem Knechte des Fuhrmannes Dankwart. Dann und wann wurde es laut dort draußen. Ein Trupp von Matrosen zog vorüber, die singend, rauchend und Arm in Arm aus einer zweifelhaften Hafenwirtschaft kamen und sich in Feierstimmung nach einer noch zweifelhafteren umtaten. Ihre rauhen Stimmen und wiegenden Schritte verhallten in einer Querstraße.

Der Senator legte die Zeitung neben sich auf den Tisch, schob sein Pincenez in die Westentasche und strich mit der Hand über Stirn und Augen.