Oft und nicht anders als mit fahlem Grauen kam Anton Karlowitsch Ferge auf dies „hundsföttische“ Erlebnis zurück und ängstigte sich nicht wenig vor seiner Wiederholung. Übrigens hatte er sich von vornherein als einen einfachen Menschen bekannt, dem alles „Hohe“ vollständig fernliege und an den man besondere Ansprüche geistiger und gemütlicher Art nicht stellen dürfe, wie auch er solche Ansprüche an niemanden stelle. Dies vereinbart, erzählte er gar nicht uninteressant von seinem früheren Leben, aus dem die Krankheit ihn dann geworfen, dem Leben eines Reisenden im Dienst einer Feuerversicherungsgesellschaft: von Petersburg aus hatte er in weitläufigen Kreuz- und Querfahrten durch ganz Rußland die assekurierten Fabriken besucht und die wirtschaftlich zweifelhaften auszukundschaften gehabt; denn es sei statistisch, daß in den gerade schlecht gehenden Industrien die meisten Fabrikbrände vorkämen. Darum sei er denn ausgesandt worden, um unter diesem und jenem Vorwande einen Betrieb zu sondieren und seiner Bank Bericht zu erstatten, damit zu rechter Zeit durch verstärkte Rückversicherung oder Prämienteilung empfindlichem Verlust habe vorgebeugt werden können. Von winterlichen Reisen durch das weite Reich erzählte er, von Fahrten die Nächte hindurch bei ungeheuerem Frost, im Liegeschlitten, unter Schaffelldecken, und wie er erwachend die Augen der Wölfe gleich Sternen über dem Schnee habe glühen sehen. Gefrorenen Proviant, so Kohlsuppe wie Weißbrot, hatte er im Kasten mit sich geführt, die an den Stationen, beim Pferdewechsel, zum Genusse aufgetaut worden waren, wobei sich das Brot als frisch wie am ersten Tage erwiesen hatte. Und schlimm nur, wenn unterwegs plötzlich Tauwetter eingefallen war: dann war ihm die in Stücken mitgenommene Kohlsuppe ausgelaufen.

In dieser Weise erzählte Herr Ferge, indem er sich hin und wieder seufzend mit der Bemerkung unterbrach, das sei alles recht schön, aber wenn nur nicht noch einmal der Versuch mit dem Pneumothorax bei ihm gemacht werden müsse. Es war nichts Höheres, was er vorbrachte, aber faktischer Natur und ganz gut zu hören, besonders für Hans Castorp, dem es förderlich schien, vom russischen Reich und seinem Lebensstil zu vernehmen, von Samowaren, Piroggen, Kosaken und hölzernen Kirchen mit so vielen Zwiebelturmköpfen, daß sie Pilzkolonien glichen. Auch von der dortigen Menschenart, ihrer nördlichen und darum in seinen Augen desto abenteuerlicheren Exotik, ließ er Herrn Ferge erzählen, von dem asiatischen Einschuß ihres Geblütes, den vortretenden Backenknochen, dem finnisch-mongolischen Augensitz, und lauschte mit anthropologischem Anteil, ließ sich auch Russisch vorsprechen, – rasch, verwaschen, wildfremd und knochenlos ging das östliche Idiom unter Herrn Ferges gutmütigem Schnurrbart, aus seinem gutmütig vorstehenden Kehlkopf hervor –, und desto besser (wie einmal die Jugend ist) fand sich Hans Castorp von alldem unterhalten, als es pädagogisch verbotenes Gebiet war, auf dem er sich tummelte.

Sie sprachen öfters auf eine Viertelstunde bei Anton Karlowitsch Ferge vor. Dazwischen besuchten sie den Knaben Teddy aus dem „Fridericianum“, einen eleganten Vierzehnjährigen, blond und fein, mit Privatpflegerin und in weißseidenem, verschnürtem Pyjama. Er war Waise und reich, wie er selbst erzählte. In Erwartung eines tieferen operativen Eingriffs, der Entfernung wurmstichiger Teile, womit man es probieren wollte, verließ er, wenn er sich besser fühlte, zuweilen auf eine Stunde sein Bett, um sich in seinem hübschen Sportanzug an der unteren Geselligkeit zu beteiligen. Die Damen schäkerten gern mit ihm, und er hörte ihren Gesprächen zu, zum Beispiel denen, die sich mit Rechtsanwalt Einhuf, dem Fräulein in der Reformhose und Fränzchen Oberdank beschäftigten. Dann legte er sich wieder. So lebte der Knabe Teddy elegant in den Tag hinein, indem er durchblicken ließ, daß er vom Leben nichts anderes mehr, als eben immer nur dies, erwarte.

Aber auf Nummer fünfzig lag Frau von Mallinckrodt, Natalie mit Vornamen, mit schwarzen Augen und goldenen Ringen in den Ohren, kokett, putzsüchtig und dabei ein weiblicher Lazarus und Hiob, von Gott mit jederlei Bresthaftigkeit geschlagen. Ihr Organismus schien mit Giftstoffen überschwemmt, so daß alle möglichen Krankheiten sie abwechselnd und gleichzeitig heimsuchten. Sehr in Mitleidenschaft gezogen war ihr Hautorgan, das zu großen Teilen von einem qualvoll juckenden, da und dort wunden Ekzem überzogen war, auch am Munde, woraus der Einführung des Löffels Schwierigkeiten erwuchsen. Innere Entzündungen, solche des Rippenfells, der Nieren, der Lungen, der Knochenhäute und selbst des Hirns, so daß Bewußtlosigkeit einfiel, lösten einander ab bei Frau von Mallinckrodt, und Herzschwäche, hervorgerufen durch Fieber und Schmerzen, schuf ihr große Ängste, bewirkte zum Beispiel, daß sie beim Schlucken das Essen nicht ordentlich hinunterbrachte: gleich oben in der Speiseröhre blieb es ihr stecken. Kurzum, die Frau war gräßlich daran und außerdem ganz allein in der Welt; denn nachdem sie Mann und Kinder um eines anderen Mannes, das heißt eines halben Knaben, willen verlassen, war sie ihrerseits von ihrem Geliebten verlassen worden, wie die Vettern von ihr selbst erfuhren, und war nun heimatlos, wenn auch nicht ohne Mittel, da der Ehemann sie mit solchen versah. Sie machte ohne unangebrachten Stolz von seiner Anständigkeit oder seiner fortdauernden Verliebtheit Gebrauch, da sie sich selber nicht ernst nahm, sondern einsah, daß sie nur ein ehrloses, sündhaftes Weibchen war, und trug denn auf dieser Basis alle ihre Hiobsplagen mit erstaunlicher Geduld und Zähigkeit, der elementaren Widerstandskraft ihrer Rasse-Weiblichkeit, die über das Elend ihres bräunlichen Körpers triumphierte und noch aus dem weißen Gazeverband, den sie aus irgendeinem schlimmen Grunde um den Kopf tragen mußte, ein kleidsames Kostümstück machte. Beständig wechselte sie den Schmuck, begann in der Frühe mit Korallen und endete abends mit Perlen. Erfreut durch Hans Castorps Blumensendung, der sie offensichtlich eine mehr galante als charitative Bedeutung beilegte, ließ sie die jungen Herren zum Tee an ihr Lager bitten, den sie aus einer Schnabeltasse trank, die Finger ohne Ausnahme der Daumen und bis zu den Gelenken mit Opalen, Amethysten und Smaragden bedeckt. Bald, während die goldenen Ringe an ihren Ohren schaukelten, hatte sie den Vettern erzählt, wie alles sich mit ihr zugetragen: von ihrem anständigen, aber langweiligen Mann, ihren ebenfalls anständigen und langweiligen Kindern, die ganz dem Vater nacharteten und für die sie sich niemals sonderlich hatte erwärmen können, und von dem halben Knaben, mit dem sie das Weite gesucht und dessen poetische Zärtlichkeit sie sehr zu rühmen wußte. Aber seine Verwandten hätten ihn mit List und Gewalt von ihr losgemacht, und dann habe sich der Kleine auch wohl vor ihrer Krankheit geekelt, die damals vielfältig und stürmisch zum Ausbruch gekommen. Ob die Herren sich etwa auch ekelten, fragte sie kokettierend; und ihre Rasse-Weiblichkeit triumphierte über das Ekzem, das ihr das halbe Gesicht überzog.

Hans Castorp dachte geringschätzig über den Kleinen, der sich geekelt hatte, und gab dieser Empfindung auch durch ein Achselzucken Ausdruck. Was ihn betraf, so ließ er sich den Weichmut des poetischen Halbknaben zum Ansporn in entgegengesetzter Richtung dienen, und nahm Gelegenheit, der unglückseligen Frau von Mallinckrodt bei wiederholten Besuchen kleine Pflegerdienste zu leisten, zu denen keine Vorkenntnisse gehörten, das heißt: ihr behutsam den Mittagsbrei einzuführen, wenn er eben serviert wurde, ihr aus der Schnabeltasse zu trinken zu geben, wenn der Bissen ihr steckenblieb, oder ihr beim Umlagern im Bette behilflich zu sein; denn zu allem übrigen erschwerte eine Operationswunde ihr auch das Liegen. In diesen Handreichungen übte er sich, wenn er auf dem Wege zum Speisesaal oder von einem Spaziergange heimkehrend bei ihr einsprach, indem er Joachim aufforderte, immer voranzugehen, er wolle nur rasch den Fall auf Nummer fünfzig ein bißchen kontrollieren, – und empfand eine beglückende Ausdehnung seines Wesens dabei, eine Freude, die auf dem Gefühl von der Förderlichkeit und heimlichen Tragweite seines Tuns beruhte, sich übrigens auch mit einem gewissen diebischen Vergnügen an dem untadelig christlichen Gepräge dieses Tuns und Treibens mischte, einem so frommen, milden und lobenswerten Gepräge in der Tat, daß weder vom militärischen noch vom humanistisch-pädagogischen Standpunkte irgend etwas Ernstliches dagegen erinnert werden konnte.

Von Karen Karstedt war noch nicht die Rede, und doch nahmen Hans Castorp und Joachim sich ihrer sogar besonders an. Sie war eine auswärtige Privatpatientin des Hofrats, von ihm der Charität der Vettern empfohlen. Seit vier Jahren hier oben, war die Mittellose von harten Verwandten abhängig, die sie schon einmal, da sie doch sterben müsse, von hier fortgenommen und nur auf Einspruch des Hofrats wieder heraufgeschickt hatten. Sie domizilierte im „Dorf“, in einer billigen Pension, – neunzehnjährig und schmächtig, mit glattem, geöltem Haar, Augen, die zaghaft einen Glanz zu verbergen suchten, der mit der hektischen Erhöhung ihrer Wangen übereinstimmte, und einer charakteristisch belegten, dabei aber sympathisch lautenden Stimme. Sie hustete fast ohne Unterbrechung, und ihre sämtlichen Fingerspitzen waren verpflastert, da sie infolge der Vergiftung offen waren.

Ihr also widmeten die beiden auf Fürbitte des Hofrats, da sie nun einmal so gutherzige Kerle seien, sich ganz besonders. Mit einer Blumensendung begann es, dann folgte ein Besuch bei der armen Karen auf ihrem kleinen Balkon in „Dorf“ und hierauf diese und jene außerordentliche Unternehmung zu dritt: die Besichtigung einer Eislaufkonkurrenz, eines Bobsleighrennens. Denn es war nun die Wintersport-Jahreszeit unseres Hochtales auf voller Höhe, eine Festwoche wurde begangen, die Veranstaltungen häuften sich, diese Lustbarkeiten und Schauspiele, denen die Vettern bisher keine andere als nur eine gelegentlich-flüchtige Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Joachim war ja allen Zerstreuungen hier oben abhold. Nicht um solcher willen war er hier, – war überhaupt nicht hier, um zu leben und sich mit dem Aufenthalt abzufinden, indem er ihn angenehm und abwechslungsreich gestaltete, sondern einzig und ganz allein, um sich möglichst rasch zu entgiften, damit er in der Ebene Dienst machen könne, wirklichen Dienst statt des Kurdienstes, der ein Ersatzmittel war, aber an dem er einen Raub nur widerwillig duldete. Sich tätig an der Winterlust zu beteiligen, war ihm verboten, und den Gaffer zu spielen, hatte ihm mißfallen. Was aber Hans Castorp betraf, so fühlte er sich zu sehr, in einem zu strengen und intimen Verstande, als Mitglied Derer hier oben, um Sinn und Blick zu haben für das Treiben von Leuten, die in diesem Tale ein Sportgelände sahen.

Die charitative Teilnahme nun aber für das arme Fräulein Karstedt brachte hierin einige Änderung hervor, – ohne unchristlich zu erscheinen, konnte Joachim keine Einwände dagegen erheben. Sie holten die Kranke aus ihrer dürftigen Wohnung in „Dorf“ und führten sie bei prächtig heiß durchsonntem Frostwetter durch das nach dem Hotel d’Angleterre genannte Englische Viertel, zwischen den Luxusläden der Hauptstraße hin, auf der Schlitten läuteten, reiche Genießer und Tagediebe aus aller Welt, Bewohner des Kurhauses und der anderen großen Hotels, barhaupt in modischem Sportdreß aus edlen und teueren Stoffen, mit Gesichtern, bronziert von Wintersonnenbrand und Schneestrahlung, sich ergingen, und hinab auf den nicht weit vom Kurhause in der Tiefe des Tales gelegenen Eisplatz, der im Sommer eine zum Fußballspiel benutzte Wiese gewesen. Musik erscholl; die Kurkapelle konzertierte auf der Empore des hölzernen Pavillongebäudes zu Häupten der viereckig gestreckten Bahn, hinter welchem die verschneiten Berge im Dunkelblauen standen. Sie nahmen Einlaß, drängten sich durch das Publikum, das von drei Seiten, auf ansteigenden Sitzen, die Bahn umgab, fanden Plätze und schauten. Die Kunstläufer, in knapper Tracht, schwarzen Trikots, Pelzwerk an den Tressenjacken, wiegten sich, schwebten, zogen Figuren, sprangen und kreiselten. Ein virtuoses Paar, Herr und Dame, Professionals und außer Konkurrenz, vollführte etwas in der ganzen Welt nur von ihm Vermochtes, entfesselte Tusch und Händeklatschen. Im Kampf um den Schnelligkeitspreis arbeiteten sich sechs junge Männer verschiedener Nationalität, gebückt, die Hände auf dem Rücken, zuweilen das Taschentuch vor dem Munde, sechsmal um das weite Viereck. Man läutete mit einer Glocke in die Musik hinein. Zuweilen brandete die Menge in anfeuernden Zurufen und Beifall auf.

Es war eine bunte Versammlung, in der die drei Kranken, die Vettern und ihr Schützling sich umsahen. Engländer mit schottischen Mützen und weißen Zähnen sprachen Französisch mit penetrant duftenden Damen, die von oben bis unten in bunte Wolle gekleidet waren, und von denen einige in Hosen gingen. Kleinköpfige Amerikaner, das Haar glatt angeklebt, die Shagpfeife im Munde, trugen Pelze, deren Rauhseite nach außen gekehrt war. Russen, bärtig und elegant, barbarisch reichen Ansehens, und Holländer von malaischem Kreuzungstyp saßen zwischen deutschem und schweizerischem Publikum, während allerlei Unbestimmtes, französisch Redendes, vom Balkan oder der Levante, abenteuerliche Welt, für die Hans Castorp eine gewisse Schwäche an den Tag legte, und die von Joachim als zweideutig und charakterlos abgelehnt wurde, überall eingesprengt war. Kinder konkurrierten zwischendurch in scherzhaften Aufgaben, stolperten über die Bahn, am einen Fuß einen Schnee-, am anderen einen Schlittschuh, oder indem die Knaben ihre Dämchen auf Schaufeln vor sich her schoben. Sie liefen mit brennenden Kerzen, wobei Sieger war, wer sein Licht, noch brennend, zum Ziele trug, mußten im Laufe Hindernisse überklettern oder Kartoffeln mit Zinnlöffeln in aufgestellte Gießkannen lesen. Die große Welt jubelte. Man zeigte sich die reichsten, berühmtesten und anmutigsten unter den Kindern, das Töchterchen eines holländischen Multimillionärs, den Sohn eines preußischen Prinzen und einen Zwölfjährigen, der den Namen einer weltbekannten Champagnerfirma trug. Die arme Karen jubelte ebenfalls und hustete dabei. Sie klatschte vor Freude in ihre Hände mit den offenen Fingerspitzen. Sie war so dankbar.

Auch zum Bobsleighrennen führten die Vettern sie: es war nicht weit zum Ziel, weder vom „Berghof“ noch auch von Karen Karstedts Wohnung, denn die Bahn, von der Schatzalp herunterkommend, endete in „Dorf“ zwischen den Siedelungen des westlichen Hanges. Ein Kontrollhäuschen war dort errichtet, wohin die Abfahrt eines jeden Gefährts vom Start telephonisch gemeldet wurde. Zwischen den vereisten Schneebarrieren, auf den metallisch glänzenden Kurven der Bahn steuerten die flachen Gerüste, bemannt mit Männern und Frauen in weißer Wolle, Schärpen in allerlei Landesfarben um die Brust, einzeln, in größeren Abständen, aus der Höhe daher. Man sah rote, angestrengte Gesichter, in die es hineinschneite. Stürze, Schlitten, die aneckten, sich überschlugen und ihre Mannschaft in den Schnee entleerten, wurden vom Publikum photographiert. Musik spielte auch hier. Die Zuschauer saßen auf kleinen Tribünen oder schoben sich auf dem schmalen Gehpfade hin, der neben der Bahn geschaufelt war. Holzbrücken, über die er später führte, die die Bahn überspannten, und unter denen von Zeit zu Zeit ein konkurrierender Bobsleigh dahinsauste, waren ebenfalls mit Menschen besetzt. Die Leichen des Sanatoriums droben nahmen den gleichen Weg, im Saus unter den Brücken dahin, die Kurven hinab, zu Tale, zu Tale, dachte Hans Castorp und sprach auch davon.