Auf der Etage der Vettern, nicht weit von ihren Zimmern, lag ein ganz junges Mädchen, Leila Gerngroß mit Namen, die den Mitteilungen Schwester Alfredas zufolge im Begriffe war, zu sterben. Sie hatte binnen zehn Tagen vier heftige Blutungen erlitten, und ihre Eltern waren heraufgekommen, um sie vielleicht noch lebend heimzubringen; doch schien das nicht angängig: der Hofrat verneinte die Transportfähigkeit der armen kleinen Gerngroß. Sie war sechzehn-, siebzehnjährig. Hans Castorp sah hier die rechte Gelegenheit, seinen Plan mit dem Blumentopf und den Genesungswünschen zu verwirklichen. Zwar hatte Leila jetzt nicht Geburtstag, würde diesen auch, menschlicher Voraussicht nach, nicht mehr erleben, da er, wie Hans Castorp ausgekundschaftet, erst in das Frühjahr fiel; doch brauchte das seiner Entscheidung nach kein Hindernis für eine solche barmherzige Huldigung zu sein. Auf einem Mittagsgange in die Gegend des Kurhauses trat er mit seinem Vetter in einen Blumenladen, dessen erdig-feuchte und duftüberladene Atmosphäre er mit bewegter Brust einatmete, und erstand einen hübschen Hortensienstock, den er ohne Namensnennung, mit einer Karte, auf der nur „Von zwei Hausgenossen, mit besten Genesungswünschen“ geschrieben stand, der kleinen Moribunden aufs Zimmer zu schicken Weisung gab. Er handelte freudig, angenehm benommen vom Pflanzenbrodem, der lauen Wärme des Ortes, die nach der Außenkälte seine Augen tränen ließ, mit klopfendem Herzen und einem Gefühl der Abenteuerlichkeit, Kühnheit, Förderlichkeit seines unscheinbaren Unternehmens, dem er insgeheim eine symbolische Tragweite beimaß.
Leila Gerngroß genoß keine Privatpflege, sondern unterstand unmittelbar der Fürsorge Fräulein von Mylendonks und der Ärzte; aber Schwester Alfreda ging bei ihr aus und ein, und sie erstattete den jungen Leuten Bericht über die Wirkung ihrer Aufmerksamkeit. Die Kleine, in der aussichtslosen Beschränktheit ihres Zustandes, hatte sich kindisch gefreut über den fremden Gruß. Die Pflanze stand an ihrem Bett, sie liebkoste sie mit Blicken und Händen, sorgte, daß man sie begoß, und hing selbst noch bei den schlimmsten Hustenanfällen, die sie heimsuchten, mit ihren gequälten Augen an ihr. Ihre Eltern, Major außer Diensten Gerngroß und Frau, waren ebenfalls gerührt und erfreut gewesen, und da sie, ohne jede Bekanntschaft im Hause, die Geber zu erraten nicht einmal versuchen konnten, so hatte die Schildknecht, wie sie gestand, sich nicht enthalten können, die Anonymität zu lüften und die Vettern als Spender namhaft zu machen. Sie überbrachte ihnen die Bitte der drei Gerngroß um Vorstellung und Dankesentgegennahme, und so traten die beiden denn übernächsten Tages, von der Diakonissin geführt, auf Zehenspitzen in Leilas Leidenskammer ein.
Die Sterbende war ein überaus liebreizendes blondes Geschöpf mit genau vergißmeinnichtblauen Augen, das trotz furchtbarer Blutverluste und einer Atmung, die nur vermittelst eines ganz unzulänglichen Restbestandes von tauglichem Lungengewebe geschah, einen zwar zarten, aber eigentlich nicht elenden Anblick bot. Sie dankte und plauderte mit etwas tonarmer, aber angenehmer Stimme. Ein rosiger Schein erstand auf ihren Wangen und verharrte dort. Hans Castorp, der gegen die anwesenden Eltern und sie seine Handlungsweise so erläutert, wie man es erwartete, und sich gewissermaßen entschuldigt hatte, sprach gedämpft und bewegt, mit zärtlicher Ehrerbietung. Es fehlte nicht viel – der innere Antrieb dazu war jedenfalls vorhanden –, daß er sich vor dem Bett auf ein Knie niedergelassen hätte, und lange hielt er Leilas Hand in der seinen fest, obgleich dies heiße Händchen nicht nur feucht, sondern geradezu naß war, denn des Kindes Schweißsekretion war übermäßig; beständig verausgabte sie so viel Wasser, daß ihr Fleisch schon längst hätte eingeschnurrt und vertrocknet sein müssen, wenn nicht der gierigste Konsum von Limonade, von der auch eine Karaffe voll auf ihrem Nachttische stand, der Transsudation ungefähr die Wage gehalten hätte. Die Eltern, gramvoll, wie sie waren, hielten mit Erkundigungen über die persönlichen Umstände der Vettern und anderen konversationellen Mitteln die kurze Unterhaltung nach menschlicher Gesittung aufrecht. Der Major war ein breitschultriger Mann mit niedriger Stirn und gesträubtem Schnurrbart, – ein Hüne, dessen organische Unschuld an der Disposition und Aufnahmelustigkeit des Töchterchens in die Augen stach. Schuld daran war offensichtlich vielmehr seine Frau, eine kleine Person von entschieden phthisischem Typus, deren Gewissen denn auch dieser Mitgift wegen belastet schien. Als nämlich Leila nach zehn Minuten Ermüdungs- oder vielmehr Überreizungszeichen gab (das Rosenrot ihrer Wangen erhöhte sich, während ihre Vergißmeinnichtaugen beunruhigend glänzten), und die Vettern, von Schwester Alfreda mit den Blicken dazu gemahnt, sich verabschiedeten, geleitete Frau Gerngroß sie bis vor die Tür und erging sich dabei in Selbstanklagen, die Hans Castorp sonderbar ergriffen. Von ihr, von ihr allein komme es, versicherte sie zerknirscht; von ihr nur könne das arme Kind es haben, ihr Mann sei völlig unbeteiligt daran, habe nicht das geringste damit zu tun. Aber auch sie, könne sie versichern, habe nur ganz vorübergehend damit zu tun gehabt, nur ein bißchen und obenhin, ganz kurze Zeit, als junges Mädchen. Dann habe sie es überwunden, ganz und gar, wie ihr bezeugt worden sei, denn sie habe heiraten wollen, so gern heiraten und leben, und es sei ihr gelungen, ganz ausgeheilt und genesen sei sie in die Ehe getreten mit ihrem lieben, baumstarken Mann, der seinerseits nie auch nur entfernt an solche Geschichten gedacht habe. Aber so rein und stark er sei, – er habe das Unglück doch nicht verhindern können mit seinem Einfluß. Denn bei dem Kinde, da sei das Schreckliche, das Begrabene und Vergessene wieder zum Vorschein gekommen, und es werde nicht fertig damit, es gehe zugrunde daran, während sie, die Mutter, darüber hinweggekommen und in ein gefestetes Alter getreten sei, – es sterbe, das arme, liebe Ding, die Ärzte gäben keine Hoffnung mehr, und sie allein sei schuld daran mit ihrem Vorleben.
Die jungen Leute suchten sie zu trösten, machten Worte über die Möglichkeit einer glücklichen Wendung. Aber die Majorin schluchzte nur auf und dankte ihnen jedenfalls nochmals für alles, für die Hortensie und dafür, daß sie das Kind durch ihren Besuch noch ein wenig zerstreut und beglückt. Da läge die Ärmste in ihrer Qual und Einsamkeit, während andere junge Dinger sich ihres Lebens freuten und mit hübschen jungen Herren tanzten, wozu die Krankheit doch keineswegs die Lust ertöte. Sie hätten ihr ein wenig Sonnenschein gebracht, mein Gott, wohl den letzten. Die Hortensie sei wie ein Ballerfolg und das Geplauder mit den beiden stattlichen Kavalieren wie ein netter kleiner Flirt für sie gewesen, das habe sie, Mutter Gerngroß, wohl gesehen.
Hiervon war Hans Castorp nun peinlich berührt, besonders da die Majorin das Wort „Flirt“ obendrein nicht richtig, das heißt nicht englisch, sondern mit deutschem i ausgesprochen hatte, was ihn maßlos irritierte. Auch war er kein stattlicher Kavalier, sondern hatte die kleine Leila aus Protest gegen den herrschenden Egoismus und in medizinisch-geistlicher Meinung besucht. Kurz, er war etwas verstimmt über den letzten Ausgang der Sache, soweit die Auffassung der Majorin in Frage kam, sonst aber sehr belebt und angetan von der Durchführung des Unternehmens. Namentlich zwei Eindrücke: die erdigen Düfte des Blumenladens und die Nässe von Leilas Händchen waren ihm davon in Seele und Sinn zurückgeblieben. Und da ein Anfang gemacht war, verabredete er noch gleichen Tages mit Schwester Alfreda einen Besuch bei ihrem Pflegling Fritz Rotbein, der sich nebst seiner Pflegerin so schrecklich langweilte, obgleich ihm, wenn nicht alle Zeichen trogen, nur noch eine ganz kurze Weile beschieden war.
Es half dem guten Joachim nichts, er mußte mithalten. Hans Castorps Antrieb und charitativer Unternehmungsgeist war stärker als seines Vetters Abneigung, welche dieser höchstens durch Schweigen und Niederschlagen der Augen geltend machen konnte, da er sie, ohne Mangel an Christentum zu bekunden, nicht zu begründen gewußt hätte. Hans Castorp sah das sehr wohl und zog seinen Nutzen daraus. Er verstand auch genau den militärischen Sinn dieser Unlust. Aber wenn er selbst sich nun doch belebt und beglückt fühlte durch solche Unternehmungen, und wenn sie ihm förderlich schienen? Dann mußte er über Joachims stillen Widerstand eben hinwegschreiten. Er erwog mit ihm, ob man auch dem jungen Fritz Rotbein Blumen schicken oder bringen könne, obgleich dieser Moribundus männlichen Geschlechtes war. Er wünschte sehr, es zu tun; Blumen, fand er, gehörten dazu; der Streich mit der Hortensie, die violett und wohlgeformt gewesen war, hatte ihm ausnehmend gefallen; und so entschied er denn, daß Rotbeins Geschlecht durch seinen finalen Zustand ausgeglichen werde, und daß er, um Blumenspenden entgegenzunehmen, auch nicht Geburtstag zu haben brauche, da Sterbende ohne weiteres und in Permanenz wie Geburtstagskinder zu behandeln seien. So gesonnen, suchte er mit dem Vetter denn wieder die erdig-warme Duftatmosphäre des Blumengeschäftes auf und trat bei Herrn Rotbein mit einem frisch besprengten und duftenden Rosen-, Nelken- und Levkoiengebinde ein, geführt von Alfreda Schildknecht, die die jungen Leute gemeldet hatte.
Der Schwerkranke, kaum zwanzigjährig und dabei schon etwas kahl und grau auf dem Kopf, wächsern und abgezehrt, mit großen Händen, großer Nase und großen Ohren, zeigte sich zu Tränen dankbar für Zuspruch und Zerstreuung, – wirklich weinte er aus Schwäche etwas, als er die beiden begrüßte und das Bukett entgegennahm, kam dann aber, im Anschluß an dieses, sofort, wenn auch nur mit fast flüsternder Stimme, auf den europäischen Blumenhandel und seine immer noch zunehmende Schwunghaftigkeit zu sprechen, auf den gewaltigen Export der Gärtnereien von Nizza und Cannes, die Waggonladungen und Postsendungen, die von diesen Orten täglich nach allen Seiten ausgingen, auf die Engrosmärkte von Paris und Berlin und die Versorgung Rußlands. Denn er war Kaufmann, und in dieser Richtung lagen seine Interessen, solange er eben am Leben war. Sein Vater, der Koburger Puppenfabrikant, hatte ihn zu seiner Ausbildung nach England geschickt, so flüsterte er, und dort war er erkrankt. Man hatte aber sein fiebriges Leiden als typhös betrachtet und dementsprechend behandelt, das hieß: ihn auf Wassersuppendiät gesetzt, wodurch er so sehr heruntergekommen sei. Hier oben habe er essen dürfen, und er habe es getan: im Schweiße seines Angesichts habe er im Bette gesessen und sich zu nähren gesucht. Allein es sei zu spät gewesen, sein Darm sei leider in Mitleidenschaft gezogen, vergebens schicke man ihm von zu Hause Zunge und Spickaal, er vertrage nichts mehr. Nun sei sein Vater im Anreisen von Koburg, von Behrens telegraphisch berufen. Denn es solle ja nun ein entscheidender Eingriff, die Rippenresektion, bei ihm vorgenommen werden, man wolle es jedenfalls damit versuchen, obgleich die Chancen verschwindend seien. Rotbein flüsterte sehr sachlich hierüber und nahm auch die Frage der Operation durchaus von der geschäftlichen Seite, – solange er eben lebte, würde er die Dinge unter diesem Gesichtswinkel betrachten. Der Kostenpunkt, flüsterte er, sei, die Rückenmarksanästhesie mit eingerechnet, auf tausend Franken fixiert, denn so gut wie der ganze Brustkorb käme in Betracht, sechs bis acht Rippen, und es frage sich nun, ob das eine irgendwie lohnende Anlage sein werde. Behrens rede ihm zu, aber sein Interesse sei eindeutig, während das seine zweifelhaft scheine und man nicht wissen könne, ob er nicht klüger täte, ruhig mit seinen Rippen zu sterben.
Es war schwer, ihm zu raten. Die Vettern meinten, man müsse die hervorragende chirurgische Geschicklichkeit des Hofrats bei der Kalkulation in Anschlag bringen. Man kam überein, die Meinung des im Anrollen begriffenen alten Rotbein den Ausschlag geben zu lassen. Bei der Verabschiedung weinte der junge Fritz wieder etwas, und obgleich es nur aus Schwäche geschah, standen die Tränen, die er vergoß, in sonderbarem Gegensatz zu der trockenen Sachlichkeit seiner Denk- und Sprechweise. Er bat, die Herren möchten den Besuch wiederholen, und sie versprachen es bereitwillig, kamen aber nicht mehr dazu. Denn da abends der Puppenfabrikant eingetroffen, war man am nächsten Vormittag zur Operation geschritten, nach welcher der junge Fritz nicht mehr empfangsfähig gewesen war. Und zwei Tage später sah Hans Castorp im Vorbeigehen mit Joachim, daß in dem Rotbeinschen Zimmer gestöbert wurde. Schwester Alfreda hatte mit ihrem Köfferchen Haus Berghof schon verlassen, da sie eilig zu einem anderen Moribundus in einer anderen Anstalt bestellt worden war, und seufzend, ihr Kneiferband hinter dem Ohr, hatte sie sich zu ihm begeben, da dies eben die Perspektive war, die sich ihr einzig eröffnete.
Ein „verlassenes“, ein freigewordenes Zimmer, worin bei aufeinander getürmten Möbeln und offener Doppeltür gestöbert wurde, wie man bemerkte, wenn man auf dem Weg in den Speisesaal oder ins Freie daran vorüberkam, – war ein vielsagender, dabei aber so gewohnter Anblick, daß er einem kaum noch viel sagte, besonders wenn man selbst, seinerzeit, von einem soeben auf solche Art „freigewordenen“ und gestöberten Zimmer Besitz ergriffen hatte und darin heimisch geworden war. Zuweilen wußte man, wer auf der betreffenden Nummer gewohnt hatte, was dann immerhin zu denken gab: so diesmal und so auch acht Tage später, als Hans Castorp im Vorbeigehen das Zimmer der kleinen Gerngroß in demselben Zustand erblickte. In diesem Fall sträubte sein Verständnis sich beim ersten Augenschein gegen den Sinn der dort drinnen herrschenden Geschäftigkeit. Er stand und schaute, versonnen und betroffen, als eben der Hofrat des Weges kam.
„Ich stehe hier und sehe stöbern“, sagte Hans Castorp. „Guten Tag, Herr Hofrat. Die kleine Leila ...“