„Es scheint, der Herr will seine Ergötzlichkeit mit mir treiben.“

„Durchaus nicht! Ich denke nicht daran! Beruhigen Sie mich zuerst über gewisse dunkle Seiten Ihrer Existenz, und wir werden von Ergötzlichkeit reden können! Ich mache mir gestern abend zwischen halb zehn und zehn Uhr ein wenig Bewegung im Garten – ich blicke dabei die Balkons entlang – das elektrische Lämpchen auf dem Ihren glüht durch das Dunkel. Sie befanden sich folglich in der Liegekur, nach Pflicht, Vernunft und Vorschrift. ‚Da liegt unsere schöne Kranke‘, sage ich zu mir selbst, ‚und beobachtet treulich die Verordnung, um baldigst heimkehren zu können in die Arme des Herrn Stöhr.‘ Und vor wenigen Minuten, was höre ich? Daß Sie zu derselben Stunde im cinematógrafo (Herr Settembrini sprach das Wort italienisch aus, mit dem Akzent auf der vierten Silbe) – im cinematógrafo der Kurhausarkaden gesehen worden sind und hernach noch in der Konditorei bei Süßwein und irgendwelchen Baisers, und zwar ...“

Die Stöhr wand sich in den Schultern, kicherte in ihre Serviette, stieß Joachim Ziemßen und den stillen Dr. Blumenkohl mit den Ellenbogen in die Seiten, zwinkerte listig-vertraulich und gab auf alle Weise eine stockdumme Selbstgefälligkeit zu erkennen. Sie pflegte abends zur Täuschung der Aufsicht ihr brennendes Tischlämpchen auf den Balkon hinauszustellen, sich heimlich davonzumachen und drunten im Englischen Viertel ihrer Zerstreuung nachzugehen. Ihr Mann wartete in Cannstatt auf sie. Übrigens war sie nicht der einzige Patient, der diese Praktik übte.

„... und zwar,“ fuhr Settembrini fort, „hätten Sie diese Baisers – in wessen Gesellschaft gekostet? In der Gesellschaft des Hauptmanns Miklosich aus Bukarest! Man versichert mir, er trage ein Korsett, aber mein Gott, wie wenig fällt das hier ins Gewicht! Ich beschwöre Sie, Madame, wo waren Sie? Sie sind doppelt! Jedenfalls waren Sie eingeschlafen, und während der irdische Teil Ihres Wesens einsam Liegekur machte, erlustierte sich der spirituelle in der Gesellschaft des Hauptmanns Miklosich und an seinen Baisers ...“

Frau Stöhr wand und sträubte sich, wie jemand, den man kitzelt.

„Man weiß nicht, ob man das Umgekehrte wünschen soll“, sagte Settembrini. „Daß Sie die Baisers allein genossen und die Liegekur mit dem Hauptmann Miklosich ausgeübt hätten ...“

„Hi, hi, hi ...“

„Kennen die Herrschaften die vorgestrige Geschichte?“ fragte der Italiener unvermittelt. „Jemand ist abgeholt worden, – vom Teufel geholt, oder eigentlich von seiner Frau Mutter, einer tatkräftigen Dame, sie hat mir gefallen. Es ist der junge Schneermann, Anton Schneermann, der dort vorn am Tische von Mademoiselle Kleefeld saß, – Sie sehen, sein Platz ist leer. Er wird bald genug wieder besetzt sein, ich mache mir keine Sorge, aber Anton ist fort auf Sturmesschwingen, im Hui und eh ers gedacht. Anderthalb Jahre war er hier – mit seinen sechzehn; es waren ihm eben noch sechs Monate zugelegt worden. Und was geschieht? Ich weiß nicht, wer Madame Schneermann ein Wort hatte zufließen lassen, auf jeden Fall hatte sie Wind bekommen von dem Wandel ihres Söhnchens in Baccho et ceteris. Unangemeldet erscheint sie auf dem Plan, eine Matrone – drei Köpfe größer als ich, weißhaarig und zornmütig, zieht Herrn Anton, ohne zu reden, ein paar Ohrfeigen herunter, nimmt ihn beim Kragen und setzt ihn auf die Bahn. ‚Soll er zu Grund gehen,‘ sagt sie, ‚so kann ers auch unten.‘ Und fort gehts nach Hause.“

Man lachte, soweit man in Hörweite saß, denn Herr Settembrini erzählte drollig. Er zeigte sich auf dem Laufenden über die letzten Neuigkeiten, obgleich er sich doch gegen das Gemeinschaftsleben Derer hier oben so kritisch-spöttisch verhielt. Er wußte alles. Er kannte die Namen und ungefähr auch die Lebensumstände Neuangekommener; er berichtete, daß gestern bei dem und dem oder der und der eine Rippenresektion vorgenommen worden und hatte es aus bester Quelle, daß vom Herbst an Kranke über 38,5 Grad nicht mehr aufgenommen werden würden. In der letzten Nacht hatte sich, seiner Erzählung nach, das Hündchen der Madame Capatsoulias aus Mytilene auf den Knopf des elektrischen Lichtsignals auf dem Nachttisch seiner Herrin gesetzt, woraus viel Rennerei und Tumult entstanden war, besonders, da man Madame Capatsoulias nicht allein, sondern in Gesellschaft des Assessors Düstmund aus Friedrichshagen gefunden habe. Selbst Dr. Blumenkohl mußte lächeln über diese Geschichte, die hübsche Marusja wollte in ihrem Orangentüchlein fast ersticken, und Frau Stöhr schrie gellend, indem sie die linke Brust mit beiden Händen preßte.

Aber mit den Vettern sprach Lodovico Settembrini auch von sich selbst und seiner Herkunft, sei es auf den Spaziergängen, gelegentlich der Abendgeselligkeit oder nach beendetem Mittagstisch, wenn die große Mehrzahl der Patienten den Saal schon verlassen hatte und die drei Herren noch eine Weile an ihrem Tafelende sitzenblieben, während die Saaltöchter abräumten und Hans Castorp seine Maria Mancini rauchte, deren Würze er in der dritten Woche wieder ein wenig zu schmecken begann. Aufmerksam prüfend, befremdet, aber willig sich beeinflussen zu lassen, hörte er den Erzählungen des Italieners zu, die ihm eine sonderbare, durchaus neuartige Welt eröffneten.