„Er hat mir keine bestimmte Frist gesetzt.“

„Auch nicht übel. Legen wir uns also, Ingenieur. Beziehen wir unsere Stellungen.“

Sie verabschiedeten sich vor Nummer 34.

„Nun gehen Sie auf Ihr Dach hinauf, Herr Settembrini. Es muß lustiger sein, so in Gesellschaft zu liegen, als allein. Unterhalten Sie sich? Sind es interessante Leute, mit denen Sie Kur machen?“

„Ach, das sind lauter Parther und Skythen!“

„Sie meinen Russen?“

„Und Russinnen“, sagte Herr Settembrini, und sein Mundwinkel spannte sich. „Adieu, Ingenieur!“

Das war mit Bedeutung gesagt, unzweifelhaft. Hans Castorp betrat in Verwirrung sein Zimmer. Wußte Settembrini, wie es um ihn stand? Wahrscheinlich hatte er ihm erzieherisch nachgespürt und die Wege verfolgt, die seine Augen gingen. Hans Castorp war zornig auf den Italiener und auch auf sich selbst, weil er unbeherrschterweise den Stich herausgefordert hatte. Während er sein Schreibzeug zusammensuchte, um es mit in die Liegekur zu nehmen – denn nun galt kein Zögern mehr, der Brief nach Hause, der dritte, wollte geschrieben sein –, fuhr er fort, sich zu ärgern, murmelte dies und das vor sich hin gegen diesen Windbeutel und Räsonneur, der sich in Dinge mischte, die ihn nichts angingen, während er selbst die Mädchen auf der Straße anträllerte, – und fühlte sich zu der schriftlichen Arbeit gar nicht mehr aufgelegt, – dieser Drehorgelmann hatte ihm mit seinen Anspielungen förmlich die Stimmung dazu verdorben. Aber so oder so, er mußte Winterzeug haben, Geld, Wäsche, Schuhwerk, kurz alles, was er mitgenommen haben würde, wenn er gewußt hätte, daß er nicht für drei Hochsommerwochen, sondern ... sondern für eine noch unbestimmte Frist kam, die aber jedenfalls ein Stück in den Winter hineinreichen, ja, wie bei Uns hier oben die Begriffe und Zeitverhältnisse nun einmal waren, ihn wohl gar einschließen würde. Dies eben wollte, wenigstens als Möglichkeit, nach Hause mitgeteilt sein. Es galt diesmal ganze Arbeit zu tun, Denen dort unten reinen Wein einzuschenken und weder sich noch ihnen länger etwas vorzumachen ...

In diesem Geiste schrieb er denn, unter Beobachtung der Technik, die er Joachim mehrmals hatte üben sehen: im Liegestuhl, mit dem Füllfederhalter, die Reisemappe auf den hochgezogenen Knien. Er schrieb auf einem Briefbogen der Anstalt, von denen ein Vorrat in der Tischschublade bereit lag, an James Tienappel, der ihm unter den drei Onkels am nächsten stand, und bat ihn, den Konsul zu unterrichten. Er sprach von einem leidigen Zwischenfall, von Befürchtungen, die sich bewahrheitet hätten, von der ärztlicherseits erklärten Notwendigkeit, einen Teil des Winters, vielleicht den ganzen hier oben zu verbringen, denn Fälle wie der seinige seien oft hartnäckiger als solche, die sich pompöser anließen, und es gelte doch, nachdrücklich einzugreifen und beizeiten ein für allemal vorzubauen. Unter diesem Gesichtspunkt, meinte er, sei es ja ein Glück und eine günstige Fügung, daß er zufällig jetzt heraufgekommen und veranlaßt worden sei, sich untersuchen zu lassen; denn sonst wäre er wohl noch lange über seinen Zustand im unklaren geblieben und später vielleicht auf viel empfindlichere Art darüber belehrt worden. Was die voraussichtliche Dauer der Kur betreffe, so möge man sich nicht wundern, daß er sich wahrscheinlich den Winter werde um die Ohren schlagen müssen und kaum früher als Joachim in die Ebene werde zurückkehren können. Die Zeitbegriffe seien hier andere, als die sonst wohl für Badereisen und Kuraufenthalte gültigen; der Monat sei sozusagen die kleinste Zeiteinheit, und einzeln spiele er gar keine Rolle ...

Es war kühl, er schrieb im Paletot, in eine Decke gehüllt, mit geröteten Händen. Manchmal blickte er auf von seinem Papier, das sich mit vernünftigen und überzeugenden Sätzen bedeckte, und blickte in die vertraute Landschaft, die er kaum noch sah, dieses gestreckte Tal mit dem heute glasig-bleichen Gipfelgeschiebe am Ausgang, dem hell besiedelten Grunde, der manchmal sonnig aufglänzte, und den teils waldrauhen, teils wiesigen Lehnen, von denen Kuhgeläut kam. Er schrieb mit wachsender Leichtigkeit und verstand nicht mehr, wie er sich vor dem Brief hatte fürchten können. Im Schreiben begriff er selbst, daß nichts einleuchtender sein konnte, als seine Darlegungen, und daß sie zu Hause selbstverständlich das vollkommenste Einverständnis finden würden. Ein junger Mann seiner Klasse und in seinen Verhältnissen tat etwas für sich, wenn es sich als ratsam erwies, er machte Gebrauch von den eigens für seinesgleichen bereitgestellten Bequemlichkeiten. So gehörte es sich. Wäre er heimgereist, – man hätte ihn auf seinen Bericht hin wieder heraufgeschickt. Er bat, ihm zukommen zu lassen, was er brauchte. Auch um regelmäßige Anweisung der nötigen Geldmittel bat er zum Schluß; mit 800 Mark monatlich sei alles zu decken.