„Das schien Ihnen nur so! Auf mein Wort, das war Täuschung“, sagte der Italiener mit einer entscheidenden Handbewegung. „Wir sind tief gesunkene Wesen, nicht wahr, Leutnant“, wandte er sich an Joachim, der sich über diese Anrede nicht wenig freute, dies aber zu verbergen suchte und besonnen erwiderte:
„Wir sind wohl wirklich etwas versimpelt. Aber man kann sich schließlich wieder zusammenreißen.“
„Ja, Ihnen traue ich’s zu; Sie sind ein anständiger Mensch“, sagte Settembrini. „So, so, so“, sagte er dreimal mit scharfem S, indem er sich wieder gegen Hans Castorp wandte, und schnalzte dann ebensooft mit der Zunge leise am oberen Gaumen. „Sieh, sieh, sieh“, sagte er hierauf, ebenfalls dreimal und mit scharfem S-Laut, indem er dem Neuling so unverwandt ins Gesicht blickte, daß seine Augen in eine fixe und blinde Einstellung gerieten, und fuhr dann, seinen Blick wieder belebend, fort:
„Ganz freiwillig kommen Sie also herauf zu uns Heruntergekommenen und wollen uns einige Zeit das Vergnügen Ihrer Gesellschaft gönnen. Nun, das ist schön. Und welche Frist haben Sie in Aussicht genommen? Ich frage nicht fein. Aber es soll mich doch wundernehmen, zu hören, wieviel man sich zudiktiert, wenn man selbst zu bestimmen hat und nicht Radamanth!“
„Drei Wochen“, sagte Hans Castorp mit etwas eitler Leichtigkeit, da er merkte, daß er beneidet wurde.
„O dio, drei Wochen! Haben Sie gehört, Leutnant? Hat es nicht fast etwas Impertinentes, zu sagen: Ich komme auf drei Wochen hierher und reise dann wieder? Wir kennen das Wochenmaß nicht, mein Herr, wenn ich Sie belehren darf. Unsere kleinste Zeiteinheit ist der Monat. Wir rechnen im großen Stil, – das ist ein Vorrecht der Schatten. Wir haben noch andere, und sie sind alle von ähnlicher Qualität. Darf ich fragen, welchen Beruf Sie ausüben drunten im Leben – oder wohl richtiger: auf welchen Sie sich vorbereiten? Sie sehen, wir legen unserer Neugier keine Fesseln an. Auch die Neugier rechnen wir zu unseren Vorrechten.“
„Bitte recht sehr“, sagte Hans Castorp. Und er gab Auskunft.
„Ein Schiffsbaumeister! Aber das ist großartig!“ rief Settembrini. „Seien Sie überzeugt, daß ich das großartig finde, obgleich meine eigenen Fähigkeiten in anderer Richtung liegen.“
„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf für Carducci geschrieben, – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt denn du von Carducci? Ebenso wenig wie ich, sollte ich meinen.
„Das ist richtig“, sagte der Italiener kopfnickend. „Ich hatte die Ehre, Ihren Landsleuten von dem Leben dieses großen Poeten und Freidenkers zu erzählen, als es abgeschlossen war. Ich kannte ihn, ich darf mich seinen Schüler nennen. In Bologna habe ich zu seinen Füßen gesessen. Ihm verdanke ich, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne. Aber wir sprachen von Ihnen. Ein Schiffsbaumeister! Wissen Sie, daß Sie zusehends emporwachsen in meinen Augen? Sie sitzen da plötzlich, als der Vertreter einer ganzen Welt der Arbeit und des praktischen Genies!“