Der dritte Tag brachte die zarte Erlösung, brachte sie gleich in der Frühe. Es war ein herrlicher Herbstmorgen, sonnig und frisch, mit grausilbrig übersponnenen Wiesen. Sonne und abnehmender Mond standen gleichzeitig ziemlich gleich hoch am reinen Himmel. Die Vettern waren früher als gewöhnlich aufgestanden, um dem schönen Tag zu Ehren ihren Morgenspaziergang ein wenig über die Vorschrift auszudehnen, auf dem Waldwege, an dem die Bank neben der Wasserrinne stand, etwas weiter vorzudringen. Joachim, dessen Kurve gerade ebenfalls einen erfreulichen Abstieg aufwies, hatte die erfrischende Unregelmäßigkeit befürwortet und Hans Castorp nicht nein gesagt. „Wir sind ja genesene Leute,“ hatte er gesagt, „abgefiebert und entgiftet, so gut wie reif für das Flachland. Warum sollten wir nicht ausschlagen wie die Füllen.“ So wanderten sie barhaupt – denn seit er Profeß getan, hatte Hans Castorp sich in Gottes Namen der herrschenden Sitte anbequemt, ohne Hut zu gehen, so sicher er sich anfangs, diesem Brauch gegenüber, seiner Lebensform und Gesittung gefühlt hatte – und setzten ihre Stöcke. Sie hatten aber den ansteigenden Teil des rötlichen Weges noch nicht zurückgelegt, waren erst ungefähr bis zu dem Punkte gelangt, wo damals der pneumatische Trupp dem Neuling begegnet war, als sie vor sich in einiger Entfernung, langsam steigend, Frau Chauchat gewahrten, Frau Chauchat in Weiß, in weißem Sweater, weißem Flanellrock, und sogar in weißen Schuhen, das rötliche Haar von der Morgensonne erleuchtet. Genauer gesagt: Hans Castorp hatte sie erkannt; Joachim fand sich erst durch ein unangenehmes Gefühl des Ziehens und Zerrens an seiner Seite auf die Umstände hingewiesen, – ein Gefühl, hervorgebracht durch die antreibend beschwingtere Gangart, die sein Begleiter plötzlich angeschlagen, nachdem er zuvor seine Schritte jäh gehemmt hatte und beinahe stehengeblieben war. Solches Gehetztwerden empfand Joachim als äußerst unzuträglich und ärgerlich; sein Atem verkürzte sich rasch, und er hüstelte. Aber den zielbewußten Hans Castorp, dessen Organe prachtvoll zu arbeiten schienen, kümmerte das wenig; und da sein Vetter der Sachlage innegeworden, zog er nur schweigend die Brauen zusammen und hielt Schritt, denn unmöglich konnte er jenen allein voranlaufen lassen.
Den jungen Hans Castorp belebte der schöne Morgen. Auch hatten in der Depression seine Seelenkräfte sich heimlich ausgeruht, und klar leuchtete vor seinem Geist die Gewißheit, daß der Augenblick gekommen war, da der Bann, der auf ihm gelegen, gebrochen werden sollte. So griff er aus, den keuchenden, auch sonst widerstrebenden Joachim mit sich ziehend, und vor der Biegung des Weges, wo er eben ward und rechtshin den bewaldeten Hügel entlang führte, hatten sie Frau Chauchat so gut wie erreicht. Da verlangsamte Hans Castorp das Tempo wieder, um nicht in einem von Anstrengung verwilderten Zustand sein Vorhaben auszuführen. Und jenseits des Wegknies, zwischen Abhang und Bergwand, zwischen den rostig gefärbten Fichten, durch deren Zweige Sonnenlichter fielen, trug es sich zu und begab sich wunderbar, daß Hans Castorp, links von Joachim, die liebliche Kranke überholte, daß er mit männlichen Tritten an ihr vorüber ging, und in dem Augenblick, da er sich rechts neben ihr befand, mit einer hutlosen Verneigung und einem mit halber Stimme gesprochenen „Guten Morgen“ sie ehrerbietig (wieso eigentlich: ehrerbietig) begrüßte und Antwort von ihr empfing: mit freundlicher, nicht weiter erstaunter Kopfneigung dankte sie, sagte auch ihrerseits guten Morgen in seiner Sprache, wobei ihre Augen lächelten, – und das alles war etwas anderes, etwas gründlich und beseligend anderes als der Blick auf seinen Stiefel, es war ein Glücksfall und eine Wendung der Dinge zum Guten und Allerbesten, ganz beispielloser Art und fast die Fassungskraft überschreitend; es war die Erlösung.
Auf Flügelsohlen, geblendet von vernunftloser Freude, im Besitz des Grußes, des Wortes, des Lächelns, eilte Hans Castorp an des mißbrauchten Joachim Seite vorwärts, der schweigend von jenem fort den Abhang hinunter blickte. Ein Streich war es gewesen, ein ziemlich ausgelassener, und wohl sogar etwas wie Verrat und Tücke in Joachims Augen, das wußte Hans Castorp sehr gut. Es war nicht geradeso, wie wenn er jemand Wildfremdes um einen Bleistift ersucht hätte, – vielmehr wäre es beinahe ungehobelt gewesen, an einer Dame, mit der man seit Monaten unter demselben Dache lebte, steif und ohne Ehrenbezeigung vorüberzugehen; und war nicht neulich im Wartezimmer Clawdia sogar ins Gespräch mit ihnen gekommen? Darum mußte Joachim schweigen. Aber Hans Castorp verstand wohl, weshalb der ehrliebende Joachim sonst noch schwieg und abgewendeten Kopfes ging, während er selbst über seinen gelungenen Streich so ausbündig und durchgängerisch glücklich war. Glücklicher konnte nicht sein, wer etwa im Flachlande erlaubter-, aussichtsreicher- und im Grunde vergnügterweise einem gesunden Gänschen „sein Herz geschenkt“ und großen Erfolg dabei gehabt hatte, – nein, so glücklich, wie er nun über das wenige, das er sich in guter Stunde geraubt und gesichert, konnte ein solcher nicht sein ... Darum schlug er nach einer Weile seinen Vetter mit Macht auf die Schulter und sagte:
„Hallo, du, was ist mit dir? Es ist so schönes Wetter! Nachher wollen wir zum Kurhaus hinunter, da machen sie wahrscheinlich Musik, bedenke mal! Vielleicht spielen sie ‚Hier an dem Herzen treu geborgen, die Blume, sieh, von jenem Morgen‘ aus ‚Carmen‘. Was ist dir über die Leber gelaufen?“
„Nichts“, sagte Joachim. „Aber du siehst so heiß aus, ich fürchte, mit deiner Senkung ist es zu Ende.“
Es war zu Ende damit. Die beschämende Herabstimmung von Hans Castorps Natur war überwunden durch den Gruß, den er mit Clawdia Chauchat getauscht hatte, und ganz genau genommen, war es dies Bewußtsein, dem eigentlich seine Genugtuung galt. Ja, Joachim hatte recht gehabt: Merkurius stieg wieder! Er stieg, als Hans Castorp ihn nach dem Spaziergang zu Rate zog, auf rund 38 Grad.
Enzyklopädie
Wenn gewisse Anspielungen Herrn Settembrinis Hans Castorp geärgert hatten, – verwundern durfte er sich nicht darüber und hatte kein Recht, den Humanisten erzieherischer Spürsucht zu zeihen. Ein Blinder hätte bemerken müssen, wie es um ihn stand: er selbst tat nichts, um es geheimzuhalten, eine gewisse Hochherzigkeit und noble Einfalt hinderte ihn einfach, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen, worin er sich immerhin – und vorteilhaft, wenn man will, – von dem dünnhaarigen Verliebten aus Mannheim und seinem schleichenden Wesen unterschied. Wir erinnern und wiederholen, daß dem Zustande, in dem er sich befand, in der Regel ein Drang und Zwang, sich zu offenbaren, eingeboren ist, ein Trieb zum Bekenntnis und Geständnis, eine blinde Eingenommenheit von sich selbst und eine Sucht, die Welt mit sich zu erfüllen, – desto befremdlicher für uns Nüchterne, je weniger Sinn, Vernunft und Hoffnung offenbar bei der Sache ist. Wie solche Leute es eigentlich anfangen, sich zu verraten, ist schwer zu sagen; sie können, scheint es, nichts tun und lassen, was sie nicht verriete, – besonders nun gar in einer Gesellschaft, von der ein urteilender Kopf bemerkt hatte, sie habe im ganzen nur zwei Dinge im Sinn, nämlich erstens Temperatur und dann – nochmals Temperatur, das heißt zum Beispiel die Frage, mit wem Frau Generalkonsul Wurmbrandt aus Wien sich für die Flatterhaftigkeit des Hauptmanns Miklosich schadlos halte: ob mit dem völlig genesenen schwedischen Recken oder mit dem Staatsanwalt Paravant aus Dortmund oder drittens mit beiden zugleich. Denn daß die Bande, die den Staatsanwalt und Frau Salomon aus Amsterdam mehrere Monate lang verknüpft hatten, nach gütlicher Übereinkunft gelöst worden waren und Frau Salomon, dem Zuge ihrer Jahre folgend, sich den zarteren Semestern zugewandt und den wulstlippigen Gänser vom Tische der Kleefeld unter ihre Fittiche genommen oder, wie Frau Stöhr es in einer Art von Kanzleistil, dabei aber nicht ohne Anschaulichkeit ausdrückte, ihn „sich beigebogen“ hatte, – das war sicher und bekannt, so daß folglich der Staatsanwalt freie Hand hatte, sich der Generalkonsulin wegen mit dem Schweden zu schlagen oder zu vertragen.
Diese Prozesse also, die in der Berghofgesellschaft und besonders unter der febrilen Jugend anhängig waren, und bei denen die Balkondurchgänge (an den Glaswänden vorbei und das Geländer entlang) offenbar eine bedeutende Rolle spielten: diese Vorgänge hatte man im Sinn, sie bildeten einen Hauptbestandteil der hiesigen Lebensluft, – und auch damit ist das, was hier vorschwebt, nicht eigentlich ausgedrückt. Hans Castorp hatte nämlich den eigentümlichen Eindruck, daß auf einer Grundangelegenheit, welcher überall in der Welt eine hinlängliche, in Ernst und Scherz sich äußernde Wichtigkeit zugebilligt wird, hierorts denn doch ein Ton-, Wert- und Bedeutungszeichen lag, so schwer und vor Schwere so neu, daß es die Sache selbst in einem völlig neuen und, wenn nicht schrecklichen, so doch in seiner Neuheit erschreckenden Lichte erscheinen ließ. Indem wir dies aussagen, verändern wir unsere Mienen und bemerken, daß, wenn wir von den fraglichen Beziehungen bisher in einem leichten und spaßhaften Ton gesprochen haben sollten, es aus denselben geheimen Gründen geschehen wäre, aus denen es so oft geschieht, ohne daß für die Leichtigkeit oder Spaßhaftigkeit der Sache damit irgendetwas bewiesen wäre; und in der Sphäre, wo wir uns befinden, wäre das in der Tat noch weniger der Fall als anderwärts. Hans Castorp hatte geglaubt, sich auf jene gern bewitzelte Grundangelegenheit im üblichen Maße zu verstehen, und mochte mit Recht so geglaubt haben. Nun erkannte er, daß er sich im Flachlande nur sehr unzulänglich darauf verstanden, eigentlich sich in einfältiger Unwissenheit darüber befunden hatte, – während hier persönliche Erfahrungen, deren Natur wir mehrfach anzudeuten versuchten, und die ihm in gewissen Augenblicken den Ausruf „Mein Gott!“ abpreßten, ihn allerdings von innen her befähigten, den steigernden Akzent des Unerhörten, Abenteuerlich-Namenlosen wahrzunehmen und zu begreifen, den unter Denen hier oben die Sache allgemein und für jeden trug. Nicht daß man nicht auch hier darüber gewitzelt hätte. Aber weit mehr noch als unten trug hier diese Manier das Gepräge des Unsachgemäßen, sie hatte etwas Zähneklapperndes und Kurzatmiges, was sie als durchsichtigen Deckmantel für die darunter verborgene oder vielmehr nicht zu verbergende Not allzu deutlich kennzeichnete. Hans Castorp erinnerte sich des fleckigen Erblassens, das Joachim gezeigt hatte, als jener zum ersten und einzigen Mal in der unschuldig neckenden Art des Tieflandes die Rede auf Marusjas Körperlichkeit gebracht hatte. Er erinnerte sich auch der kalten Blässe, die, als er Frau Chauchat vom einfallenden Abendlichte befreit, sein eigenes Gesicht überzogen hatte, – und daran, daß er sie vorher und nachher bei verschiedenen Gelegenheiten auf manchem fremden Gesicht gewahr geworden war: auf zweien zugleich in der Regel, zum Beispiel auf den Gesichtern der Frau Salomon und des jungen Gänser in jenen Tagen, da das, was Frau Stöhr so redensartlich bezeichnet, sich zwischen ihnen angebahnt hatte. Er erinnerte sich, sagen wir, daran und verstand, daß es unter solchen Umständen nicht nur sehr schwer gewesen wäre, sich nicht zu „verraten“, sondern daß auch die Bemühung darum nur wenig gelohnt haben würde. Mit anderen Worten: es mochte denn doch wohl nicht allein Hoch- und Treuherzigkeit, sondern auch eine gewisse Ermutigung durch die Atmosphäre im Spiele sein, wenn Hans Castorp sich wenig bemüßigt fand, seinen Empfindungen Zwang anzutun und aus seinem Zustande ein Hehl zu machen.
Wäre nicht die von Joachim sofort hervorgehobene Schwierigkeit gewesen, hier Bekanntschaften zu machen, diese Schwierigkeit, die man hauptsächlich darauf zurückführen muß, daß die Vettern in der Kurgesellschaft sozusagen eine Partie und Miniaturgruppe für sich bildeten, und daß der militärische Joachim, auf nichts als rasche Genesung bedacht, der näheren Berührung und Gemeinschaft mit den Leidensgenossen grundsätzlich abhold war: so hätte Hans Castorp noch weit mehr Gelegenheit gehabt und genommen, seine Gefühle hochherzig-zügellos unter die Leute zu bringen. Immerhin konnte Joachim ihn eines Abends während der Salongeselligkeit betreffen, wie er mit Hermine Kleefeld, ihren beiden Tischherren Gänser und Rasmussen und viertens dem Jungen mit dem Einglas und dem Fingernagel zusammenstand und mit Augen, die ihren übernormalen Glanz nicht verleugneten, mit bewegter Stimme eine Stegreifrede über Frau Chauchats eigen- und fremdartige Gesichtsbildung hielt, während seine Zuhörer Blicke tauschten, sich anstießen und kicherten.