Es war eine Erlösung, als das Folgmädchen meldete, nebenan sei etwas Essen aufgetragen. Als man aber in Gerdas Schlafzimmer anfing, ein wenig Suppe zu genießen, erschien Schwester Leandra in der Tür und winkte freundlich.
Der Senator starb. Er schluchzte zwei- oder dreimal leise, verstummte und hörte auf, die Lippen zu bewegen. Das war die ganze Veränderung, die mit ihm vor sich ging; seine Augen waren schon vorher tot gewesen.
Doktor Langhals, der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein schwarzes Hörrohr auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und sprach nach gewissenhafter Prüfung: »Ja, es ist zu Ende.«
Und mit dem Ringfinger ihrer blassen, sanftmütigen Hand schloß Schwester Leandra behutsam dem Toten die Augenlider.
Da warf sich Frau Permaneder an dem Bett in die Knie, drückte das Gesicht in die Steppdecke und weinte laut, gab sich rückhaltlos und ohne irgend etwas in sich zu dämpfen und zu unterdrücken, einem dieser erfrischenden Gefühlsausbrüche hin, die ihrer glücklichen Natur zu Gebote standen … Mit gänzlich nassem Gesicht, aber gestärkt, erleichtert und vollkommen im seelischen Gleichgewicht, erhob sie sich und war sofort imstande, der Todesanzeigen zu gedenken, die unverzüglich und in höchster Eile hergestellt werden mußten, – ein ungeheurer Posten vornehm gedruckter Todesanzeigen …
Christian betrat die Bildfläche. Es verhielt sich so mit ihm, daß er die Nachricht von dem Sturz des Senators im Klub erhalten hatte und auch sogleich aufgebrochen war. Aus Furcht jedoch vor irgendeinem gräßlichen Anblick hatte er einen weiten Spaziergang vors Tor unternommen, so daß niemand ihn hatte finden können. Nun stellte er sich dennoch ein und erfuhr schon auf der Diele, daß sein Bruder verschieden sei.
»Ist doch wohl nicht möglich!« sagte er und ging lahmend und mit wandernden Augen die Treppen hinauf.
Dann stand er, zwischen Schwester und Schwägerin, am Sterbebette. Er stand dort, mit seinem kahlen Schädel, seinen eingefallenen Wangen, seinem hängenden Schnurrbart und seiner ungeheuren, gehöckerten Nase, auf krummen und mageren Beinen, ein wenig geknickt, ein wenig fragezeichenartig, und seine kleinen, tiefliegenden Augen blickten in des Bruders Gesicht, das so schweigsam, kalt, ablehnend und einwandfrei, so sehr jedem menschlichen Urteil unzugänglich erschien … Thomas' Mundwinkel waren mit beinahe verächtlichem Ausdruck nach unten gezogen. Er, dem Christian vorgeworfen hatte, daß er bei seinem Tode nicht weinen werde, er war seinerseits tot, er war ohne ein Wort zu sagen ganz einfach gestorben, hatte sich vornehm und intakt ins Schweigen zurückgezogen und überließ den andern mitleidlos der Beschämung, wie so oft im Leben! Hatte er nun gut oder schnöde gehandelt, indem er den Leiden Christians, seiner »Qual«, dem nickenden Manne, der Spiritusflasche, dem offenen Fenster, stets nur kalte Verachtung entgegengesetzt hatte? Diese Frage fiel dahin, sie war sinnlos geworden, da der Tod in eigensinniger und unberechenbarer Parteilichkeit ihn, ihn ausgezeichnet und gerechtfertigt, ihn angenommen und aufgenommen, ihn ehrwürdig gemacht und ihm befehlshaberisch das allgemeine, scheue Interesse verschafft hatte, während er Christian verschmähte und nur fortfahren würde, ihn mit fünfzig Mätzchen und Schikanen zu hänseln, vor denen niemand Respekt hatte. Nie hatte Thomas Buddenbrook seinem Bruder mehr imponiert, als zu dieser Stunde. Der Erfolg ist ausschlaggebend. Der anderen Achtung vor unseren Leiden verschafft uns nur der Tod, und auch die kläglichsten Leiden werden ehrwürdig durch ihn. Du hast recht bekommen, ich beuge mich, dachte Christian, und mit einer raschen, unbeholfenen Bewegung ließ er sich auf ein Knie nieder und küßte die kalte Hand auf der Steppdecke. Dann trat er zurück und begann mit schweifenden Augen im Zimmer umherzugehen.
Andere Besucher, die alten Krögers, die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße, der alte Herr Marcus, stellten sich ein. Auch die arme Klothilde kam, stand mager und aschgrau am Bette und faltete apathischen Angesichts ihre mit Zwirnhandschuhen bekleideten Hände. »Ihr müßt nicht glauben, Tony und Gerda«, sagte sie unendlich gedehnt und klagend, »daß ich kalten Herzens bin, weil ich nicht weine. Ich habe keine Tränen mehr …« Und jedermann glaubte ihr das aufs Wort, so hoffnungslos verstaubt und ausgedörrt wie sie dastand …
Schließlich räumten alle das Feld vor einer Frauensperson, einem unsympathischen alten Geschöpf mit kauendem, zahnlosem Munde, die angekommen war, um zusammen mit Schwester Leandra die Leiche zu waschen und umzukleiden.