Er unterschrieb. Das war getan. Dieser dritte Brief nach Hause war ausgiebig, er hielt vor, – nicht nach den Zeitbegriffen von unten, sondern nach den hier oben herrschenden; er befestigte Hans Castorps Freiheit. Dies war das Wort, das er anwandte, nicht ausdrücklich, nicht, indem er auch nur innerlich seine Silben gebildet hätte, aber er empfand seinen weitläufigsten Sinn, wie er es während seines hiesigen Aufenthaltes zu tun gelernt hatte, – einen Sinn, der mit demjenigen, den Settembrini diesem Worte beilegte, nur wenig zu schaffen hatte, – und eine ihm schon bekannte Welle des Schreckens und der Erregung ging über ihn hin, die seine Brust beim Aufseufzen erzittern ließ.
Er hatte den Kopf voller Blut vom Schreiben, seine Backen brannten. Er nahm Merkurius vom Lampentischchen und maß sich, als gelte es, eine Gelegenheit zu benutzen. Merkurius stieg auf 37,8.
„Seht ihr?“ dachte Hans Castorp. Und er fügte das Postskriptum hinzu: „Der Brief hat mich doch angestrengt. Ich messe 37,8. Ich sehe, daß ich mich vorläufig sehr ruhig verhalten muß. Ihr müßt entschuldigen, wenn ich selten schreibe.“ Dann lag er und hob seine Hand gegen den Himmel, das Innere nach außen, so, wie er sie hinter den Leuchtschirm gehalten. Aber das Himmelslicht ließ ihre Lebensform unberührt, sogar noch dunkler und undurchsichtiger wurde ihr Stoff vor seiner Helle, und nur ihre äußersten Umrisse zeigten sich rötlich durchleuchtet. Es war die Lebenshand, die er zu sehen, zu säubern, zu benutzen gewohnt war – nicht jenes fremde Gerüst, das er im Schirme erblickt –, die analytische Grube, die er damals offen gesehen, hatte sich wieder geschlossen.
Launen des Merkur
Der Oktober brach an, wie neue Monate anzubrechen pflegen, – es ist an und für sich ein vollkommen bescheidenes und geräuschloses Anbrechen, ohne Zeichen und Feuermale, ein stilles Sicheinschleichen also eigentlich, das der Aufmerksamkeit, wenn sie nicht strenge Ordnung hält, leicht entgeht. Die Zeit hat in Wirklichkeit keine Einschnitte, es gibt kein Gewitter oder Drommetengetön beim Beginn eines neuen Monats oder Jahres, und selbst bei dem eines neuen Säkulums sind es nur wir Menschen, die schießen und läuten.
In Hans Castorps Fall glich der erste Oktobertag auf ein Haar dem letzten Septembertage; er war ebenso kalt und unfreundlich wie dieser, und die nächstfolgenden waren es auch. Man brauchte den Winterpaletot und beide Kamelhaardecken in der Liegekur, nicht nur abends, sondern auch am Tage; die Finger, mit denen man sein Buch hielt, waren feucht und steif, wenn auch die Backen in trockener Hitze standen, und Joachim war sehr versucht, seinen Pelzsack in Gebrauch zu nehmen; er unterließ es nur, um sich nicht vorzeitig zu verwöhnen.
Aber einige Tage später, man hielt schon zwischen Anfang und Mitte des Monats, änderte sich alles, und ein nachträglicher Sommer fiel ein von solcher Pracht, daß es zum Verwundern war. Nicht umsonst hatte Hans Castorp den Oktober dieser Gegenden rühmen hören; wohl zweieinhalb Wochen lang herrschte Himmelsherrlichkeit über Berg und Tal, ein Tag überbot den anderen an blauender Reinheit, und mit so unvermittelter Kraft brannte die Sonne darein, daß jedermann sich veranlaßt fand, das leichteste Sommerzeug, Musselinkleider und Leinwandhosen, die schon verworfen gewesen, wieder hervorzusuchen und selbst der große Segeltuchschirm ohne Krücke, den man vermittelst einer sinnreichen Vorrichtung, einem mehrfach gelochten Pflock, an der Armlehne des Liegestuhles befestigte, in den mittleren Tagesstunden nur ungenügenden Schutz gegen die Glut des Gestirnes bot.
„Schön, daß ich das hier noch mitmache“, sagte Hans Castorp zu seinem Vetter. „Wir haben es manchmal so elend gehabt, – es ist ja ganz, als hätten wir den Winter schon hinter uns und nun käme die gute Zeit.“ Er hatte recht. Wenige Merkmale deuteten auf den wahren Sachverhalt, und auch diese waren unscheinbar. Nahm man ein paar gepflanzte Ahorne beiseite, die unten in „Platz“ nur eben ihr Leben fristeten und längst mutlos ihre Blätter hatten fallen lassen, so gab es keine Laubbäume hier, deren Zustand der Landschaft das Gepräge der Jahreszeit aufgedrückt hätte, und nur die zwittrige Alpenerle, die weiche Nadeln trägt und diese wie Blätter wechselt, zeigte sich herbstlich kahl. Der übrige Baumschmuck der Gegend, ob ragend oder geduckt, war immergrünes Nadelholz, fest gegen den Winter, der, undeutlich eingeschränkt, seine Schneestürme hier über das ganze Jahr verteilen darf; und nur ein mehrfach gestufter, roströtlicher Ton über dem Forst ließ trotz dem Sommerbrande des Himmels das sinkende Jahr erkennen. Freilich waren da, näher zugesehen, noch die Wiesenblumen, die gleichfalls leise zur Sache redeten. Es gab das orchideenähnliche Knabenkraut, die staudenförmige Akelei nicht mehr, die bei des Besuchers Ankunft noch das Gehänge geschmückt hatten, und auch die wilde Nelke war nicht mehr da. Nur noch der Enzian, die kurzaufsitzende Herbstzeitlose waren zu sehen und gaben Bescheid über eine gewisse innere Frische der oberflächlich erhitzten Atmosphäre, eine Kühle, die dem Ruhenden, äußerlich fast Versengten plötzlich ans Gebein treten konnte, wie ein Frostschauer dem Fieberglühenden.
Hans Castorp also hielt innerlich nicht jene Ordnung, womit der die Zeit bewirtschaftende Mensch ihren Ablauf beaufsichtigt, ihre Einheiten abteilt, zählt und benennt. Er hatte auf den stillen Anbruch des zehnten Monats nicht achtgehabt; nur das Sinnliche berührte ihn, die Sonnenglut mit der geheimen Frostfrische darin und darunter, – eine Empfindung, die ihm in dieser Stärke neu war und ihn zu einem kulinarischen Vergleich anregte: sie erinnerte ihn, einer Äußerung zufolge, die er gegen Joachim tat, an eine „Omelette en surprise“ mit Gefrorenem unter dem heißen Eierschaum. Er sagte öfter solche Dinge, sagte sie rasch, geläufig und mit bewegter Stimme, wie ein Mensch spricht, den es fröstelt bei heißer Haut. Dazwischen freilich war er auch schweigsam, um nicht zu sagen: in sich gekehrt; denn seine Aufmerksamkeit war wohl nach außen gerichtet, aber auf einen Punkt; das übrige, Menschen wie Dinge, verschwamm im Nebel, einem in Hans Castorps Hirn erzeugten Nebel, den Hofrat Behrens und Dr. Krokowski zweifellos als das Produkt löslicher Gifte angesprochen haben würden, wie der Benebelte sich selber sagte, ohne daß diese Einsicht das Vermögen oder auch nur im entferntesten den Wunsch in ihm gezeitigt hätte, des Rausches ledig zu werden.
Denn das ist ein Rausch, dem es um sich selber zu tun ist, und dem nichts unerwünschter und verabscheuenswürdiger scheint, als die Ernüchterung. Er behauptet sich auch gegen dämpfende Eindrücke, er läßt sie nicht zu, um sich zu bewahren. Hans Castorp wußte und hatte es früher selbst zur Sprache gebracht, daß Frau Chauchat im Profil nicht günstig aussah, etwas scharf, nicht mehr ganz jung. Die Folge? Er vermied es, sie im Profil zu betrachten, schloß buchstäblich die Augen, wenn sie ihm zufällig von fern oder nah diese Ansicht bot, es tat ihm weh. Warum? Seine Vernunft hätte freudig die Gelegenheit wahrnehmen sollen, sich zur Geltung zu bringen! Aber was verlangt man ... Er wurde blaß vor Entzücken, als Clawdia in diesen glänzenden Tagen zum zweiten Frühstück wieder einmal in der weißen Spitzenmatinee erschien, die sie bei warmem Wetter trug, und die sie so außerordentlich reizvoll machte, – verspätet und türschmetternd darin erschien und lächelnd, die Arme leicht zu ungleicher Höhe erhoben, gegen den Saal Front machte, um sich zu präsentieren. Aber er war entzückt nicht sowohl dadurch, daß sie so günstig aussah, sondern darüber, daß es so war, weil das den süßen Nebel in seinem Kopf verstärkte, den Rausch, der sich selber wollte, und dem es darum zu tun war, gerechtfertigt und genährt zu werden.