„Lichtanatomie haben wir neulich getrieben in unserem Parterrekeller. Behrens nannte es so, als er uns durchleuchtete.“

„Ah, auch diese Station haben Sie schon erstiegen. Nun, und?“

„Ich habe das Skelett meiner Hand gesehen“, sagte Hans Castorp, indem er sich die Empfindungen zurückzurufen suchte, die bei diesem Anblick in ihm aufgestiegen waren. „Haben Sie sich Ihres auch einmal zeigen lassen?“

„Nein, ich interessiere mich nicht im geringsten für mein Skelett. Und das ärztliche Ergebnis?“

„Er hat Stränge gesehen, Stränge mit Knötchen.“

„Teufelsknecht.“

„So haben Sie Hofrat Behrens schon einmal genannt. Was meinen Sie damit?“

„Seien Sie überzeugt, daß es eine gewählte Bezeichnung ist!“

„Nein, Sie sind ungerecht, Herr Settembrini! Ich gebe zu, daß der Mann seine Schwächen hat. Seine Redeweise ist mir selbst auf die Dauer nicht angenehm; sie hat zuweilen was Gewaltsames, besonders wenn man sich erinnert, daß er den großen Kummer gehabt hat, seine Frau hier oben einzubüßen. Aber was für ein verdienter und achtbarer Mann ist er doch alles in allem, ein Wohltäter der leidenden Menschheit! Neulich begegnete ich ihm, als er eben von einer Operation kam, einer Rippenresektion, einer Sache, bei der es auf Biegen oder Brechen gegangen war. Es machte großen Eindruck auf mich, wie ich ihn so von seiner schwierigen, nützlichen Arbeit kommen sah, auf die er sich so gut versteht. Noch ganz erhitzt war er und hatte sich zur Belohnung eine Zigarre angezündet. Ich war neidisch auf ihn.“

„Das war schön von Ihnen. Aber Ihr Strafmaß?“