Das war peinigend für Joachim; aber der Urheber solcher Lustbarkeit war unempfindlich gegen die Enthüllung seines Zustandes, er mochte meinen, daß derselbe, unbeachtet und verborgen, nicht zu seinem Rechte gekommen wäre. Des allgemeinen Verständnisses dafür durfte er sicher sein. Die Schadenfreude, die sich darein mischte, nahm er in den Kauf. Nicht nur von seinem eigenen Tisch, sondern nachgerade auch von anderen, benachbarten blickte man auf ihn, um sich an seinem Erbleichen und Erröten zu weiden, wenn nach Beginn einer Mahlzeit die Glastür ins Schloß schmetterte, und auch hiermit war er wohl gar noch zufrieden, da es ihm schien, daß seinem Rausch, indem er Aufmerksamkeit erregte, eine gewisse Anerkennung und Bestätigung von außen zuteil werde, geeignet, seine Sache zu fördern, seine unbestimmten und unvernünftigen Hoffnungen zu ermutigen, – und das beglückte ihn sogar. Es kam dahin, daß man sich buchstäblich versammelte, um dem Verblendeten zuzusehen. Das war etwa nach Tische auf der Terrasse oder am Sonntag nachmittag vor der Conciergeloge, wenn die Kurgäste dort ihre Post in Empfang nahmen, die an diesem Tage nicht auf die Zimmer verteilt wurde. Vielfach wußte man, daß da ein kolossal Beschwipster und Hochilluminierter sei, der sich alles anmerken ließ, und so standen etwa Frau Stöhr, Fräulein Engelhart, die Kleefeld nebst ihrer Freundin mit dem Tapirgesicht, der unheilbare Herr Albin, der junge Mann mit dem Fingernagel und noch dieses oder jenes Mitglied der Patientenschaft, – standen mit hinuntergezogenen Mündern und durch die Nase pruschend und sahen ihm zu, der, verloren und leidenschaftlich lächelnd, jene Hitze auf den Wangen, die ihn sofort am ersten Abend seines Hierseins ergriffen, jenen Glanz in den Augen, den schon der Husten des Herrenreiters darin entzündet, in einer bestimmten Richtung blickte ...
Eigentlich war es schön von Herrn Settembrini, daß er unter solchen Umständen auf Hans Castorp zutrat, um ihn in ein Gespräch zu ziehen und nach seinem Ergehen zu fragen; aber es ist zweifelhaft, ob dieser die menschenfreundliche Vorurteilslosigkeit, die darin lag, dankbar zu würdigen wußte. Es mochte im Vestibül sein, am Sonntag nachmittag. Beim Concierge drängten sich die Gäste und streckten die Hände nach ihrer Post. Auch Joachim war dort vorn. Sein Vetter war zurückgeblieben und trachtete in der beschriebenen Verfassung, einen Blick Clawdia Chauchats zu gewinnen, die mit ihrer Tischgesellschaft in der Nähe stand, wartend, daß das Gedräng an der Loge sich lichten möge. Es war eine Stunde, die die Kurgäste durcheinandermischte, eine Stunde der Gelegenheiten, geliebt und ersehnt aus diesem Grunde von dem jungen Hans Castorp. Vor acht Tagen war er am Schalter in sehr nahe Berührung mit Madame Chauchat gekommen, so daß sie ihn sogar etwas gestoßen und mit flüchtiger Kopfwendung „Pardon“ zu ihm gesagt hatte, – worauf er kraft einer febrilen Geistesgegenwart, die er segnete, zu antworten vermocht hatte:
„Pas de quoi, madame!“
Welche Lebensgunst, dachte er, daß jeden Sonntag nachmittag mit Sicherheit in der Vorhalle Postverteilung stattfand! Man kann sagen, daß er die Woche konsumiert hatte, indem er auf die Wiederkehr derselben Stunde in sieben Tagen wartete, und Warten heißt: Voraneilen, heißt: Zeit und Gegenwart nicht als Geschenk, sondern nur als Hindernis empfinden, ihren Eigenwert verneinen und vernichten und sie im Geist überspringen. Warten, sagt man, sei langweilig. Es ist jedoch ebensowohl oder sogar eigentlich kurzweilig, indem es Zeitmengen verschlingt, ohne sie um ihrer selbst willen zu leben und auszunutzen. Man könnte sagen, der Nichts-als-Wartende gleiche einem Fresser, dessen Verdauungsapparat die Speisen, ohne ihre Nähr- und Nutzwerte zu verarbeiten, massenhaft durchtriebe. Man könnte weitergehen und sagen: wie unverdaute Speise ihren Mann nicht stärker mache, so mache verwartete Zeit nicht älter. Freilich kommt reines und unvermischtes Warten praktisch nicht vor.
Es war also die Woche verschlungen und die Sonntagnachmittagspoststunde wieder in Kraft getreten, nicht anders, als wäre es immer noch die von vor sieben Tagen. Aufs erregendste fuhr sie fort, Gelegenheit zu machen, barg und bot in jeder Minute die Möglichkeit, mit Frau Chauchat in gesellschaftliche Beziehungen zu treten: Möglichkeiten, von denen Hans Castorp sich das Herz pressen und jagen ließ, ohne sie ins Wirkliche übertreten zu lassen. Dem standen Hemmungen entgegen, die teils militärischer, teils zivilistischer Natur waren: – teils nämlich mit der Gegenwart des ehrenhaften Joachim und mit Hans Castorps eigener Ehre und Pflicht zusammenhingen, teils aber auch in dem Gefühl ihren Grund hatten, daß gesellschaftliche Beziehungen zu Clawdia Chauchat, gesittete Beziehungen, bei denen man „Sie“ sagte und Verbeugungen machte und womöglich Französisch sprach, – nicht nötig, nicht wünschenswert, nicht das Richtige seien ... Er stand und sah sie lachend sprechen, genau wie Pribislav Hippe dereinst auf dem Schulhof sprechend gelacht hatte: ihr Mund öffnete sich ziemlich weit dabei, und ihre schiefstehenden graugrünen Augen über den Backenknochen zogen sich zu schmalen Ritzen zusammen. Das war durchaus nicht „schön“; aber es war, wie es war, und bei der Verliebtheit kommt das ästhetische Vernunfturteil so wenig zu seinem Recht, wie das moralische. –
„Sie erwarten ebenfalls Briefschaften, Ingenieur?“
So redete nur einer, ein Störender. Hans Castorp fuhr zusammen und wandte sich Herrn Settembrini zu, der lächelnd vor ihm stand. Es war das feine und humanistische Lächeln, mit dem er dereinst bei der Bank am Wasserlauf den Ankömmling zuerst begrüßt hatte, und wie damals schämte Hans Castorp sich, als er es sah. Aber wie oft er auch im Traume den „Drehorgelmann“ von der Stelle zu drängen gesucht hatte, weil er „hier störe“, – der wachende Mensch ist besser als der träumende, und nicht nur zu seiner Beschämung und Ernüchterung wurde Hans Castorp dieses Lächelns wieder ansichtig, sondern auch mit Gefühlen dankbarer Bedürftigkeit. Er sagte:
„Gott, Briefschaften, Herr Settembrini. Ich bin doch kein Ambassadeur! Vielleicht ist eine Postkarte da für einen von uns. Mein Vetter sieht eben mal nach.“
„Mir hat der hinkende Teufel da vorn meine kleinen Korrespondenzen schon ausgehändigt“, sagte Settembrini und führte die Hand zur Seitentasche seines unvermeidlichen Flausrockes. „Interessante Dinge, Dinge von literarischer und sozialer Tragweite, ich leugne es nicht. Es handelt sich um ein enzyklopädisches Werk, an dem mitzuarbeiten ein humanitäres Institut mich würdigt ... Kurz, um schöne Arbeit.“ Herr Settembrini brach ab. „Aber Ihre Angelegenheiten?“ fragte er. „Wie steht es damit? Wie weit ist beispielsweise der Akklimatisierungsprozeß gediehen? Sie weilen alles in allem so lange noch nicht in unserer Mitte, daß die Frage nicht mehr an der Tagesordnung wäre.“
„Danke, Herr Settembrini; es hat nach wie vor seine Schwierigkeiten damit. Ich halte für möglich, daß es das bis zum letzten Tage haben wird. Manche gewöhnen sich nie, sagte mein Vetter mir gleich, als ich ankam. Aber man gewöhnt sich daran, daß man sich nicht gewöhnt.“