Die „Verwaltung“ befand sich zu ebener Erde: wenn man, jenseits der Halle, an der Garderobe und den Küchen- und Anrichteräumen vorüber den Flurgang verfolgte, konnte man die Tür nicht verfehlen, zumal sie durch ein Porzellanschild ausgezeichnet war. Hans Castorp gewann dort mit Interesse einen gewissen Einblick in das kaufmännische Zentrum des Anstaltsbetriebes. Es war ein richtiges kleines Kontor: ein Schreibmaschinenfräulein war tätig, und drei männliche Angestellte saßen über Pulte gebückt, während im anstoßenden Raum ein Herr von dem höheren Ansehen eines Chefs oder Direktors an einem frei stehenden Zylinderbureau arbeitete und nur über sein Augenglas hinweg einen kalten und sachlich musternden Blick auf die Klienten warf. Während man sie am Schalter abfertigte, einen Schein wechselte, kassierte, quittierte, bewahrten sie eine ernst-bescheidene, schweigsame, ja botmäßige Haltung, wie junge Deutsche, die die Achtung vor der Behörde, der Amtsstube auf jedes Schreib- und Dienstlokal übertragen; aber draußen, auf dem Wege zum Frühstück und später im Laufe des Tages plauderten sie einiges über die Verfassung des Berghof-Instituts, wobei Joachim als der Eingesessene und Kundige die Fragen seines Vetters beantwortete.

Hofrat Behrens war keineswegs Inhaber und Besitzer der Anstalt, – obgleich man wohl diesen Eindruck gewinnen konnte. Über und hinter ihm standen unsichtbare Mächte, die sich eben nur in Gestalt des Bureaus bis zu einem gewissen Grade manifestierten: ein Aufsichtsrat, eine Aktiengesellschaft, der anzugehören nicht übel sein mochte, da sie nach Joachims glaubwürdiger Versicherung trotz hoher Ärztegehälter und liberalster Wirtschaftsprinzipien alljährlich eine saftige Dividende unter ihre Mitglieder verteilen konnte. Der Hofrat also war kein selbständiger Mann, er war nichts als ein Agent, ein Funktionär, ein Verwandter höherer Gewalten, der erste und oberste freilich, die Seele des Ganzen, von bestimmendem Einfluß auf die gesamte Organisation, die Intendantur nicht ausgeschlossen, obgleich er als dirigierender Arzt über jede Beschäftigung mit dem kaufmännischen Teil des Betriebes natürlich erhaben war. Aus dem Nordwesten Deutschlands gebürtig, war er, wie man wußte, wider Absicht und Lebensplan vor Jahren in diese Stellung gelangt: heraufgeführt durch seine Frau, deren Reste schon längst der Friedhof von „Dorf“ umfing, – der malerische Friedhof von Dorf Davos dort oben am rechtsseitigen Hange, weiter zurück gegen den Eingang des Tales. Sie war eine sehr liebliche, wenn auch überäugige und asthenische Erscheinung gewesen, den Photographien nach zu urteilen, die überall in des Hofrats Dienstwohnung standen, sowie auch den Ölbildnissen zufolge, die, von seiner eigenen Liebhaberhand stammend, dort an den Wänden hingen. Nachdem sie ihm zwei Kinder geschenkt, einen Sohn und eine Tochter, war ihr leichter, von Hitze ergriffener Körper in diese Gegenden heraufgezogen worden, und in wenigen Monaten hatte seine Aus- und Aufzehrung sich vollendet. Man sagte, Behrens, der sie vergöttert habe, sei durch den Schlag so schwer getroffen worden, daß er vorübergehend in Tiefsinn und Wunderlichkeit verfallen sei und sich auf der Straße durch Kichern, Gestenspiel und Selbstgespräch auffällig gemacht habe. Er war dann nicht mehr in seinen ursprünglichen Lebenskreis zurückgekehrt, sondern an Ort und Stelle geblieben: gewiß auch darum, weil er sich von dem Grabe nicht trennen mochte; den Ausschlag aber hatte wohl der weniger sentimentale Grund gegeben, daß er selbst etwas abbekommen hatte und seiner eigenen wissenschaftlichen Einsicht nach einfach hierher gehörte. So hatte er sich eingebürgert als einer der Ärzte, die Leidensgenossen derjenigen sind, deren Aufenthalt sie überwachen; die nicht, von der Krankheit unabhängig, sie aus dem freien Stande persönlicher Intaktheit bekämpfen, sondern selber ihr Zeichen tragen, – ein eigentümlicher, aber durchaus nicht vereinzelter Fall, der ohne Zweifel seine Vorzüge wie sein Bedenkliches hat. Kameradschaft des Arztes mit dem Patienten ist gewiß zu begrüßen, und es läßt sich hören, daß nur der Leidende des Leidenden Führer und Heiland zu sein vermag. Aber ist rechte geistige Herrschaft über eine Macht denn möglich bei dem, der selber zu ihren Sklaven zählt? Kann befreien, wer selbst unterworfen ist? Der kranke Arzt bleibt ein Paradoxon für das einfache Gefühl, eine problematische Erscheinung. Wird nicht vielleicht sein geistiges Wissen um die Krankheit durch das erfahrungsmäßige nicht so sehr bereichert und sittlich gestärkt als getrübt und verwirrt? Er blickt der Krankheit nicht in klarer Gegnerschaft ins Auge, er ist befangen, ist nicht eindeutig als Partei; und mit aller gebotenen Vorsicht muß man fragen, ob ein der Krankheitswelt Zugehöriger an der Heilung oder auch nur Bewahrung anderer eigentlich in dem Sinne interessiert sein kann, wie ein Mann der Gesundheit ...

Von diesen Zweifeln und Erwägungen sprach Hans Castorp auf seine Weise einiges aus, als er mit Joachim vom „Berghof“ und seinem ärztlichen Leiter schwatzte, aber Joachim bemerkte dagegen, man wisse ja gar nicht, ob Hofrat Behrens heute noch selber Patient sei, – wahrscheinlich sei er schon längst genesen. Daß er hier zu praktizieren begonnen hatte, war lange her, – er hatte es eine Weile auf eigene Hand getrieben und sich als feinhöriger Auskultator wie auch als sicherer Pneumotom rasch einen Namen gemacht. Dann hatte der „Berghof“ sich seiner Person versichert, das Institut, mit dem er nun bald seit einem Jahrzehnt so eng verwachsen war ... Dort hinten, am Ende des nordwestlichen Flügels, lag seine Wohnung (Dr. Krokowski hauste nicht weit davon), und jene altadelige Dame, die Schwester-Oberin, von der Settembrini so höhnisch gesprochen und die Hans Castorp bisher nur flüchtig gesehen hatte, stand dem kleinen Witwerhaushalte vor. Im übrigen war der Hofrat allein, denn sein Sohn studierte an reichsdeutschen Universitäten, und seine Tochter war schon vermählt: nämlich an einen Advokaten im französischen Teile der Schweiz. Der junge Behrens kam in den Ferien zuweilen zu Besuch, was sich während Joachims Aufenthalt schon einmal ereignet hatte, und er sagte, die Damen der Anstalt seien dann sehr bewegt, die Temperaturen stiegen, Eifersüchteleien führten zu Zank und Streit auf den Liegehallen, und erhöhter Zudrang herrsche zu Dr. Krokowskis besonderer Sprechstunde ...

Dem Assistenten war für seine Privatordinationen ein eigenes Zimmer eingeräumt, das, wie der große Untersuchungsraum, das Laboratorium, der Operationssaal und das Durchstrahlungsatelier, in dem gut belichteten Kellergeschoß des Anstaltsgebäudes gelegen war. Wir sprechen von einem Kellergeschoß, weil die steinerne Treppe, die vom Erdgeschoß dorthin führte, in der Tat die Vorstellung erweckte, daß man sich in einen Keller begebe, – was aber beinahe ganz auf Täuschung beruhte. Denn erstens war das Erdgeschoß ziemlich hoch gelegen, das Berghofgebäude aber zweitens, im ganzen, auf abschüssigem Grunde, am Berge errichtet, und jene „Keller“-Räumlichkeiten schauten nach vorn, gegen den Garten und das Tal: Umstände, durch die Wirkung und Sinn der Treppe gewissermaßen durchkreuzt und aufgehoben wurden. Denn man glaubte wohl über ihre Stufen von ebener Erde hinabzusteigen, befand sich aber drunten immer noch und wiederum zu ebener Erde oder doch nur ein paar Schuh darunter, – ein belustigender Eindruck für Hans Castorp, als er seinen Vetter, der sich vom Bademeister wiegen lassen sollte, nachmittags einmal in diese Sphäre „hinunter“-begleitete. Es herrschte klinische Helligkeit und Sauberkeit dort; alles war weiß in weiß gehalten, und in weißem Lack schimmerten die Türen, auch die zu Dr. Krokowskis Empfangszimmer, an der die Visitenkarte des Gelehrten mit einem Reißnagel befestigt war, und zu der noch eigens zwei Stufen von der Höhe des Flurganges hinabführten, so daß der dahinter liegende Raum einen gelaßartigen Charakter erhielt. Sie lag rechts von der Treppe, diese Tür, am Ende des Ganges, und Hans Castorp hatte ein besonderes Auge auf sie, während er, auf Joachim wartend, den Korridor auf und nieder ging. Er sah auch jemanden herauskommen, eine Dame, die kürzlich eingetroffen war und deren Namen er noch nicht kannte, eine Kleine, Zierliche mit Stirnlöckchen und goldenen Ohrringen. Sie bückte sich tief, die Stufen ersteigend, und raffte ihren Rock, indes sie mit der anderen kleinen, beringten Hand ihr Tüchlein an den Mund preßte und darüberhin aus ihrer gebückten Haltung mit großen blassen, verstörten Augen ins Leere blickte. So eilte sie mit engen Trittchen, bei denen ihr Unterrock rauschte, zur Treppe, blieb plötzlich stehen, als besänne sie sich auf etwas, setzte sich trippelnd wieder in Lauf und verschwand im Stiegenhause, immer gebückt und ohne das Tüchlein von den Lippen zu nehmen.

Hinter ihr, als die Tür sich geöffnet hatte, war es viel dunkler gewesen als auf dem weißen Korridor: die klinische Helligkeit dieser unteren Räume reichte offenbar nicht bis dorthinein; verhülltes Halblicht, tiefe Dämmerung herrschte, wie Hans Castorp bemerkte, in Dr. Krokowskis analytischem Kabinett.

Tischgespräche

Bei den Mahlzeiten im bunten Speisesaal bereitete es dem jungen Hans Castorp einige Verlegenheit, daß ihm von jenem auf eigene Hand unternommenen Spaziergang das großväterliche Kopfzittern zurückgeblieben war, – gerade bei Tisch stellte es sich fast regelmäßig wieder ein und war dann nicht zu verhindern und schwer zu verbergen. Außer der würdigen Kinnstütze, die nicht dauernd festzuhalten war, machte er verschiedene Mittel ausfindig, die Schwäche zu maskieren, – zum Beispiel hielt er tunlichst den Kopf in Bewegung, indem er nach rechts und links konversierte, oder er drückte, etwa wenn er den Suppenlöffel zum Munde führte, den linken Unterarm fest auf den Tisch, um sich Haltung zu geben, stellte auch wohl den Ellenbogen auf in den Pausen und stützte den Kopf mit der Hand, obgleich dies eine Flegelei war in seinen eigenen Augen und nur in ungebundener Krankengesellschaft allenfalls durchgehen mochte. Aber das alles war lästig und es fehlte nicht viel, daß es ihm die Mahlzeiten vollständig verleidet hätte, die er doch sonst, um der Spannungen und Sehenswürdigkeiten willen, die sie mit sich brachten, so wohl zu schätzen wußte.

Es lag aber so – und Hans Castorp wußte das auch genau –, daß die blamable Erscheinung, mit der er kämpfte, nicht nur körperlicher Herkunft, nicht nur auf die hiesige Luft und die Anstrengung der Akklimatisation zurückzuführen war, sondern eine innere Erregung ausdrückte und mit jenen Spannungen und Sehenswürdigkeiten selbst unmittelbar zusammenhing.

Madame Chauchat kam fast immer zu spät zu Tische, und bis sie kam, saß Hans Castorp und konnte die Füße nicht ruhig halten, denn er wartete auf das Schmettern der Glastür, von dem ihr Eintritt unweigerlich begleitet war, und wußte, daß er dabei zusammenfahren und sein Gesicht würde kalt werden fühlen, was denn auch regelmäßig geschah. Anfangs hatte er jedesmal ergrimmt den Kopf herumgeworfen und die fahrlässige Nachzüglerin mit zornigen Augen zu ihrem Platze am „Guten“ Russentisch begleitet, auch wohl ihr halblaut und zwischen den Zähnen ein Scheltwort, einen Ruf empörter Mißbilligung nachgesandt. Das unterließ er jetzt, beugte den Kopf tiefer über den Teller, wobei er sich wohl gar auf die Lippe biß, oder wandte ihn absichtlich und künstlich nach der anderen Seite; denn ihm war, als komme der Zorn ihm nicht mehr zu, als sei er zum Tadel nicht so recht frei, sondern mitschuldig an dem Ärgernis und mitverantwortlich dafür vor den anderen, – kurzum, er schämte sich, und zwar wäre es ungenau gewesen, zu sagen, daß er sich für Frau Chauchat schämte, sondern ganz persönlich schämte er sich vor den Leuten, – was er sich übrigens hätte sparen können, da niemand im Saale sich um Frau Chauchats Laster noch um Hans Castorps Scham darüber kümmerte, ausgenommen etwa die Lehrerin, Fräulein Engelhart, zu seiner Rechten.

Das kümmerliche Wesen hatte begriffen, daß dank Hans Castorps Empfindlichkeit gegen das Türenwerfen eine gewisse affekthafte Beziehung des jungen Tischnachbarn zu der Russin entstanden war, ferner, daß es wenig auf den Charakter einer solchen Beziehung ankomme, wenn sie nur überhaupt vorhanden war, und endlich, daß seine geheuchelte – und zwar aus Mangel an schauspielerischer Übung und Begabung sehr schlecht geheuchelte – Gleichgültigkeit keine Abschwächung, sondern eine Verstärkung, eine höhere Phase des Verhältnisses bedeutete. Ohne Anspruch und Hoffnung für ihre eigene Person, erging Fräulein Engelhart sich beständig in selbstlos entzückten Reden über Frau Chauchat, – wobei das Merkwürdige war, daß Hans Castorp ihr hetzerisches Betreiben, wenn nicht sofort, so doch auf die Dauer, vollkommen klar erkannte und durchschaute, ja, daß es ihn sogar anwiderte, ohne daß er sich darum weniger willig hätte davon beeinflussen und betören lassen.