»Ach, du bist es«, sagte der Senator leise und mit widerwillig sich bewegenden Lippen … »Ich kann minutenlang nichts sehen. Ich habe wahnsinnige Schmerzen.«
»Schmerzen? Wo?«
»Zahnschmerzen. Seit gestern schon. Ich habe in der Nacht kein Auge zugetan … Ich war noch nicht beim Arzt, weil ich heute vormittag im Geschäft zu tun hatte und dann die Sitzung nicht versäumen wollte. Nun konnte ich es doch nicht aushalten und bin auf dem Wege zu Brecht …«
»Wo sitzt es denn?«
»Hier unten links … Ein Backenzahn … Er ist natürlich hohl … Es ist unerträglich … Adieu, Kistenmaker! Du begreifst, daß ich Eile habe …«
»Ja, meinst du, daß ich keine habe? Fürchterlich viel zu tun … Adieu! Gute Besserung übrigens! Laß ihn ausziehen! Immer gleich raus damit, das ist das beste …«
Thomas Buddenbrook ging weiter und biß die Kiefer zusammen, obgleich dies die Sache nur verschlimmerte. Es war ein wilder, brennender und bohrender Schmerz, eine boshafte Pein, die sich von einem kranken Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemächtigt hatte. Die Entzündung pochte darin mit glühenden Hämmerchen und machte, daß ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Tränen in die Augen schossen. Die schlaflose Nacht hatte seine Nerven schrecklich angegriffen. Er hatte sich eben beim Sprechen zusammennehmen müssen, damit seine Stimme sich nicht breche.
In der Mühlenstraße betrat er ein mit gelbbrauner Ölfarbe gestrichenes Haus und stieg zum ersten Stockwerk empor, woselbst an der Tür auf einem Messingschild »Zahnarzt Brecht« zu lesen war. Er sah das Dienstmädchen nicht, das ihm öffnete. Auf dem Korridor roch es warm nach Beefsteak und Blumenkohl. Dann plötzlich atmete er die scharfriechende Luft des Wartezimmers, in das man ihn nötigte. »Nehmen Sie Platz … einen Momang!« schrie die Stimme eines alten Weibes. Es war Josephus, der im Hintergrunde des Raumes in seinem blanken Bauer saß und ihm mit kleinen, giftigen Augen schief und tückisch entgegenstarrte.
Der Senator setzte sich an den runden Tisch und versuchte, die Witze in einem Band »Fliegender Blätter« auf sich wirken zu lassen, schlug dann aber das Buch mit Ekel zu, drückte das kühle Silber seiner Stockkrücke gegen die Wange, schloß seine brennenden Augen und stöhnte. Rings war alles still, und nur Josephus biß mit Knacken und Knirschen in das ihn umgebende Gitter. Herr Brecht war es sich schuldig, auch wenn er unbeschäftigt war, eine Weile warten zu lassen.
Thomas Buddenbrook stand hastig auf und trank an einem Tischchen aus einer dort aufgestellten Karaffe ein Glas Wasser, das nach Chloroform roch und schmeckte. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief mit gereizter Betonung hinaus, wenn nicht dringende Abhaltung vorhanden sei, möge Herr Brecht die Güte haben, sich ein wenig zu beeilen. Er habe Schmerzen.