„Ja, Ingenieur. Ich will es verantworten.“
Aber auch Hans Castorps Haltung hatte sich nun gestrafft. Er hielt die Absätze geschlossen und sah Herrn Settembrini ebenfalls gerade an. Diesmal war es ein Gefecht. Hans Castorp stand seinen Mann. Einflüsse aus der Nähe „stärkten“ ihn. Da war ein Pädagog, und dort draußen war eine schmaläugige Frau. Er entschuldigte sich nicht einmal für das, was er sagte; er fügte nicht hinzu: „Nehmen Sie es mir nicht übel.“ Er antwortete:
„Dann sind Sie vorsichtiger für sich als für andere Leute! Sie sind nicht gegen ärztliches Verbot nach Barcelona zum Fortschrittskongreß gereist. Sie fürchteten den Tod und blieben hier.“
Bis zu einem gewissen Grade war dadurch Herrn Settembrinis Pose unzweifelhaft zerstört. Er lächelte nicht ganz mühelos und sagte:
„Ich weiß eine schlagfertige Antwort zu schätzen, selbst wenn Ihre Logik der Sophisterei nicht fern ist. Es ekelt mich, in einem hier üblichen abscheulichen Wettstreit zu konkurrieren, sonst würde ich Ihnen erwidern, daß ich bedeutend kränker bin als Sie, – leider in der Tat so krank, daß ich die Hoffnung, diesen Ort je wieder verlassen und in die untere Welt zurückkehren zu können, nur künstlicher- und ein wenig selbstbetrügerischerweise hinfriste. In dem Augenblick, wo es sich als völlig unanständig erweisen wird, sie aufrechtzuhalten, werde ich dieser Anstalt den Rücken kehren und für den Rest meiner Tage irgendwo im Tal ein Privatlogis beziehen. Das wird traurig sein, aber da meine Arbeitssphäre die freieste und geistigste ist, wird es mich nicht hindern, bis zu meinem letzten Atemzuge der Sache der Menschheit zu dienen und dem Geist der Krankheit die Stirn zu bieten. Ich habe Sie auf den Unterschied, der in dieser Beziehung zwischen uns besteht, bereits aufmerksam gemacht. Ingenieur, Sie sind nicht der Mann, Ihr besseres Wesen hier zu behaupten, das sah ich bei unserer ersten Begegnung. Sie halten mir vor, ich sei nicht nach Barcelona gereist. Ich habe mich dem Verbot unterworfen, um mich nicht vorzeitig zu zerstören. Aber ich tat es unter dem stärksten Vorbehalt, unter dem stolzesten und schmerzlichsten Protest meines Geistes gegen das Diktat meines armseligen Körpers. Ob dieser Protest auch in Ihnen lebendig ist, indem Sie den Vorschriften der hiesigen Mächte Folge leisten, – ob es nicht vielmehr der Körper ist und sein böser Hang, dem Sie nur zu bereitwillig gehorchen ...“
„Was haben Sie gegen den Körper?“ unterbrach Hans Castorp ihn rasch und blickte ihn groß an mit seinen blauen Augen, deren Weißes von roten Adern durchzogen war. Ihm schwindelte vor seiner Tollkühnheit, und man sah es ihm an. „Wovon spreche ich?“ dachte er. „Es wird ungeheuerlich. Aber ich habe mich einmal auf Kriegsfuß mit ihm gestellt und werde ihm, so lange es irgend geht, das letzte Wort nicht lassen. Natürlich wird er es haben, aber das macht nichts, ich werde immerhin dabei profitieren. Ich werde ihn reizen.“ Er ergänzte seinen Einwand:
„Sie sind doch Humanist? Wie können Sie schlecht auf den Körper zu sprechen sein?“
Settembrini lächelte, diesmal ungezwungen und selbstgewiß.
„‚Was haben Sie gegen die Analyse?‘“ zitierte er, den Kopf auf der Schulter. „‚Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?‘ – Sie werden mich immer bereit finden, Ihnen Rede zu stehen, Ingenieur,“ sagte er mit Verbeugung und einer salutierenden Handbewegung gegen den Fußboden, „besonders wenn Ihre Einwendungen Geist haben. Sie parieren nicht ohne Eleganz. Humanist, – gewiß, ich bin es. Asketischer Neigungen werden Sie mich niemals überführen. Ich bejahe, ich ehre und liebe den Körper, wie ich die Form, die Schönheit, die Freiheit, die Heiterkeit und den Genuß bejahe, ehre und liebe, – wie ich die ‚Welt‘, die Interessen des Lebens vertrete gegen sentimentale Weltflucht, – den Classicismo gegen die Romantik. Ich denke, meine Stellungnahme ist eindeutig. Eine Macht, ein Prinzip aber gibt es, dem meine höchste Bejahung, meine höchste und letzte Ehrerbietung und Liebe gilt, und diese Macht, dieses Prinzip ist der Geist. Wie sehr ich es verabscheue, irgendein verdächtiges Mondscheingespinst und -gespenst, das man ‚die Seele‘ nennt, gegen den Leib ausgespielt zu sehen, – innerhalb der Antithese von Körper und Geist bedeutet der Körper das böse, das teuflische Prinzip, denn der Körper ist Natur, und die Natur – innerhalb ihres Gegensatzes zum Geiste, zur Vernunft, ich wiederhole das! – ist böse, – mystisch und böse. ‚Sie sind Humanist!‘ Allerdings bin ich es, denn ich bin ein Freund des Menschen, wie Prometheus es war, ein Liebhaber der Menschheit und ihres Adels. Dieser Adel aber ist beschlossen im Geiste, in der Vernunft, und darum werden Sie ganz vergebens den Vorwurf des christlichen Obskurantismus erheben ...“
Hans Castorp wehrte ab.