„Jedenfalls schließe ich wohl mit Recht aus Ihren Worten, daß Sie da einen ebenso anstrengenden wie ehrenvollen Beruf erwählt haben. Mein Gott, ich bin Humanist, ein homo humanus, ich verstehe nichts von ingeniösen Dingen, so aufrichtig der Respekt ist, den ich Ihnen zolle. Aber vorstellen kann ich mir wohl, daß die Theorie Ihres Faches einen klaren und scharfen Kopf und seine Praxis einen ganzen Mann verlangt, – ist es nicht so?“
„Gewiß ist es so, ja, da kann ich Ihnen unbedingt zustimmen“, antwortete Hans Castorp, indem er sich unwillkürlich bemühte, ein wenig beredt zu sprechen. „Die Anforderungen sind kolossal heutzutage, man darf es sich gar nicht so klar machen, wie scharf sie sind, sonst könnte man wahrhaftig den Mut verlieren. Nein, ein Spaß ist es nicht. Und wenn man nun auch nicht der Stärkste ist ... Ich bin ja hier nur zu Gaste, aber der Stärkste bin ich doch auch nicht gerade, und da müßte ich lügen, wenn ich behaupten wollte, daß mir das Arbeiten so ausgezeichnet bekäme. Vielmehr nimmt es mich ziemlich mit, das muß ich sagen. Recht gesund fühle ich mich eigentlich nur, wenn ich gar nichts tue –“
„Zum Beispiel jetzt?“
„Jetzt? Oh, jetzt bin ich noch so neu hier oben, – etwas verwirrt, können Sie sich denken.“
„Ah, – verwirrt.“
„Ja, ich habe auch nicht ganz richtig geschlafen, und dann war das erste Frühstück wirklich zu ausgiebig ... Ich bin ja ein ordentliches Frühstück gewöhnt, aber das heutige war doch, wie es scheint, zu kompakt für mich, too rich, wie die Engländer sagen. Kurz, ich fühle mich etwas beklommen, und besonders wollte mir heute morgen meine Zigarre nicht schmecken, – denken Sie! Das passiert mir so gut wie nie, nur, wenn ich ernstlich krank bin, – und nun schmeckte sie mir heute wie Leder. Ich mußte sie wegwerfen, es hatte keinen Zweck, daß ich es forcierte. Sind Sie Raucher, wenn ich fragen darf? Nicht? Dann können Sie sich nicht vorstellen, was für ein Ärger und eine Enttäuschung das für jemanden ist, der von Jugend auf so besonders gern raucht, wie ich ...“
„Ich bin ohne Erfahrung auf diesem Gebiet,“ erwiderte Settembrini, „und befinde mich übrigens mit dieser Unerfahrenheit in keiner schlechten Gesellschaft. Eine Reihe von edlen und nüchternen Geistern haben den Rauchtabak verabscheut. Auch Carducci liebte ihn nicht. Aber da werden Sie bei unserem Radamanth Verständnis finden. Er ist ein Anhänger Ihres Lasters.“
„Nun, – Laster, Herr Settembrini ...“
„Warum nicht? Man muß die Dinge mit Wahrheit und Kraft bezeichnen. Das verstärkt und erhöht das Leben. Auch ich habe Laster.“
„Und Hofrat Behrens ist also Zigarrenkenner? Ein reizender Mann.“