Die beiden Ärzte hielten dafür, daß auf jeden Fall für die Nacht eine barmherzige Schwester herbeigeschafft werden müsse. Es wurde nach Schwester Leandra geschickt, und sie kam. Es war keine Spur von Überraschung und Schrecken in ihrem Gesicht, als sie eintrat. Sie legte auch diesmal still ihr Ledertäschchen, ihre Haube und ihren Umhang beiseite und ging mit sanften und freundlichen Bewegungen an ihre Arbeit.
Der kleine Johann saß Stunde für Stunde auf seinem Puff, sah alles an und horchte auf die gurgelnden Laute. Er hätte sich eigentlich zum Privatunterricht im Rechnen begeben müssen, aber er begriff, daß dies Ereignisse waren, vor denen die Kammgarnröcke verstummen mußten. Auch seiner Schulaufgaben gedachte er nur kurz und mit Spott … Manchmal, wenn Frau Permaneder zu ihm trat und ihn an sich preßte, vergoß er Tränen; aber meistens blinzelte er trockenen Auges mit einem abgestoßenen und grüblerischen Gesichtsausdruck darein, unregelmäßig und vorsichtig atmend, als erwarte er den Duft, den fremden und doch so seltsam vertrauten Duft …
Gegen vier Uhr faßte Frau Permaneder einen Entschluß. Sie veranlaßte den Doktor Langhals, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, verschränkte die Arme und legte den Kopf zurück, wobei sie trotzdem versuchte, das Kinn auf die Brust zu drücken.
»Herr Doktor«, sagte sie, »eines steht in Ihrer Macht, und darum bitte ich Sie! Schenken Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom Leben gestählte Frau … Ich habe gelernt, die Wahrheit zu ertragen, glauben Sie mir!… Wird mein Bruder morgen am Leben sein? Reden Sie offen!«
Und Doktor Langhals wandte seine schönen Augen ab, besah seine Fingernägel und sprach von menschlicher Ohnmacht, sowie von der Unmöglichkeit, die Frage zu entscheiden, ob Frau Permaneders Herr Bruder die Nacht überleben werde oder in der nächsten Minute abberufen werden würde …
»Dann weiß ich, was ich zu tun habe«, sagte sie, ging hinaus und schickte zu Pastor Pringsheim.
In halbem Ornat, ohne Halskrause, aber in langem Talar, erschien er, streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und ließ sich am Bette auf den Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schenken; da dieser Versuch aber fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in stilisiertem Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in bald dunklen, bald jäh akzentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus und milde Verklärung auf seinem Gesichte wechselten … Während er das R auf eine eigenartig fette und gewandte Art am Gaumen rollte, gewann der kleine Johann die deutliche Vorstellung, daß er soeben Kaffee und Buttersemmeln zu sich genommen haben müsse.
Er sagte, daß er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben dieses Lieben und Teuren bäten, denn sie sähen, daß es des Herrn heiliger Wille sei, ihn zu sich zu nehmen. Nur um die Gnade einer sanften Erlösung flehten sie noch … Und dann sprach er mit wirksamer Pointierung noch zwei in solchen Fällen übliche Gebete und erhob sich. Er drückte Gerda Buddenbrooks und Frau Permaneders Hand, nahm den Kopf des kleinen Johann zwischen beide Hände und blickte ihm eine Minute lang zitternd vor Wehmut und Innigkeit auf die gesenkten Wimpern, grüßte Fräulein Jungmann, streifte Schwester Leandra nochmals mit einem kalten Blick und hielt seinen Abgang.
Als Doktor Langhals zurückkehrte, der ein wenig nach Hause gegangen war, fand er alles beim alten. Er nahm nur eine kurze Rücksprache mit der Pflegerin und empfahl sich wieder. Auch Doktor Grabow sprach noch einmal vor, sah mit mildem Gesicht nach dem Rechten und ging. Thomas Buddenbrook fuhr fort, gebrochenen Auges die Lippen zu bewegen und gurgelnde Laute auszustoßen. Die Dämmerung fiel ein. Draußen gab es ein wenig winterliches Abendrot, und es beschien durchs Fenster sanft die besudelten Kleidungsstücke, die irgendwo über einem Stuhle hingen.
Um fünf Uhr ließ Frau Permaneder sich zu einer Unbedachtsamkeit hinreißen. Ihrer Schwägerin gegenüber am Bette sitzend, begann sie plötzlich, unter Anwendung ihrer Kehlkopfstimme sehr laut und mit gefalteten Händen, einen Gesang zu sprechen … »Mach' End', o Herr«, sagte sie, und alles hörte ihr regungslos zu – »mach' Ende mit aller seiner Not; stärk' seine Füß' und Hände und laß bis in den Tod …« Aber sie betete so sehr aus Herzensgrund, daß sie sich immer nur mit dem Worte beschäftigte, welches sie gerade aussprach, und nicht erwog, daß sie die Strophe gar nicht zu Ende wisse und nach dem dritten Verse jämmerlich stecken bleiben müsse. Das tat sie, brach mit erhobener Stimme ab und ersetzte den Schluß durch die erhöhte Würde ihrer Haltung. Jedermann im Zimmer wartete und zog sich zusammen vor Geniertheit. Der kleine Johann räusperte sich so schwer, daß es wie Ächzen klang. Und dann war in der Stille nichts als das agonierende Gurgeln Thomas Buddenbrooks zu vernehmen.