„Danke, wir können ja mal tauschen.“ Und sie zogen ihre Etuis.
„Die hat Rasse“, sagte der Hofrat, indem er seine Marke hinreichte. „Temperament, wissen Sie, Saft und Kraft. St. Felix-Brasil, ich habe es immer mit diesem Charakter gehalten. Ein rechter Sorgenbrecher, brennt ein wie Schnaps, und namentlich gegen das Ende hat sie was Fulminantes. Einige Zurückhaltung im Verkehr wird empfohlen, man kann nicht eine an der anderen anzünden, das geht über Manneskraft. Aber lieber mal einen ordentlichen Happen, als den ganzen Tag Wasserdampf ...“
Sie drehten die gewechselten Geschenke zwischen den Fingern, prüften mit sachlicher Kennerschaft diese schlanken Körper, die mit den schräg gleichlaufenden Rippen ihrer erhöhten, hie und da etwas gelüfteten Wickelränder, ihrem aufliegenden Geäder, das zu pulsen schien, den kleinen Unebenheiten ihrer Haut, dem Spiel des Lichtes auf ihren Flächen und Kanten etwas organisch Lebendiges hatten. Hans Castorp sprach es aus:
„So eine Zigarre hat Leben. Sie atmet regelrecht. Zu Hause ließ ich es mir mal einfallen, Maria in einer luftdichten Blechkiste aufzubewahren, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Wollen Sie glauben, daß sie starb? Sie kam um und war tot binnen Wochenfrist, – lauter ledrige Leichen.“
Und sie tauschten ihre Erfahrungen aus über die beste Art, Zigarren aufzubewahren, namentlich Importen. Der Hofrat liebte Importen, er hätte am liebsten immer nur schwere Havannas geraucht. Nur leider vertrug er sie nicht, und zwei kleine Henry Clays, die er einmal in einer Gesellschaft ans Herz genommen, hätten ihn, wie er erzählte, um ein Haar unter den Rasen gebracht. „Ich rauche sie zum Kaffee,“ sagte er, „eine nach der anderen, und denke mir wenig dabei. Aber wie ich fertig bin, da steigt mir die Frage auf, wie mir eigentlich zu Sinne wird. Ganz anders jedenfalls, total fremdartig, wie noch nie im Leben. Nach Hause zu kommen, war keine Kleinigkeit, und wie ich da bin, da denke ich erst recht, mich laust der Affe. Eisbeine, wissen Sie, kalter Schweiß, wo Sie wollen, linnenweiß das Gesicht, das Herz in allen Zuständen, ein Puls, – mal fadenförmig und kaum zu fühlen, mal holterdipolter, über Stock und Stein, verstehen Sie, und das Gehirn in einer Aufregung ... Ich war überzeugt, daß ich abtanzen sollte. Ich sage: abtanzen, weil das das Wort ist, das mir damals einfiel, und das ich brauchte zur Kennzeichnung meines Befindens. Denn eigentlich war es höchst fidel und eine rechte Festivität, obgleich ich kolossale Angst hatte oder, richtiger gesagt, ganz und gar aus Angst bestand. Aber Angst und Festivität schließen sich ja nicht aus, das weiß jeder. Der Bengel, der zum erstenmal ein Mädchen haben soll, hat auch Angst, und sie auch, und dabei schmelzen sie nur so vor Vergnüglichkeit. Na, ich wäre ebenfalls beinahe geschmolzen, mit wogendem Busen wollte ich abtanzen. Aber die Mylendonk brachte mich mit ihren Anwendungen aus der Stimmung. Eiskompressen, Bürstenfrottage, einer Kampferinjektion, und so blieb ich der Menschheit erhalten.“
Hans Castorp, sitzend in seiner Eigenschaft als Patient, blickte mit einer Miene, die von Gedankentätigkeit zeugte, zu Behrens auf, dessen blaue, quellende Augen sich beim Erzählen mit Tränen gefüllt hatten.
„Sie malen doch manchmal, Herr Hofrat“, sagte er plötzlich.
Der Hofrat tat, als pralle er zurück.
„Nanu? Jüngling, wie kommen Sie mir vor?“
„Verzeihung. Ich habe es gelegentlich erwähnen hören. Es fiel mir eben ein.“