„Pardauz!“ sagte das alte Mädchen. „Das ist sie. Man braucht nicht aufzusehen, um sich zu überzeugen, wer da hereingekommen ist. Natürlich, da geht sie, – und wie reizend sie geht, – ganz wie ein Kätzchen zur Milchschüssel schleicht! Ich wollte, wir könnten die Plätze tauschen, damit Sie sie so ungezwungen und bequem betrachten könnten, wie ich es kann. Ich verstehe es ja, daß Sie nicht immer den Kopf nach ihr drehen mögen, – Gott weiß, was sie sich schließlich einbilden würde, wenn sie es merkte ... Jetzt sagt sie ihren Leuten Guten Tag ... Sie sollten doch einmal hinsehen, es ist so erquickend, sie zu beobachten. Wenn sie so lächelt und spricht wie jetzt, bekommt sie ein Grübchen in die eine Wange, aber nicht immer, nur wenn sie will. Ja, das ist ein Goldkind von einer Frau, ein verzogenes Geschöpf, daher ist sie so lässig. Solche Menschen muß man lieben, ob man will oder nicht, denn wenn sie einen ärgern durch ihre Lässigkeit, so ist auch der Ärger nur ein Anreiz mehr, ihnen zugetan zu sein, es ist so beglückend, sich zu ärgern und dennoch lieben zu müssen ...“
So raunte die Lehrerin hinter der Hand und ungehört von den anderen, während die flaumige Röte auf ihren Altjungferwangen an ihre übernormale Körpertemperatur erinnerte; und ihre wollüstigen Redereien gingen dem armen Hans Castorp in Mark und Blut. Eine gewisse Unselbständigkeit schuf ihm das Bedürfnis, von dritter Seite bestätigt zu erhalten, daß Madame Chauchat eine entzückende Frau sei, und außerdem wünschte der junge Mann, sich von außen zur Hingabe an Empfindungen ermutigen zu lassen, denen seine Vernunft und sein Gewissen störende Widerstände entgegensetzten.
Übrigens erwiesen sich diese Unterhaltungen in sachlicher Beziehung nur wenig fruchtbar, denn Fräulein Engelhart wußte beim besten Willen nichts Näheres über Frau Chauchat auszusagen, nicht mehr als jedermann im Sanatorium; sie kannte sie nicht, konnte sich nicht einmal einer Bekanntschaft rühmen, die sie mit ihr gemeinsam gehabt hätte, und das einzige, womit sie sich vor Hans Castorp ein Ansehen geben konnte, war, daß sie in Königsberg – also nicht gar so sehr weit von der russischen Grenze – zu Hause war und einige Brocken Russisch kannte, – dürftige Eigenschaften, in denen Hans Castorp aber etwas wie weitläufige persönliche Beziehungen zu Frau Chauchat zu sehen bereit war.
„Sie trägt keinen Ring,“ sagte er, „keinen Ehering, wie ich sehe. Wie ist denn das? Sie ist doch eine verheiratete Frau, haben Sie mir gesagt?“
Die Lehrerin geriet in Verlegenheit, als sei sie in die Enge getrieben und müsse sich herausreden, so sehr verantwortlich fühlte sie sich für Frau Chauchat Hans Castorp gegenüber.
„Das dürfen Sie nicht so genau nehmen“, sagte sie. „Zuverlässig ist sie verheiratet. Daran ist kein Zweifel möglich. Daß sie sich Madame nennt, geschieht nicht nur der größeren Ansehnlichkeit wegen, wie ausländische Fräulein es machen, wenn sie ein wenig reifer sind, sondern wir alle wissen es, daß sie wirklich einen Mann hat irgendwo in Rußland, das ist im ganzen Orte bekannt. Von Hause aus hat sie einen anderen Namen, einen russischen und keinen französischen, einen auf -anow oder -ukow, ich habe ihn schon gewußt und nur wieder vergessen; wenn Sie wollen, erkundige ich mich danach; es gibt sicher mehrere Personen hier, die den Namen kennen. Einen Ring? Nein, sie trägt keinen, es ist mir auch schon aufgefallen. Lieber Himmel, vielleicht kleidet er sie nicht, vielleicht macht er ihr eine breite Hand. Oder sie findet es spießbürgerlich, einen Ehering zu tragen, so einen glatten Reif ... es fehlt nur der Schlüsselkorb ... nein, dazu ist sie gewiß zu großzügig ... Ich kenne das, die russischen Frauen haben alle so etwas Freies und Großzügiges in ihrem Wesen. Außerdem hat so ein Ring etwas geradezu Abweisendes und Ernüchterndes, er ist doch ein Symbol der Hörigkeit, möchte ich sagen, er gibt einer Frau direkt etwas Nonnenhaftes, das reine Blümchen Rührmichnichtan macht er aus ihr. Ich wundere mich gar nicht, wenn das nicht nach Frau Chauchats Sinne ist ... Eine so reizende Frau, in der Blüte der Jahre ... Wahrscheinlich hat sie weder Grund noch Lust, jeden Herrn, dem sie die Hand gibt, gleich ihre eheliche Gebundenheit fühlen zu lassen ...“
Großer Gott, wie die Lehrerin sich ins Zeug legte! Hans Castorp sah ihr ganz erschreckt ins Gesicht, aber sie trotzte seinem Blick mit einer Art von wilder Verlegenheit. Dann schwiegen beide eine Weile, um sich zu erholen. Hans Castorp aß und unterdrückte das Zittern seines Kopfes. Endlich sagte er:
„Und der Mann? Er kümmert sich gar nicht um sie? Er besucht sie niemals hier oben? Was ist er denn eigentlich?“
„Beamter. Russischer Administrationsbeamter, in einem ganz entlegenen Gouvernement, Daghestan, wissen Sie, das liegt ganz östlich über den Kaukasus hinaus, dahin ist er kommandiert. Nein, ich sagte Ihnen ja, daß noch nie ihn jemand hier oben gesehen hat. Und dabei ist sie schon wieder im dritten Monat hier.“
„Sie ist also nicht zum erstenmal hier?“