Ein Gutachter von der Denkungsart Lodovico Settembrinis hätte angesichts eines solchen Mangels an gutem Willen geradezu von Liederlichkeit, von „einer Form der Liederlichkeit“ sprechen mögen. Hans Castorp gedachte zuweilen der schriftstellerischen Dinge, die jener über „Krankheit und Verzweiflung“ geäußert, und die er unbegreiflich gefunden oder so zu finden sich den Anschein gegeben hatte. Er sah Clawdia Chauchat an, die Schlaffheit ihres Rückens, die vorgeschobene Haltung ihres Kopfes; er sah sie beständig mit großer Verspätung zu Tisch kommen, ohne Grund und Entschuldigung, einzig aus Mangel an Ordnung und gesitteter Energie; sah sie aus eben diesem grundlegenden Mangel jede Tür hinter sich zufallen lassen, durch die sie aus oder ein ging, Brotkugeln drehen und gelegentlich an den seitlichen Fingerspitzen kauen, – und eine wortlose Ahnung stieg in ihm auf, daß, wenn sie krank war, und das war sie wohl, fast hoffnungslos krank, da sie ja schon so lange und oft hier oben hatte leben müssen, – ihre Krankheit, wenn nicht gänzlich, so doch zu einem guten Teile moralischer Natur, und zwar wirklich, wie Settembrini gesagt hatte, nicht Ursache oder Folge ihrer „Lässigkeit“, sondern mit ihr ein und dasselbe war. Er erinnerte sich auch der wegwerfenden Gebärde, womit der Humanist von den „Parthern und Skythen“ gesprochen hatte, mit denen er Liegekur halten müsse, einer Gebärde natürlicher und unmittelbarer, nicht erst zu begründender Geringschätzung und Ablehnung, auf die Hans Castorp sich von früher her wohl verstand, – von damals her, als er, der sich bei Tische sehr gerade hielt, das Türenwerfen aus Herzensgrund haßte und nicht einmal in Versuchung kam, an den Fingern zu kauen (schon darum nicht, weil ihm statt dessen Maria Mancini gegeben war), an den Ungezogenheiten Frau Chauchats schweren Anstoß genommen und sich eines Gefühls der Überlegenheit nicht hatte entschlagen können, als er die schmaläugige Fremde in seiner Muttersprache sich hatte versuchen hören.

Solcher Empfindungen hatte Hans Castorp sich nun, auf Grund der inneren Sachlage, fast ganz begeben, und der Italiener war es viel mehr, an dem er sich ärgerte, weil dieser in seinem Dünkel von „Parthern und Skythen“ gesprochen, – während er doch nicht einmal Personen vom „Schlechten“ Russentisch im Auge gehabt hatte, demjenigen, an dem die Studenten mit dem allzu dicken Haar und der unsichtbaren Wäsche saßen und unaufhörlich in ihrer wildfremden Sprache disputierten, außer der sie sich offenbar in keiner auszudrücken wußten, und deren knochenloser Charakter an einen Thorax ohne Rippen erinnerte, wie Hofrat Behrens es neulich beschrieben hatte. Es war richtig, daß die Sitten dieser Leute einem Humanisten wohl lebhafte Abstandsgefühle erregen konnten. Sie aßen mit dem Messer und besudelten auf nicht wiederzugebende Weise die Toilette. Settembrini behauptete, daß einer von ihrer Gesellschaft, ein Mediziner in höheren Semestern, sich des Lateinischen vollkommen unkundig erwiesen, beispielsweise nicht gewußt habe, was ein vacuum sei, und nach Hans Castorps eigenen täglichen Erfahrungen log Frau Stöhr wahrscheinlich nicht, wenn sie bei Tische erzählte, das Ehepaar auf Nr. 32 empfange den Bademeister morgens, wenn er zur Abreibung komme, zusammen im Bette liegend.

Mochte dies alles zutreffen, so bestand doch die augenfällige Scheidung von „gut“ und „schlecht“ nicht umsonst, und Hans Castorp versicherte sich selbst, er habe nur ein Achselzucken für irgendeinen Propagandisten der Republik und des schönen Stils, der, hochnäsig und nüchtern – namentlich nüchtern, obgleich auch er febril und beschwipst war –, die beiden Tischgesellschaften unter dem Namen von Parthern und Skythen zusammenfaßte. Wie es gemeint war, verstand der junge Hans Castorp sehr weitgehend, er hatte ja auch angefangen, sich auf die Zusammenhänge von Frau Chauchats Krankheit mit ihrer „Lässigkeit“ zu verstehen. Aber es verhielt sich, wie er selbst eines Tages zu Joachim gesagt hatte: man beginnt mit Ärgernis und Abstandsgefühlen, auf einmal aber „kommt ganz anderes dazwischen“, was „mit Urteilen gar nichts zu tun hat“, und die Sittenstrenge hat ausgespielt, – man ist pädagogischen Einflüssen republikanischer und eloquenter Art kaum noch zugänglich. Was ist aber das, fragen wir, wahrscheinlich auch in Lodovico Settembrinis Sinn, was ist das für ein fragwürdiges Zwischenkommnis, das des Menschen Urteil lahmlegt und ausschaltet, ihn des Rechtes darauf beraubt oder vielmehr ihn bestimmt, sich dieses Rechtes mit unsinnigem Entzücken zu begeben? Wir fragen nicht nach seinem Namen, denn diesen kennt jeder. Wir erkundigen uns nach seiner moralischen Beschaffenheit, – und erwarten, offen gestanden, keine sehr hochgemute Antwort darauf. In Hans Castorps Fall bewährte sich diese Beschaffenheit in dem Grade, daß er nicht allein aufhörte, zu urteilen, sondern auch begann, mit der Lebensform, die es ihm angetan, seinerseits Versuche anzustellen. Er versuchte, wie es sei, wenn man bei Tische zusammengesunken, mit schlaffem Rücken dasäße, und fand, daß es eine große Erleichterung für die Beckenmuskeln bedeute. Ferner probierte er es, eine Tür, durch die er schritt, nicht umständlich hinter sich zu schließen, sondern sie zufallen zu lassen; und auch dies erwies sich sowohl als bequem wie als angemessen: es entsprach im Ausdruck jenem Achselzucken, mit dem Joachim ihn seinerzeit gleich am Bahnhof begrüßt, und das er seitdem so oft bei Denen hier oben gefunden hatte.

Schlicht gesagt, war unser Reisender nun also über beide Ohren in Clawdia Chauchat verliebt, – wir gebrauchen nochmals dies Wort, da wir dem Mißverständnis, das es erregen könnte, hinlänglich vorgebeugt zu haben meinen. Freundlich gemütvolle Wehmut im Geist jenes Liedchens war es also nicht, was das Wesen seiner Verliebtheit ausmachte. Vielmehr war das eine ziemlich riskierte und unbehauste Abart dieser Betörung, aus Frost und Hitze gemischt wie das Befinden eines Febrilen oder wie ein Oktobertag in oberen Sphären; und was fehlte, war eben ein gemüthaftes Mittel, das ihre extremen Bestandteile verbunden hätte. Sie bezog sich einerseits mit einer Unmittelbarkeit, die den jungen Mann erblassen ließ und seine Gesichtszüge verzerrte, auf Frau Chauchats Knie und die Linie ihres Beines, auf ihren Rücken, ihre Nackenwirbel und ihre Oberarme, von denen die kleine Brust zusammengepreßt wurde, – mit einem Worte auf ihren Körper, ihren lässigen und gesteigerten, durch die Krankheit ungeheuer betonten und noch einmal zum Körper gemachten Körper. Und sie war andererseits etwas äußerst Flüchtiges und Ausgedehntes, ein Gedanke, nein, ein Traum, der schreckhafte und grenzenlos verlockende Traum eines jungen Mannes, dem auf bestimmte, wenn auch unbewußt gestellte Fragen nur ein hohles Schweigen geantwortet hatte. Wie jedermann, nehmen wir das Recht in Anspruch, uns bei der hier laufenden Erzählung unsere privaten Gedanken zu machen, und wir äußern die Mutmaßung, daß Hans Castorp die für seinen Aufenthalt bei Denen hier oben ursprünglich angesetzte Frist nicht einmal bis zu dem gegenwärtig erreichten Punkt überschritten hätte, wenn seiner schlichten Seele aus den Tiefen der Zeit über Sinn und Zweck des Lebensdienstes eine irgendwie befriedigende Auskunft zuteil geworden wäre.

Im übrigen fügte seine Verliebtheit ihm all die Schmerzen zu und gewährte ihm all die Freuden, die dieser Zustand überall und unter allen Umständen mit sich bringt. Der Schmerz ist durchdringend; er enthält ein entehrendes Element, wie jeder Schmerz, und bedeutet eine solche Erschütterung des Nervensystems, daß er den Atem verschlägt und einem erwachsenen Manne bittere Tränen entpressen kann. Um auch den Freuden gerecht zu werden, so waren sie zahlreich und, obgleich aus unscheinbaren Anlässen entstehend, nicht weniger eindringlich als die Leiden. Fast jeder Augenblick des Berghof-Tages war fähig, sie zu zeitigen. Zum Beispiel: im Begriff, den Speisesaal zu betreten, bemerkt Hans Castorp den Gegenstand seiner Träume hinter sich. Das Ergebnis ist im voraus klar und von größter Simplizität, aber innerlich entzückend bis zu ebenfalls tränentreibender Wirkung. Ihre Augen begegnen sich nahe, die seinen und ihre graugrünen, deren leicht asiatischer Sitz und Schnitt ihm das Mark bezaubern. Er ist besinnungslos, aber auch ohne Besinnung tritt er seitlich zurück, um ihr zuerst den Weg durch die Tür freizugeben. Mit halbem Lächeln und einem halblauten „Merci“ macht sie Gebrauch von seinem nicht mehr als gesitteten Anerbieten, geht vorbei und hindurch. Im Hauch ihrer vorüberstreichenden Person steht er, närrisch vor Glück über das Zusammentreffen und darüber, daß ein Wort ihres Mundes, nämlich das Merci, ihm direkt und persönlich gegolten. Er folgt ihr, er schwankt rechtshin zu seinem Tische, und indem er auf seinen Stuhl sinkt, darf er wahrnehmen, daß „Clawdia“ drüben, ebenfalls Platz nehmend, sich nach ihm umblickt, – mit einem Ausdruck des Nachdenkens über die Begegnung an der Tür, wie ihm scheint. O unglaubwürdiges Abenteuer! O Jubel, Triumph und grenzenloses Frohlocken! Nein, diesen Rausch phantastischer Genugtuung hätte Hans Castorp nicht erprobt bei dem Blick irgendeines gesunden Gänschens, dem er drunten im Flachlande erlaubter-, friedlicher- und aussichtsreicherweise, im Sinne jenes Liedchens, „sein Herz geschenkt“ hätte. Mit fiebriger Aufgeräumtheit begrüßt er die Lehrerin, die alles gesehen hat und flaumig errötet ist, – worauf er Miß Robinson mit englischer Konversation von solcher Sinnlosigkeit berennt, daß das Fräulein, im Ekstatischen nicht bewandert, sogar zurückprallt und ihn mit Blicken voller Befürchtungen mißt.

Ein andermal fallen beim Abendessen die Strahlen der klar untergehenden Sonne auf den Guten Russentisch. Man hat die Vorhänge vor die Verandatüren und Fenster gezogen, aber irgendwo klafft da ein Spalt, und durch ihn findet der rote Schein kühl, aber blendend seinen Weg und trifft genau Frau Chauchats Kopf, so daß sie, im Gespräch mit dem konkaven Landsmann zu ihrer Rechten, sich mit der Hand dagegen schützen muß. Das ist eine Belästigung, aber keine schwere; niemand kümmert sich darum, die Betroffene selbst ist sich der Unbequemlichkeit wohl nicht einmal bewußt. Aber Hans Castorp sieht es über den Saal hinweg, – auch er sieht es eine Weile mit an. Er überprüft die Sachlage, verfolgt den Weg des Strahles, stellt den Ort seines Einfalles fest. Es ist das Bogenfenster dort hinten rechts, in der Ecke zwischen der einen Verandatür und dem Schlechten Russentisch, weit von Frau Chauchats Platze entfernt und fast genau ebensoweit von dem Hans Castorps. Und er faßt seine Entschlüsse. Ohne ein Wort steht er auf, geht, seine Serviette in der Hand, schräg zwischen den Tischen hin durch den Saal, schlägt da hinten die cremefarbenen Vorhänge gut übereinander, überzeugt sich durch einen Blick über die Schulter, daß der Abendschein ausgesperrt und Frau Chauchat befreit ist – und begibt sich unter Aufbietung vielen Gleichmutes auf den Rückweg. Ein aufmerksamer junger Mann, der das Notwendige tut, da sonst niemand darauf verfällt, es zu tun. Die wenigsten hatten auf sein Eingreifen geachtet, aber Frau Chauchat hatte die Erleichterung sofort gespürt und sich umgeblickt, – sie blieb in dieser Haltung, bis Hans Castorp seinen Platz wieder erreicht hatte und, sich setzend, zu ihr hinübersah, worauf sie mit freundlich erstauntem Lächeln dankte, das heißt: ihren Kopf mehr vorschob als neigte. Er quittierte mit einer Verbeugung. Sein Herz war unbeweglich, es schien überhaupt nicht zu schlagen. Erst später, als alles vorüber war, begann es zu hämmern, und da bemerkte er erst, daß Joachim die Augen still auf seinen Teller gerichtet hielt, – wie ihm auch nachträglich deutlich wurde, daß Frau Stöhr Dr. Blumenkohl in die Seite gestoßen hatte und überall am eigenen Tische und an den anderen mit geducktem Lachen nach mitwissenden Blicken suchte ...

Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar, wenn es auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Es gab Spannungen und wohltätige Lösungen zwischen ihnen, – oder wenn nicht zwischen ihnen (denn wie weit Madame Chauchat davon berührt wurde, wollen wir dahingestellt sein lassen), so doch für Hans Castorps Phantasie und Gefühl. Nach dem Mittagessen pflegte in diesen schönen Tagen ein größerer Teil der Kurgesellschaft sich auf die dem Speisesaal vorgelagerte Veranda hinaus zu begeben, um eine Viertelstunde gruppenweise in der Sonne zu verweilen. Es ging da zu, und ein Bild entwickelte sich, ähnlich wie bei der vierzehntägigen Sonntagsblechmusik. Die jungen Leute, absolut müßig, übermäßig gesättigt mit Fleischspeisen und Süßigkeiten, und alle leicht fiebernd, plauderten, schäkerten, äugten. Frau Salomon aus Amsterdam mochte wohl an der Balustrade sitzen, – hart mit den Knien bedrängt von dem wulstlippigen Gänser auf der einen und dem schwedischen Recken auf der anderen Seite, der, obgleich völlig genesen, seinen Aufenthalt zu einer kleinen Nachkur noch etwas verlängerte. Frau Iltis schien Witwe zu sein, denn sie erfreute sich seit kurzem der Gesellschaft eines „Bräutigams“, von übrigens zugleich melancholischer und untergeordneter Erscheinung, dessen Vorhandensein sie denn auch nicht hinderte, gleichzeitig die Huldigungen des Hauptmanns Miklosich, eines Mannes mit Hakennase, gewichstem Schnurrbart, erhabener Brust und drohenden Augen, entgegenzunehmen. Es waren da Liegehallendamen verschiedener Nationalität, neue Figuren darunter, erst seit dem 1. Oktober sichtbar geworden, die Hans Castorp kaum schon bei Namen zu nennen gewußt hätte, untermischt mit Kavalieren vom Schlage des Herrn Albin; monokeltragenden Siebzehnjährigen; einem bebrillten jungen Holländer mit rosigem Gesicht und monomanischer Leidenschaft für den Briefmarkentausch; verschiedenen Griechen, pomadisiert und mandeläugig, bei Tische zu Übergriffen geneigt; zwei eng zusammengehörigen Stutzerchen, die „Max und Moritz“ genannt wurden und für große Ausbrecher galten ... Der bucklige Mexikaner, dem Nichtkenntnis der hier vertretenen Sprachen den Gesichtsausdruck eines Tauben verlieh, nahm unaufhörlich photographische Aufnahmen vor, indem er sein Stativ mit schnurriger Behendigkeit von einem Punkt der Terrasse zum andern schleppte. Auch der Hofrat mochte sich wohl einfinden, um das Kunststück mit den Stiefelbändern aufzuführen. Irgendwo aber drückte sich einsam der mannheimische Religiöse in die Menge, und seine bis in den Grund hinein traurigen Augen gingen zu Hans Castorps Ekel heimlich gewisse Wege.

Um denn mit einem oder dem anderen Beispiel auf jene „Spannungen und Lösungen“ zurückzukommen, so mochte bei einer solchen Gelegenheit Hans Castorp auf einem lackierten Gartenstuhl und in gesprächiger Unterhaltung mit Joachim, den er trotz seines Widerstrebens gezwungen hatte, mit herauszukommen, an der Hauswand sitzen, während vor ihm Frau Chauchat mit ihren Tischgenossen eine Zigarette rauchend an der Brüstung stand. Er sprach für sie, damit sie ihn höre. Sie wandte ihm den Rücken zu ... Man sieht, wir haben jetzt einen bestimmten Fall im Auge. Des Vetters Gespräch hatte ihm nicht genügt für seine affektierte Redseligkeit, er hatte absichtlich eine Bekanntschaft gemacht, – welche? Die Bekanntschaft Hermine Kleefelds – hatte wie von ungefähr das Wort an die junge Dame gerichtet, sich selbst und Joachim ihr namentlich vorgestellt und auch ihr einen lackierten Stuhl herangezogen, um sich zu dritt besser aufspielen zu können. Ob sie noch wisse, fragte er, wie teufelsmäßig sie ihn damals erschreckt habe, bei ihrer ersten Begegnung seinerzeit auf der Morgenpromenade. Ja, das sei er gewesen, den sie damals so herzerfrischend zum Willkomm angepfiffen! Und ihren Zweck habe sie erreicht, das wolle er freiwillig gestehen, er sei wie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen gewesen, sie solle nur seinen Vetter fragen. Ha, ha, mit dem Pneumothorax zu pfeifen und harmlose Wanderer damit zu erschrecken! Ein frevles Spiel nenne er das, als sündhaften Mißbrauch bezeichne er es freierdings und in gerechtem Zorne ... Und während Joachim im Bewußtsein seiner werkzeughaften Rolle mit niedergeschlagenen Augen saß und auch die Kleefeld aus Hans Castorps blinden und abschweifenden Blicken allmählich für ihre Person das kränkende Gefühl gewann, nur als Mittel zum Zwecke zu dienen, schmollte Hans Castorp und zierte sich und drechselte Redensarten und gab sich eine wohllautende Stimme, bis er es wirklich erreichte, daß Frau Chauchat sich nach dem auffällig Redenden umwandte und ihm ins Gesicht blickte, – aber nur einen Augenblick. Denn so gestaltete es sich, daß ihre Pribislav-Augen an seiner mit übergeschlagenem Beine sitzenden Figur rasch hinunterglitten und mit einem Ausdruck von so geflissentlicher Gleichgültigkeit, daß er wie Verachtung aussah, genau wie Verachtung, eine Weile auf seinem gelben Stiefel haften blieben, – worauf sie sich phlegmatisch und vielleicht mit einem Lächeln in ihrer Tiefe wieder zurückzogen.

Ein schwerer, schwerer Unglücksfall! Hans Castorp redete noch eine Weile fieberhaft weiter; dann, als er dieses Blickes auf seinen Stiefel innerlich recht ansichtig geworden, verstummte er beinahe mitten im Wort und sank in Gram. Die Kleefeld, gelangweilt und beleidigt, ging ihrer Wege. Nicht ohne Gereiztheit in der Stimme meinte Joachim, nun könnten sie ja wohl Liegekur machen. Und ein Gebrochener antwortete ihm bleichen Mundes, das könnten sie.

Hans Castorp litt grausam unter diesem Vorfall zwei Tage lang; denn nichts geschah unterdessen, was Balsam für seine brennende Wunde gewesen wäre. Warum dieser Blick? Warum ihm ihre Verachtung in des dreifaltigen Gottes Namen? Sah sie ihn an wie einen gesunden Gimpel von unten, dessen Aufnahmelustigkeit nur zum Harmlosen neigte? Wie eine Unschuld aus dem Flachlande, sozusagen, einen gewöhnlichen Kerl, der herumging und lachte und sich den Bauch vollschlug und Geld verdiente, – einen Musterschüler des Lebens, der sich auf nichts als auf die langweiligen Vorteile der Ehre verstand? War er ein windiger Hospitant auf drei Wochen, unteilhaft ihrer Sphäre, oder hatte er nicht Profeß getan auf Grund einer feuchten Stelle, – war er nicht eingereiht und zugehörig, einer von Uns hier oben, mit guten zwei Monaten auf dem Buckel, und war nicht Merkurius noch gestern abend wieder auf 37,8 gestiegen? ... Aber das eben war es, das machte sein Leiden vollständig! Merkurius stieg nicht mehr! Die furchtbare Niedergeschlagenheit dieser Tage bewirkte eine Erkältung, Ernüchterung und Abspannung von Hans Castorps Natur, die sich zu seiner bitteren Beschämung in sehr niedrigen, kaum übernormalen Meßergebnissen äußerte, und grausam war es für ihn, zu gewahren, wie sein Kummer und Gram nichts weiter vermochte, als ihn von Clawdias Sein und Wesen immer nur weiter noch zu entfernen.