Settembrini hatte die letzten Worte, dicht vor Hans Castorp stehend, fast ohne Ton und sehr rasch gesprochen, um fertig zu werden. Entsatz näherte sich für Hans Castorp: Joachim betrat, zwei Postkarten in der Hand, das Lesezimmer, die Rede des Literaten brach ab, und die Gewandtheit, mit der sein Ausdruck ins gesellschaftlich Leichte hinüberwechselte, verfehlte nicht ihren Eindruck auf seinen Schüler, – wenn man Hans Castorp so nennen konnte.

„Da sind Sie, Leutnant! Sie werden Ihren Vetter gesucht haben, – verzeihen Sie! Wir waren da in ein Gespräch geraten, – wenn mir recht ist, hatten wir sogar einen kleinen Zwist. Er ist kein übler Räsonneur, Ihr Vetter, ein durchaus nicht ungefährlicher Gegner im Wortstreit, wenn es ihm darauf ankommt.“

Humaniora

Hans Castorp und Joachim Ziemßen saßen in weißen Hosen und blauen Jacken nach dem Diner im Garten. Es war noch einer dieser gepriesenen Oktobertage, ein Tag, heiß und leicht, festlich und herb zugleich, mit südlich dunkler Himmelsbläue über dem Tal, dessen von Wegen durchzogene und besiedelte Triften im Grunde noch heiter grünten, und von dessen rauh bewaldeten Lehnen Kuhgeläut kam, – dieser blechern-friedliche, einfältig-musikalische Laut, der klar und ungestört durch die stillen, dünnen, leeren Lüfte schwebte, die Feierstimmung vertiefend, die über hohen Gegenden waltet.

Die Vettern saßen auf einer Bank am Ende des Gartens vor einem Rondell junger Tannen. – Der Platz lag am nordwestlichen Rande der eingezäunten, um fünfzig Meter über das Tal erhöhten Plattform, die das Postament des Berghofgeländes bildete. Sie schwiegen. Hans Castorp rauchte. Er haderte innerlich mit Joachim, weil dieser nach Tische nicht an der Geselligkeit auf der Veranda hatte teilnehmen wollen, sondern ihn gegen Wunsch und Willen in die Stille des Gartens genötigt hatte, bevor sie den Liegedienst aufnehmen würden. Das war tyrannisch von Joachim. Genau genommen, waren sie nicht die siamesischen Zwillinge. Sie konnten sich trennen, wenn ihre Neigungen auseinandergingen. Hans Castorp war ja nicht hier, um Joachim Gesellschaft zu leisten, sondern er war selbst Patient. Er schmollte in diesem Sinne, und er konnte es aushalten, zu schmollen, da er Maria Mancini hatte. Die Hände in den Seitentaschen seiner Jacke, die braunbeschuhten Füße von sich gestreckt, hielt er die lange, mattgraue Zigarre, die sich noch im ersten Stadium der Konsumtion befand, das heißt: von deren stumpfer Spitze er die Asche noch nicht abgestreift hatte, in der Mitte der Lippen, so daß sie etwas abwärts hing, und genoß nach der starken Mahlzeit ihr Aroma, dessen er nun völlig wieder habhaft geworden war. Mochte sonst seine Eingewöhnung hier oben nur in der Gewöhnung daran bestehen, daß er sich nicht gewöhnte, – was den Chemismus seines Magens, die Nerven seiner trockenen und zu Blutungen neigenden Schleimhäute betraf, so hatte offenbar die Anpassung sich endlich doch vollzogen: unmerklich und ohne daß er den Fortschritt hatte verfolgen können, hatte sich im Wandel der Tage, dieser fünfundsechzig oder siebzig Tage, sein ganzes organisches Behagen an dem wohlfabrizierten pflanzlichen Reiz- oder Betäubungsmittel wieder hergestellt. Er freute sich des wiedergekehrten Vermögens. Die moralische Genugtuung verstärkte den physischen Genuß. Während seiner Bettlägrigkeit hatte er an dem mitgebrachten Vorrat von zweihundert Stück gespart; Restbestände davon waren noch vorhanden. Aber zugleich mit der Wäsche, den Winterkleidern hatte er sich von Schalleen auch weitere fünfhundert Stück der Bremer Ware kommen lassen, um eingedeckt zu sein. Es waren schöne lackierte Kistchen mit einem Globus, vielen Medaillen und einem von Fahnen umflatterten Ausstellungsgebäude in Gold geschmückt.

Wie sie saßen, siehe, so kam Hofrat Behrens durch den Garten. Er hatte heute am Mittagessen im Saale teilgenommen; am Tische der Frau Salomon hatte man ihn die riesigen Hände vor seinem Teller falten sehen. Dann hatte er sich wohl auf der Terrasse verweilt, persönliche Töne angeschlagen, wahrscheinlich das Stiefelbandkunststück ausgeführt, für jemanden, der es noch nicht gesehen. Nun kam er auf dem Kieswege schlendernd heran, ohne Ärztekittel, in kleinkariertem Schwalbenschwanz, den steifen Hut im Nacken, eine Zigarre auch seinerseits im Munde, die sehr schwarz war, und aus der er große, weißliche Rauchwolken sog. Sein Kopf, sein Gesicht mit den bläulich erhitzten Backen, der Stumpfnase, den feuchten, blauen Augen und dem geschürzten Bärtchen waren klein im Verhältnis zu der langen, leicht gebückten und geknickten Gestalt und zu dem Umfange seiner Hände und Füße. Er war nervös, sichtlich schrak er zusammen, als er die Vettern bemerkte, und blieb sogar etwas verlegen, da er gerade auf sie zugehen mußte. Er begrüßte sie in der gewohnten Weise, aufgeräumt und redensartlich, mit „Sieh da, sieh da, Timotheus!“ und Segenswünschen für ihren Stoffwechsel, indem er sie nötigte, sitzenzubleiben, da sie sich zu seinen Ehren erheben wollten.

„Geschenkt, geschenkt. Keine Umstände weiter mit mir schlichtem Manne. Kommt mir gar nicht zu, sintemalen Sie Patienten sind, einer wie der andere. Sie haben so was nicht nötig. Nichts zu sagen gegen die Situation, wie sie ist.“

Und er blieb vor ihnen stehen, die Zigarre zwischen Zeige- und Mittelfinger seiner riesigen Rechten.

„Wie schmeckt der Krautwickel, Castorp? Lassen Sie mal sehen, ich bin Kenner und Liebhaber. Die Asche ist gut: was ist denn das für eine bräunliche Schöne?“

„Maria Mancini, Postre de Banquett aus Bremen, Herr Hofrat. Kostet wenig oder nichts, neunzehn Pfennig in reinen Farben, hat aber ein Bukett, wie es sonst in dieser Preislage nicht vorkommt. Sumatra-Havanna, Sandblattdecker, wie Sie sehen. Ich habe mich sehr an sie gewöhnt. Es ist eine mittelvolle Mischung und sehr würzig, aber leicht auf der Zunge. Sie hat es gern, wenn man ihr lange die Asche läßt, ich streife nur höchstens zweimal ab. Natürlich hat sie ihre kleinen Launen, aber die Kontrolle bei der Herstellung muß besonders genau sein, denn Maria ist sehr zuverlässig in ihren Eigenschaften und luftet vollkommen gleichmäßig. Darf ich Ihnen eine anbieten?“