»Schwach, sehr schwach, diese ›Anzeigen‹!« sagte er. »Mir fällt jedesmal dabei ein, was Großvater von faden und konsistenzlosen Gerichten sagte: Es schmeckt, als ob man die Zunge zum Fenster hinaushängt … In drei langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen fertig. Es steht einfach gar nichts darin …«

»Ja, Gott weiß es, das darfst du getrost wiederholen, Tom!« sagte Frau Permaneder, indem sie ihre Arbeit sinken ließ und an dem Klemmer vorbei auf ihren Bruder sah … »Was soll auch wohl darin stehen? Ich habe es von jeher gesagt, schon als ganz junges, dummes Ding: Diese Städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen! Ich lese sie ja auch, gewiß, weil eben meistens nichts anderes zur Hand ist … Aber daß der Großhändler Konsul so und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, finde ich meinesteils nicht allzu erschütternd. Man sollte andere Blätter lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung oder die Rheinische Zeitung. Da würde man …«

Sie unterbrach sich. Sie hatte die Zeitung zur Hand genommen, hatte sie noch einmal entfaltet und, während sie sprach, ihre Augen geringschätzig über die Spalten gleiten lassen. Nun aber blieb ihr Blick an einer Stelle haften, einer kurzen Notiz von vier oder fünf Zeilen … Sie verstummte, sie griff mit einer Hand nach ihrem Augenglas, las, während ihr Mund sich langsam öffnete, die Notiz zu Ende und stieß dann zwei Schreckensrufe aus, wobei sie beide Handflächen gegen die Wangen preßte und die Ellenbogen weit vom Körper entfernt hielt.

»Unmöglich!… Es ist nicht möglich!… Nein, Gerda … Tom … Das konntest du übersehen!… Es ist entsetzlich … Die arme Armgard! So mußte es für sie kommen …«

Gerda hatte den Kopf von ihrer Arbeit erhoben und Thomas sich erschreckt seiner Schwester zugewandt. Und heftig ergriffen, mit bebender Kehlstimme jedes Wort schicksalsschwer betonend, las Frau Permaneder laut diese Nachricht, die aus Rostock kam und dahinging, daß gestern nacht der Rittergutsbesitzer Ralf von Maiboom im Arbeitszimmer des Herrenhauses von Pöppenrade sich vermittels eines Revolverschusses entleibt habe. »Pekuniäre Bedrängnis scheint der Beweggrund zur Tat gewesen zu sein. Herr von Maiboom hinterläßt eine Frau mit drei Kindern.« So schloß sie, und dann ließ sie die Zeitung in den Schoß sinken, lehnte sich zurück und sah Bruder und Schwägerin schweigend und fassungslos mit klagenden Augen an.

Thomas Buddenbrook hatte sich, schon während sie las, wieder von ihr abgekehrt und blickte an ihr vorbei, zwischen den Portieren hindurch, in das Dunkel des Salons hinüber.

»Mit einem Revolver?« fragte er, nachdem wohl zwei Minuten lang Stille geherrscht hatte. – Und wiederum nach einer Pause sprach er leise, langsam und spöttisch: »Ja, ja, so ein Rittersmann!…«

Dann versank er aufs neue in Sinnen. Die Schnelligkeit, mit der er die eine Spitze seines Schnurrbartes zwischen den Fingern drehte, stand in sonderbarem Gegensatz zu der verschwommenen, starren und ziellosen Unbeweglichkeit seines Blickes.

Er achtete nicht auf die Klagereden seiner Schwester und auf die Mutmaßungen, die sie in betreff des ferneren Lebens ihrer Freundin Armgard anstellte, noch bemerkte er, daß Gerda, ohne den Kopf ihm zuzuwenden, ihre nahe beieinanderliegenden braunen Augen, in deren Winkeln bläuliche Schatten lagerten, fest und spähend auf ihn gerichtet hielt.

Zweites Kapitel