„Tja –“, antwortete Behrens und zuckte die Achseln. Nach einem Silentium, währenddessen diese Gebärde sich auswirkte, setzte er hinzu:

„Sie haben ihr ja schnell vor Torschluß noch ganz regulär den Hof gemacht? Gefällt mir von Ihnen, daß Sie sich meiner Lungenpfeiferchen in ihren Käfigen ein bißchen annehmen, relativ rüstig wie Sie persönlich sind. Hübscher Zug Ihrerseits, nee, nee, lassen wir das mal seine Richtigkeit haben, daß es ein ganz hübscher Zug ist in Ihrem Charakterbild. Soll ich Sie gelegentlich ein bißchen einführen dann und wann? Ich habe da noch allerlei Zeisige sitzen, – wenn es Sie interessiert. Jetzt gehe ich zum Beispiel auf einen Sprung zu meiner ‚Überfüllten‘. Kommen Sie mit? Ich stelle Sie einfach als teilnehmenden Leidensgenossen vor.“

Hans Castorp sagte, der Hofrat habe ihm das Wort vom Munde genommen und ihm genau das angeboten, um was er ihn eben habe bitten wollen. Dankbar mache er Gebrauch von der Erlaubnis und schließe sich an. Aber wer das denn sei, die „Überfüllte“, und wie er den Namen verstehen solle.

„Wörtlich“, sagte der Hofrat. „Ganz präzise und unmetaphorisch. Lassen Sie sichs von ihr selber erzählen.“ Mit wenigen Schritten waren sie am Zimmer der „Überfüllten“. Der Hofrat drang durch die Doppeltür, indem er seinem Begleiter zu warten befahl. Kurzatmig bedrängtes, aber helles und lustiges Lachen und Sprechen klang bei Behrens’ Eintritt aus dem Zimmer und ward dann abgesperrt. Aber auch dem teilnehmenden Besucher klang es wieder entgegen, als ihm einige Minuten später Einlaß gewährt wurde und Behrens ihn der im Bette liegenden blonden Dame vorstellte, die ihn aus blauen Augen neugierig betrachtete, – Kissen im Rücken, lag sie halb sitzend, in Unruhe, und lachte beständig perlend, ganz hoch und silberhell, indem sie nach Atem rang, erregt und gekitzelt, wie es schien, von ihrer Beklemmung. Auch über des Hofrats Redensarten lachte sie wohl, womit er ihr den Besucher präsentierte, rief dem Abgehenden vielmals Adieu und Schönen Dank und Auf Wiedersehn nach, indem sie mit der Hand hinter ihm drein winkte, seufzte klingend, lachte silberne Läufe, stemmte die Hände gegen die unter dem Batisthemd wogende Brust und konnte die Beine nicht ruhig halten. Sie hieß Frau Zimmermann.

Hans Castorp kannte sie flüchtig von Ansehen. Sie hatte einige Wochen lang am Tisch der Salomon und des gefräßigen Schülers gesessen und immer viel gelacht. Dann war sie verschwunden, ohne daß der junge Mann sich weiter darum gekümmert hätte. Sie mochte abgereist sein, hatte er gemeint, soweit er sich eine Meinung über ihr Unsichtbarwerden gebildet hatte. Nun fand er sie hier, unter dem Namen der „Überfüllten“, auf dessen Erklärung er wartete.

„Hahahaha“, perlte sie gekitzelt, mit fliegender Brust. „Furchtbar komischer Mann, dieser Behrens, fabelhaft komischer und amüsanter Mann, zum Schief- und Kranklachen. Setzen Sie sich doch, Herr Kasten, Herr Carsten, oder wie Sie heißen, Sie heißen so komisch, ha, ha, hi, hi, entschuldigen Sie! Setzen Sie sich auf den Stuhl da zu meinen Füßen, aber erlauben Sie, daß ich strample, ich kann es – ha...a“, seufzte sie offenen Mundes und perlte dann wieder, „ich kann es unmöglich lassen.“

Sie war nahezu hübsch, hatte klare, etwas zu ausgeprägte, aber angenehme Züge und ein kleines Doppelkinn. Aber ihre Lippen waren bläulich, und auch die Nasenspitze wies diese Tönung auf, zweifellos infolge Luftmangels. Ihre Hände, die von sympathischer Magerkeit waren, und die die Spitzenmanschetten des Nachthemdes gut kleideten, vermochten sich ebensowenig ruhig zu halten wie die Füße. Ihr Hals war mädchenhaft, mit „Salzfässern“ über den zarten Schlüsselbeinen, und auch die Brust, unter dem Linnen von Gelächter und Atemnot in unruhig knapper und ringender Bewegung gehalten, schien zart und jung. Hans Castorp beschloß, auch ihr schöne Blumen zu schicken oder zu bringen, aus den Exportgärtnereien von Nizza und Cannes, besprengte und duftende. Mit einiger Besorgnis stimmte er in Frau Zimmermanns fliegende und bedrängte Heiterkeit ein.

„Und Sie besuchen hier also die Hochgradigen?“ fragte sie. „Wie amüsant und freundlich von Ihnen, ha, ha, ha, ha! Denken Sie aber, ich bin gar nicht hochgradig, das heißt, ich war es eigentlich gar nicht, noch bis vor kurzem, nicht im geringsten ... Bis mir neulich diese Geschichte ... Hören Sie nur, ob es nicht das Komischste ist, was Ihnen in Ihrem ganzen Leben ...“ Und nach Luft ringend, unter Tirili und Trillern, erzählte sie ihm, was ihr zugestoßen war.

Ein wenig krank war sie heraufgekommen, – krank immerhin, denn sonst wäre sie nicht gekommen, nicht ganz leicht vielleicht sogar, aber eher leicht als schwer. Der Pneumothorax, diese noch junge und rasch zu großer Beliebtheit gelangte Errungenschaft der chirurgischen Technik, hatte sich auch in ihrem Falle glänzend bewährt. Der Eingriff war vollkommen gelungen, Frau Zimmermanns Zustand und Befinden machte die erfreulichsten Fortschritte, ihr Mann – denn sie war verheiratet, wenn auch kinderlos – durfte sie in drei bis vier Monaten zurückerwarten. Da machte sie, um sich zu amüsieren, einen Ausflug nach Zürich, – es lag kein anderer Grund vor für diese Reise als der des Amüsements. Sie hatte sich auch amüsiert nach Herzenslust, war aber dabei der Notwendigkeit innegeworden, sich auffüllen zu lassen und hatte mit diesem Geschäft einen dortigen Arzt betraut. Ein netter, komischer junger Mensch, hahaha, hahaha, aber was war geschehen? Er hatte sie überfüllt! Es gab keine andere Bezeichnung dafür, das Wort sagte alles. Er hatte es zu gut mit ihr gemeint, hatte die Sache wohl nicht so recht verstanden, und kurz und gut: in überfülltem Zustande, das heißt unter Herzbeklemmungen und Atemnot – ha! hihihi – war sie hier oben wieder eingetroffen und von Behrens, der mordsmäßig gewettert hatte, sofort ins Bett gesteckt worden. Denn nun sei sie schwerkrank, – nicht hochgradig eigentlich, aber verpfuscht, verpatzt, – hahaha, sein Gesicht, was er denn für ein komisches Gesicht mache? Und sie lachte, indem sie mit dem Finger hineindeutete, so sehr über dies Gesicht, daß nun auch ihre Stirn sich blau zu färben begann. Aber am allerkomischsten, sagte sie, sei Behrens mit seinem Gewetter und seiner Grobheit, – schon im voraus habe sie darüber lachen müssen, als sie gemerkt habe, daß sie überfüllt sei. „Sie schweben in absoluter Lebensgefahr“, habe er sie angeschrien ohne Umschweife und Einkleidung, so ein Bär, hahaha, hihihi, entschuldigen Sie.

Es blieb zweifelhaft, in welchem Sinn sie über des Hofrats Erklärung so perlend lachte, – ob nur ihrer „Grobheit“ wegen und weil sie nicht daran glaubte, oder obgleich sie daran glaubte – denn das mußte sie doch wohl tun –, aber die Sache selbst, das heißt die Lebensgefahr, in der sie schwebte, eben nur furchtbar komisch fand. Hans Castorp hatte den Eindruck, daß dies letztere zutreffe, und daß sie wirklich nur aus kindischem Leichtsinn und dem Unverstand ihres Vogelhirns perle, trillere und tiriliere, was er mißbilligte. Trotzdem schickte er ihr Blumen, sah aber auch die lachlustige Frau Zimmermann nicht wieder. Denn nachdem sie noch einige Tage lang unter Sauerstoff gehalten worden, war sie im Arm ihres telegraphisch herbeigerufenen Gatten denn richtig gestorben, – eine Gans in Folio, wie der Hofrat, von dem Hans Castorp es hörte, von sich aus hinzufügte.