„Ein verwickelter Vorgang“, lachte der Italiener. „Eine sonderbare Art der Einbürgerung. Natürlich, die Jugend ist zu allem fähig. Sie gewöhnt sich nicht, aber sie schlägt Wurzeln.“

„Und schließlich ist das ja kein sibirisches Bergwerk hier.“

„Nein. Oh, Sie bevorzugen östliche Vergleiche. Sehr begreiflich. Asien verschlingt uns. Wohin man blickt: tatarische Gesichter.“ Und Herr Settembrini wandte diskret den Kopf über die Schulter. „Dschingis-Khan,“ sagte er, „Steppenwolfslichter, Schnee und Schnaps, Knute, Schlüsselburg und Christentum. Man sollte der Pallas Athene hier in der Vorhalle einen Altar errichten, – im Sinne der Abwehr. Sehen Sie, da vorn ist so ein Iwan Iwanowitsch ohne Weißzeug mit dem Staatsanwalt Paravant in Streit geraten. Jeder will vor dem anderen an der Reihe sein, seine Post zu empfangen. Ich weiß nicht, wer recht hat, aber für mein Gefühl steht der Staatsanwalt im Schutze der Göttin. Er ist zwar ein Esel, aber er versteht wenigstens Latein.“

Hans Castorp lachte, – was Herr Settembrini niemals tat. Man konnte ihn sich herzlich lachend gar nicht vorstellen; über die feine und trockene Spannung seines Mundwinkels brachte er es nicht hinaus. Er sah dem jungen Manne beim Lachen zu und fragte dann:

„Ihr Diapositiv – haben Sie bekommen?“

„Das habe ich bekommen!“ bestätigte Hans Castorp wichtig. „Schon neulich. Hier ist es.“ Und er griff in die innere Brusttasche.

„Ah, Sie tragen es im Portefeuille. Wie einen Ausweis sozusagen, einen Paß oder eine Mitgliedskarte. Sehr gut. Lassen Sie sehen!“ Und Herr Settembrini hob die kleine, mit schwarzen Papierstreifen gerahmte Glasplatte gegen das Licht, indem er sie zwischen Daumen und Zeigefinger seiner Linken hielt, – eine oft gesehene, sehr übliche Bewegung hier oben. Sein Gesicht mit den schwarzen Mandelaugen grimassierte ein wenig, während er das funebre Lichtbild prüfte, – ohne ganz deutlich werden zu lassen, ob es nur des genaueren Sehens wegen oder aus anderen Gründen geschah.

„Ja, ja“, sagte er dann. „Hier haben Sie Ihre Legitimation, ich danke bestens.“ Und er reichte das Glas seinem Besitzer zurück, reichte es ihm von der Seite, gewissermaßen über den eigenen Arm hinüber und abgewandten Gesichtes.

„Haben Sie die Stränge gesehen?“ fragte Hans Castorp. „Und die Knötchen?“

„Sie wissen,“ antwortete Herr Settembrini schleppend, „wie ich über den Wert dieser Produkte denke. Sie wissen auch, daß die Flecke und Dunkelheiten da im Inneren zum allergrößten Teil physiologisch sind. Ich habe hundert Bilder gesehen, die ungefähr aussahen wie Ihres, und die die Entscheidung, ob sie wirklich einen ‚Ausweis‘ bildeten oder nicht, einigermaßen in das Belieben des Beurteilers stellten. Ich rede als Laie, aber immerhin als ein langjähriger Laie.“