Aber schon vorher hatte Hans Castorps teilnehmender Unternehmungsgeist mit Hilfe des Hofrats und des Pflegepersonals weitere Beziehungen zu den Schwerkranken des Hauses angeknüpft, und Joachim mußte mit. Er mußte mit zu dem Sohne von „Tous les deux“, dem zweiten, der noch übrig war, nachdem bei dem anderen nebenan schon längst gestöbert und mit H₂CO geräuchert worden. Ferner zu dem Knaben Teddy, der kürzlich aus dem „Fridericianum“ genannten Erziehungsinstitut, für das sein Fall zu schwer gewesen, heraufgekommen war. Ferner zu dem deutsch-russischen Versicherungsbeamten Anton Karlowitsch Ferge, einem gutmütigen Dulder. Ferner zu der unglückseligen und dabei so gefallsüchtigen Frau von Mallinckrodt, die ebenfalls Blumen bekam wie die Vorgenannten, und die von Hans Castorp in Joachims Gegenwart sogar mehrmals mit Brei gefüttert wurde ... Nachgerade gelangten sie in den Ruf von Samaritern und barmherzigen Brüdern. Auch redete Settembrini Hans Castorp eines Tages in diesem Sinne an.
„Sapperlot, Ingenieur, ich höre Auffälliges von Ihrem Wandel. Sie haben sich auf die Mildtätigkeit geworfen? Sie suchen Rechtfertigung durch gute Werke?“
„Nicht der Rede wert, Herr Settembrini. Gar nichts dabei, wovon es lohnte, Aufhebens zu machen. Mein Vetter und ich ...“
„Aber lassen Sie doch Ihren Vetter aus dem Spiel! Man hat es mit Ihnen zu tun, wenn Sie beide von sich reden machen, das ist gewiß. Der Leutnant ist eine respektable, aber einfache und geistig unbedrohte Natur, die dem Erzieher wenig Unruhe verursacht. Sie werden mich an seine Führerschaft nicht glauben machen. Der Bedeutendere, aber auch der Gefährdetere sind Sie. Sie sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein Sorgenkind des Lebens, – man muß sich um Sie kümmern. Übrigens haben Sie mir erlaubt, mich um Sie zu kümmern.“
„Gewiß, Herr Settembrini. Ein für allemal. Sehr freundlich von Ihnen. Und ‚Sorgenkind des Lebens‘ ist hübsch. Worauf so ein Schriftsteller nicht gleich verfällt! Ich weiß nicht recht, ob ich mir etwas einbilden soll auf diesen Titel, aber hübsch klingt er, das muß ich sagen. Ja, und ich gebe mich nun also ein bißchen mit den ‚Kindern des Todes‘ ab, das ist es ja wohl, was Sie meinen. Ich sehe mich hie und da, wenn ich Zeit habe, ganz nebenbei, der Kurdienst leidet so gut wie gar nicht darunter, nach den Schweren und Ernsten um, verstehen Sie, die nicht zu ihrem Amüsement hier sind und es liederlich treiben, sondern die sterben.“
„Es steht jedoch geschrieben: Laßt die Toten ihre Toten begraben“, sagte der Italiener.
Hans Castorp hob die Arme und drückte mit seiner Miene aus, daß gar so manches geschrieben stehe, dies und auch wieder jenes, so daß es schwer sei, das Rechte herauszufinden und es zu befolgen. Selbstverständlich hatte der Drehorgelmann einen störenden Gesichtspunkt geltend gemacht, das war zu erwarten gewesen. Aber wenn auch Hans Castorp nach wie vor bereit war, ihm ein Ohr zu leihen, seine Lehren unverbindlicherweise hörenswert zu finden und sich zum Versuche pädagogisch beeinflussen zu lassen, so war er doch weit entfernt, um irgendwelcher erzieherischer Gesichtspunkte willen auf Unternehmungen zu verzichten, die ihm, trotz Mutter Gerngroß und ihrer Redensart vom „netten kleinen Flirt“, trotz auch dem nüchternen Wesen des armen Rotbein und dem törichten Tirili der Überfüllten, noch immer auf unbestimmte Art förderlich und von bedeutender Tragweite erschienen.
Der Sohn Tous-les-deux’ hieß Lauro. Er hatte Blumen erhalten, erdig duftende Nizzaveilchen, „von zwei teilnehmenden Hausgenossen, mit besten Genesungswünschen“, und da die Anonymität zur reinen Formsache geworden war und jedermann wußte, von wem diese Spenden ausgingen, so redete Tous-les-deux selbst, die schwarzbleiche Mutter aus Mexiko, bei einer Begegnung auf dem Korridor die Vettern dankend an, indem sie sie mit rasselnden Worten, hauptsächlich aber durch ein gramvoll einladendes Gebärdenspiel aufforderte, den Dank ihres Sohnes – de son seul et dernier fils qui allait mourir aussi – persönlich entgegenzunehmen. Das geschah auf der Stelle. Lauro erwies sich als ein erstaunlich schöner junger Mann mit Glutaugen, einer Adlernase, deren Nüstern flogen, und prachtvollen Lippen, über denen ein schwarzes Schnurrbärtchen sproßte, – zeigte dabei aber ein so prahlerisch-dramatisches Gebaren, daß die Besucher, Hans Castorp wirklich nicht weniger als Joachim Ziemßen, froh waren, als sich die Tür des Krankenzimmers wieder hinter ihnen schloß. Denn während Tous-les-deux in ihrem schwarzen Kaschmirtuch, den schwarzen Schleier unter dem Kinn geknotet, Querfalten auf ihrer engen Stirn und ungeheure Hautsäcke unter ihren jettschwarzen Augen, mit krummen Knien wandernd den Raum durchmaß, den einen Winkel ihres großen Mundes harmvoll tief hinabhängen ließ und dann und wann sich den am Bette Sitzenden näherte, um ihren tragischen Papageienspruch zu wiederholen: „Tous les dé, vous comprenez, messiés ... Premièrement l’un et maintenant l’autre“ – erging sich der schöne Lauro, ebenfalls auf französisch, in rollenden, rasselnden und unerträglich hochtrabenden Redereien, des Inhalts, daß er wie ein Held zu sterben gedenke, comme héros, à l’espagnol, gleich seinem Bruder, de même que son fier jeune frère Fernando, der ebenfalls wie ein spanischer Held gestorben sei, – gestikulierte, riß sich das Hemd auf, um den Streichen des Todes die gelbe Brust zu bieten, und betrug sich so fort, bis ein Hustenanfall, der ihm dünnen, rosafarbenen Schaum auf die Lippen trieb, seine Rodomontaden erstickte und die Vettern veranlaßte, auf den Zehenspitzen hinauszugehen.
Sie sprachen nicht weiter über den Besuch bei Lauro, und auch im stillen, jeder für sich, enthielten sie sich des Urteils über sein Gehaben. Besser aber gefiel es allen beiden bei Anton Karlowitsch Ferge aus Petersburg, der mit seinem großen gutmütigen Schnurrbart und seinem ebenfalls mit gutmütigem Ausdruck vorragenden Kehlkopf im Bette lag und sich nur langsam und schwer von dem Versuch erholte, den Pneumothorax bei sich herstellen zu lassen, was ihm, Herrn Ferge, um ein Haar auf der Stelle das Leben gekostet hätte. Er hatte einen heftigen Chok dabei erlitten, den Pleurachok, als Zwischenfall bekannt bei diesem modischen Eingriff. Bei ihm aber war der Pleurachok in ausnehmend gefährlicher Form, als vollständiger Kollaps und bedenklichste Ohnmacht, mit einem Worte so schwer aufgetreten, daß man die Operation hatte unterbrechen und vorläufig vertagen müssen.
Herrn Ferges gutmütige graue Augen erweiterten sich, und sein Gesicht wurde fahl, sooft er auf den Vorgang zu sprechen kam, der für ihn grauenhaft gewesen sein mußte. „Ohne Narkose, meine Herren. Gut, unsereiner verträgt das nicht, es verbietet sich in diesem Fall, man begreift und findet sich als vernünftiger Mensch in die Sache. Aber das Örtliche reicht nicht tief, meine Herren, nur das äußere Fleisch macht es stumpf, man spürt, wenn man aufgemacht wird, allerdings nur ein Drücken und Quetschen. Ich liege mit zugedecktem Gesicht, damit ich nichts sehe, und der Assistent hält mich rechts und die Oberin links. Es ist so, als ob ich gedrückt und gequetscht würde, das ist das Fleisch, das geöffnet und mit Klammern zurückgezwängt wird. Aber da höre ich den Herrn Hofrat sagen: ‚So!‘ und in dem Augenblick, meine Herren, fängt er an, mit einem stumpfen Instrument – es muß stumpf sein, damit es nicht vorzeitig durchsticht – das Rippenfell abzutasten: er tastet es ab, um die rechte Stelle zu finden, wo er durchstechen und das Gas einlassen kann, und wie er das tut, wie er mit dem Instrument auf meinem Rippenfell herumfährt, – meine Herren, meine Herren! da war es um mich geschehen, es war aus mit mir, es erging mir ganz unbeschreiblich. Das Rippenfell, meine Herren, das soll nicht berührt werden, das darf und will nicht berührt werden, das ist tabu, das ist mit Fleisch zugedeckt, isoliert und unnahbar, ein für allemal. Und nun hatte er es bloßgelegt und tastete es ab. Meine Herren, da wurde mir übel. Entsetzlich, entsetzlich, meine Herren, – nie hätte ich gedacht, daß so ein siebenmal scheußliches und hundsföttisch gemeines Gefühl auf Erden und abgesehen von der Hölle überhaupt vorkomme! Ich fiel in Ohnmacht, – in drei Ohnmachten auf einmal, eine grüne, eine braune und eine violette. Außerdem stank es in dieser Ohnmacht, der Pleurachok warf sich mir auf den Geruchsinn, meine Herren, es roch über alle Maßen nach Schwefelwasserstoff, wie es in der Hölle riechen muß, und bei alldem hörte ich mich lachen, während ich abschnappte, aber nicht wie ein Mensch lacht, sondern das war die unanständigste und ekelhafteste Lache, die ich in meinem Leben je gehört habe, denn das Abgetastetwerden des Rippenfells, meine Herren, das ist ja, als ob man auf die allerinfamste, übertriebenste und unmenschlichste Weise gekitzelt würde, so und nicht anders ist es mit dieser verdammten Schande und Qual, und das ist der Pleurachok, den der liebe Gott Ihnen erspare.“