Frau Permaneder verstummte so eingeschüchtert und unangenehm berührt, wie harmlose Leute verstummen, wenn in Gesellschaft plötzlich etwas Gutes und Ernstes ausgesprochen wird. Dergleichen sagt man doch nicht! dachte sie, indem sie fest ins Weite sah, um seinen Augen nicht zu begegnen. Und um ihm in der Stille abzubitten, daß sie sich für ihn schämte, zog sie seinen Arm in den ihrigen.

Siebentes Kapitel

Es war Winter geworden, Weihnacht war vorüber, man schrieb Januar, Januar 1875. Der Schnee, der die Bürgersteige als eine festgetretene, mit Sand und Asche untermischte Masse bedeckte, lagerte zu beiden Seiten der Fahrdämme in hohen Haufen, die beständig grauer, zerklüfteter und poröser wurden, denn es waren Wärmegrade in der Luft. Das Pflaster war naß und schmutzig, und von den grauen Giebeln troff es. Aber darüber spannte sich der Himmel zartblau und makellos, und Milliarden von Lichtatomen schienen wie Kristalle in dem Azur zu flimmern und zu tanzen …

Im Zentrum der Stadt war es lebendig, denn es war Sonnabend und Markttag. Unter den Spitzbogen der Rathaus-Arkaden hatten die Fleischer ihre Stände und wogen mit blutigen Händen ihre Ware ab. Auf dem Marktplatze selbst aber, um den Brunnen herum, war Fischmarkt. Dort saßen, die Hände in halb enthaarten Pelzmüffen und die Füße an Kohlenbecken wärmend, beleibte Weiber, die ihre naßkalten Gefangenen hüteten und die umherwandernden Köchinnen und Hausfrauen mit breiten Worten zum Kaufe einluden. Es war keine Gefahr, betrogen zu werden. Man konnte sicher sein, etwas Frisches zu erhandeln, denn die Fische lebten fast alle noch, die fetten, muskulösen Fische … Einige hatten es gut. Sie schwammen, in einiger Enge zwar, aber doch guten Mutes, in Wassereimern umher und hatten nichts auszustehen. Andere aber lagen mit fürchterlich glotzenden Augen und arbeitenden Kiemen, zählebig und qualvoll auf ihrem Brett und schlugen hart und verzweifelt mit dem Schwanze, bis man sie endlich packte und ein spitzes, blutiges Messer ihnen mit Knirschen die Kehle zerschnitt. Lange und dicke Aale wanden und schlängelten sich zu abenteuerlichen Figuren. In tiefen Bütten wimmelte es schwärzlich von Ostseekrabben. Manchmal zog ein starker Butt sich krampfhaft zusammen und schnellte sich in seiner tollen Angst weit vom Brette fort auf das schlüpfrige, von Abfällen verunreinigte Pflaster, so daß seine Besitzerin ihm nachlaufen und ihn unter harten Worten der Mißbilligung seiner Pflicht wieder zuführen mußte …

In der Breiten Straße herrschte um Mittag reger Verkehr. Schulkinder, die Ränzel auf dem Rücken, kamen daher, erfüllten die Luft mit Lachen und Geplapper und warfen einander mit dem halb zertauten Schnee. Junge Kaufmannslehrlinge aus guter Familie, mit dänischen Schiffermützen oder elegant nach englischer Mode gekleidet, Portefeuilles in den Händen, gingen nicht ohne Würde vorüber, stolz, dem Realgymnasium entronnen zu sein. Gesetzte, graubärtige und höchlichst verdiente Bürger stießen mit dem Gesichtsausdruck unerschütterlich nationalliberaler Gesinnung ihre Spazierstöcke vor sich her und blickten aufmerksam zu der Glasurziegelfassade des Rathauses hinüber, an dessen Portal die Doppelwache aufgezogen war. Denn der Senat war versammelt. Die beiden Infanteristen schritten in ihren Mänteln, das Gewehr auf der Schulter, die ihnen zugemessene Strecke ab, indem sie kaltblütig durch die kotige und halbflüssige Schneemasse am Boden stampften. Sie begegneten sich in der Mitte vorm Eingang, sahen sich an, wechselten ein Wort und gingen nach beiden Seiten wieder auseinander. Manchmal, wenn mit emporgeklapptem Paletotkragen und beide Hände in den Taschen, ein Offizier sich näherte, der den Spuren irgendeines Mamsellchens folgte und sich gleichzeitig von den jungen Damen aus großem Hause bewundern ließ, stellte sich jeder vor sein Schilderhaus, besah sich selbst von oben bis unten und präsentierte … Es hatte noch gute Weile, bis sie den Senatoren beim Herauskommen zu salutieren haben würden. Die Sitzung dauerte erst drei Viertelstunden. Sie würden wohl vorher noch abgelöst werden …

Da aber, plötzlich, vernahm der eine der beiden Soldaten ein kurzes, diskretes Zischen im Innern des Gebäudes, und im selben Augenblick leuchtete im Portal der rote Frack des Ratsdieners Uhlefeldt auf, welcher mit Dreispitz und Galanteriedegen, in äußerster Geschäftigkeit zum Vorschein kam, ein leises »Achtung!« hervorstieß und sich eilfertig wieder zurückzog, während drinnen auf den hallenden Fliesen schon nahende Schritte sich hören ließen …

Die Infanteristen machten Front, sie zogen die Absätze zusammen, steiften das Genick, blähten die Brust, setzten das Gewehr bei Fuß und präsentierten es mit ein paar prompt zusammenklappenden Griffen. Zwischen ihnen hindurch schritt ziemlich geschwind, mit gelüftetem Zylinder, ein kaum mittelgroßer Herr, der eine seiner hellen Brauen ein wenig emporgezogen hielt, und dessen weißliche Wangen von den lang ausgezogenen Schnurrbartspitzen überragt wurden. Senator Thomas Buddenbrook verließ heute lange vor Schluß der Sitzung das Rathaus.

Er bog rechts ab und schlug also nicht den Weg zu seinem Hause ein. Korrekt, tadellos sauber und elegant ging er mit dem etwas hüpfenden Schritte, der ihm eigen war, die Breite Straße entlang, indem er beständig nach allen Seiten zu grüßen hatte. Er trug weiße Glacéhandschuhe und hielt seinen Stock mit silberner Krücke unter dem linken Arm. Hinter den dicken Revers seines Pelzes sah man die weiße Frackkrawatte. Aber sein sorgfältig hergerichteter Kopf sah übernächtig aus. Verschiedene Leute bemerkten im Vorübergehen, daß ihm plötzlich die Tränen in die geröteten Augen stiegen, und daß er die Lippen auf eine ganz sonderbare, behutsame und verzerrte Weise geschlossen hielt. Manchmal schluckte er hinunter, als habe sein Mund sich mit Flüssigkeit gefüllt; und dann konnte man an den Bewegungen der Muskeln an Wangen und Schläfen beobachten, daß er die Kiefer zusammenbiß.

»Was nun, Buddenbrook, du schwänzst die Sitzung? Das ist mal was Neues!« sagte am Anfang der Mühlenstraße jemand zu ihm, den er nicht hatte kommen sehen. Es war Stephan Kistenmaker, der plötzlich vor ihm stand, sein Freund und Bewunderer, der sich in öffentlichen Fragen jede seiner Meinungen zu eigen machte. Er besaß einen rundgeschnittenen, ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, poröse Nase. Vor ein paar Jahren hatte er sich, nachdem er ein gutes Stück Geld verdient, von dem Weingeschäft zurückgezogen, das nun sein Bruder Eduard auf eigene Hand weiterführte. Seitdem lebte er als Privatier; da er sich dieses Standes im Grunde aber ein wenig schämte, so tat er beständig, als habe er unüberwindlich viel zu tun. »Ich reibe mich auf!« sagte er und strich mit der Hand über seinen grauen, mit der Brennschere gewellten Scheitel. »Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als um sich aufzureiben?« Stundenlang stand er mit wichtigen Gebärden an der Börse, ohne dort das geringste zu suchen zu haben. Er bekleidete eine Menge von gleichgültigen Ämtern. Kürzlich hatte er sich zum Direktor der Städtischen Badeanstalt gemacht. Er fungierte emsig als Geschworener, als Makler, als Testamentsvollstrecker und wischte sich den Schweiß von der Stirn …

»Es ist doch Sitzung, Buddenbrook«, wiederholte er, »und du gehst spazieren?«