Wirklich waren des Italieners Worte von der Art derer, die noch vor sieben Wochen im Tieflande für Hans Castorp nur Schall gewesen wären, für deren Bedeutung aber der Aufenthalt hier oben seinen Geist empfänglich gemacht hatte: empfänglich im Sinne intellektuellen Verständnisses, nicht ohne weiteres auch in dem der Sympathie, was vielleicht noch mehr besagen will. Denn obgleich er im Grunde seiner Seele froh war, daß Settembrini auch jetzt noch, trotz allem, was geschehen, fortfuhr, zu ihm zu sprechen, wie er es tat, ihn weiter belehrte, warnte und Einfluß auf ihn zu nehmen suchte, ging seine Auffassungsfähigkeit sogar so weit, daß er seine Worte beurteilte und ihnen seine Zustimmung, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, vorenthielt. „Sieh an,“ dachte er, „er spricht von der Ironie ganz ähnlich wie von der Musik, es fehlt nur, daß er sie ‚politisch verdächtig‘ nennt, nämlich von dem Moment an, wo sie aufhört, ein ‚gerades und klassisches Lehrmittel‘ zu sein. Aber eine Ironie, die ‚keinen Augenblick mißverständlich‘ ist, – was wäre denn das für eine Ironie, frage ich in Gottes Namen, wenn ich schon mitreden soll? Eine Trockenheit und Schulmeisterei wäre sie!“ – So undankbar ist Jugend, die sich bildet. Sie läßt sich beschenken, um dann das Geschenk zu bemäkeln.

Seine Widersetzlichkeit in Worte zu fassen, wäre ihm immerhin zu abenteuerlich erschienen. Er beschränkte seine Einwände auf Herrn Settembrinis Urteil über Hermine Kleefeld, das ihm ungerecht erschien oder das er aus bestimmten Gründen sich so erscheinen lassen wollte.

„Aber das Fräulein ist krank!“ sagte er. „Sie ist ja wahr- und wahrhaftig schwer krank und hat allen Grund, verzweifelt zu sein! Was wollen Sie eigentlich von ihr?“

„Krankheit und Verzweiflung,“ sagte Settembrini, „sind auch oft nur Formen der Liederlichkeit.“

„Und Leopardi,“ dachte Hans Castorp, „der ausdrücklich sogar an Wissenschaft und Fortschritt verzweifelte? Und er selbst, der Herr Schulmeister? Er ist doch auch krank und kommt immer wieder herauf, und Carducci hätte wenig Freude an ihm.“ Laut sagte er:

„Sie sind gut. Das Fräulein kann jeden Tag ins Gras beißen, und das nennen Sie Liederlichkeit! Da müssen Sie sich schon näher erklären. Wenn Sie mir sagten: Krankheit ist bisweilen eine Folge der Liederlichkeit, so wäre das plausibel ...“

„Sehr plausibel“, schaltete Settembrini ein. „Meiner Treu, es wäre Ihnen recht, wenn ich dabei stehen bliebe?“

„Oder wenn Sie sagten: Krankheit muß der Liederlichkeit manchmal zum Vorwand dienen, – auch das ließe ich mir gefallen.“

„Grazie tanto!“

„Aber Krankheit eine Form der Liederlichkeit? Das heißt: nicht aus der Liederlichkeit entstanden, sondern selbst Liederlichkeit? Das ist doch paradox!“