Settembrini sprach von seinem Großvater, der zu Mailand Advokat, hauptsächlich aber ein großer Patriot gewesen und etwas wie einen politischen Agitator, Redner und Zeitschriften-Mitarbeiter vorgestellt hatte, – auch er ein Oppositionsmann, gleich dem Enkel, doch hatte er das Ding in größerem, kühnerem Stile betrieben. Denn während Lodovico, wie er selber mit Bitterkeit bemerkte, sich darauf angewiesen fand, das Leben und Treiben im Internationalen Sanatorium Berghof zu hecheln, höhnische Kritik daran zu üben und im Namen einer schönen und tatfrohen Menschlichkeit Verwahrung dagegen einzulegen, hatte jener den Regierungen zu schaffen gemacht, gegen Österreich und die Heilige Allianz konspiriert, die damals sein zerstückeltes Vaterland im Banne dumpfer Knechtschaft gehalten hatten, und war eifriges Mitglied gewisser, über Italien verbreiteter geheimer Gesellschaften gewesen, – ein Carbonaro, wie Settembrini mit plötzlich gesenkter Stimme erklärte, als sei es auch jetzt noch gefährlich, davon zu sprechen. Kurz, dieser Giuseppe Settembrini stellte sich, nach den Erzählungen des Enkels, den beiden Zuhörern als eine dunkle, leidenschaftliche und wühlerische Existenz, als ein Rädelsführer und Verschwörer dar, und bei aller Achtung, deren sie sich höflicherweise befleißigten, gelang es ihnen nicht ganz, einen Ausdruck mißtrauischer Abneigung, ja des Widerwillens aus ihren Zügen zu verbannen. Freilich lagen die Dinge besonders: was sie hörten, war lange her, fast hundert Jahre, es war Geschichte, und aus der Geschichte, namentlich der alten, war ihnen das Wesen, von dem sie hier vernahmen, die Erscheinung verzweifelten Freiheitsmutes und unbeugsamen Tyrannenhasses theoretisch vertraut, obwohl sie nie gedacht hatten, so menschlich unmittelbar mit ihm in Berührung zu kommen. Auch hatte sich mit dem Aufrührer- und Konspirantentum dieses Großvaters, wie sie hörten, eine große Liebe zu seinem Vaterlande verbunden, das er einig und frei wissen wollte, – ja, sein umstürzlerisches Betreiben war Frucht und Ausfluß dieser achtbaren Verbundenheit gewesen, und wie sonderbar die Mischung von Aufrührerei und Patriotismus die Vettern, einen wie den andern, auch anmutete – denn sie waren gewohnt, vaterländische Gesinnung mit einem erhaltenden Ordnungssinn gleichzusetzen –, so mußten sie bei sich selber doch zugeben, daß, wie dort und damals alles sich verhalten hatte, Rebellion mit Bürgertugend und loyale Gesetztheit mit träger Gleichgültigkeit gegen das öffentliche Wesen mochte gleichbedeutend gewesen sein.
Aber nicht nur ein italienischer Patriot war Großvater Settembrini gewesen, sondern Mitbürger und Mitstreiter aller nach Freiheit dürstenden Völker. Denn nach dem Scheitern eines gewissen Hand- und Staatsstreichversuches, den man in Turin unternommen, und an dem er mit Wort und Tat beteiligt gewesen, nur mit genauer Not den Häschern des Fürsten Metternich entkommen, hatte er die Zeit seiner Verbannung dazu benutzt, in Spanien für die Konstitution und in Griechenland für die Unabhängigkeit des hellenischen Volkes zu kämpfen und zu bluten. Hier war Settembrinis Vater zur Welt gekommen, – weshalb er denn wohl auch ein so großer Humanist und Liebhaber des klassischen Altertums geworden war, – geboren übrigens von einer Mutter deutschen Blutes, denn Giuseppe hatte das Mädchen in der Schweiz geheiratet und bei seinen weiteren Abenteuern mit sich geführt. Später, nach zehnjähriger Landflüchtigkeit, hatte er in die Heimat zurückkehren können und zu Mailand als Advokat gewirkt, keineswegs aber darauf verzichtet, die Nation durch das gesprochene und geschriebene Wort, in Vers und Prosa zur Freiheit und zur Herstellung der einheitlichen Republik aufzurufen, staatsumwälzende Programme mit leidenschaftlich diktatorischem Schwung zu entwerfen und klaren Stiles die Vereinigung der befreiten Völker zur Errichtung des allgemeinen Glückes zu verkünden. Eine Einzelheit, deren Settembrini, der Enkel, erwähnte, machte besonderen Eindruck auf den jungen Hans Castorp: daß nämlich Großvater Giuseppe sich zeit seines Lebens ausschließlich in schwarzer Trauerkleidung unter seinen Mitbürgern gezeigt habe, denn er sei ein Leidtragender, habe er gesagt, um Italien, sein Vaterland, das in Elend und Knechtschaft dahinschmachte. Bei dieser Nachricht mußte Hans Castorp, wie er es übrigens schon vorher ein paarmal vergleichend getan hatte, an seinen eigenen Großvater denken, der ebenfalls, solange der Enkel ihn kannte, sich allezeit schwarz getragen hatte, aber in gründlich anderem Sinne, als dieser Großvater hier: an die altmodische Tracht dachte er, mit der Hans Lorenz Castorps eigentliches, einer vergangenen Zeit angehöriges Wesen sich behelfsweise und unter Andeutung seiner Unzugehörigkeit der Gegenwart angepaßt hatte, bis es im Tode zu seiner wahren und angemessenen Gestalt (mit der Tellerkrause) feierlich eingegangen war. Zwei auffallend verschiedenartige Großväter waren das wahrhaftig gewesen! Hans Castorp dachte darüber nach, indes seine Augen sich festsahen und er vorsichtig den Kopf schüttelte, so, daß es ebensogut als ein Zeichen der Bewunderung für Giuseppe Settembrini, wie auch als Befremdung und Verneinung gedeutet werden konnte. Auch hütete er sich redlich, das Fremdartige zu verurteilen, sondern hielt sich an, es bei Vergleich und Feststellung bewenden zu lassen. Er sah den schmalen Kopf des alten Hans Lorenz im Saale sich sinnend über das schwachgoldene Rund der Taufschale, des stehend-wandernden Erbstückes neigen, – gerundeten Mundes, denn seine Lippen bildeten die Vorsilbe „Ur“, diesen dumpfen und frommen Laut, der an Orte erinnerte, an denen man in eine ehrerbietig vorwärts wiegende Gangart verfiel. Und er sah Giuseppe Settembrini, die Trikolore im Arm, mit geschwungenem Säbel und den schwarzen Blick gelobend gen Himmel gewandt, einer Schar von Freiheitskämpfern voran gegen die Phalanx des Despotismus stürmen. Beides hatte wohl seine Schönheit und Ehre, dachte er, um Billigkeit desto mehr bemüht, als er sich persönlich oder halb persönlich ein wenig Partei fühlte. Denn Großvater Settembrini hatte ja um politische Rechte gestritten, seinem eigenen Großvater aber oder doch dessen Vorvätern hatten ursprünglich alle Rechte gehört, und die Krapüle hatte sie ihnen im Laufe von vier Jahrhunderten mit Gewalt und Redensarten entrissen ... Da waren sie nun beide immer in Schwarz gegangen, der Großvater im Norden und der im Süden, und beide zu dem Zweck, einen strengen Abstand zwischen sich und die schlechte Gegenwart zu legen. Aber der eine hatte es aus Frömmigkeit getan, der Vergangenheit und dem Tode zu Ehren, denen sein Wesen angehörte; der andere dagegen aus Rebellion und zu Ehren eines frömmigkeitsfeindlichen Fortschritts. Ja, das waren zwei Welten oder Himmelsgegenden, dachte Hans Castorp, und wie er gleichsam zwischen ihnen stand, während Herr Settembrini erzählte, und prüfend bald in die eine, bald in die andere blickte, so, meinte er, habe er es schon einmal erfahren. Er erinnerte sich einer einsamen Kahnfahrt im Abendzwielicht auf einem holsteinischen See, im Spätsommer, vor einigen Jahren. Um sieben Uhr war es gewesen, die Sonne war schon hinab, der annähernd volle Mond im Osten über den buschigen Ufern schon aufgegangen. Da hatte zehn Minuten lang, während Hans Castorp sich über die stillen Wasser dahinruderte, eine verwirrende und träumerische Konstellation geherrscht. Im Westen war heller Tag gewesen, ein glasig nüchternes, entschiedenes Tageslicht; aber wandte er den Kopf, so hatte er in eine ebenso ausgemachte, höchst zauberhafte, von feuchten Nebeln durchsponnene Mondnacht geblickt. Das sonderbare Verhältnis hatte wohl eine knappe Viertelstunde bestanden, bevor es sich zugunsten der Nacht und des Mondes ausgeglichen, und mit heiterem Staunen waren Hans Castorps geblendete und vexierte Augen von einer Beleuchtung und Landschaft zur anderen, vom Tage in die Nacht und aus der Nacht wieder in den Tag gegangen. Daran also mußte er denken.
Ein großer Rechtsgelehrter, dachte er ferner, konnte Advokat Settembrini bei seiner Lebensführung und seinem ausgedehnten Betreiben nicht gut geworden sein. Aber der allgemeine Grundsatz des Rechtes hatte ihn, wie der Enkel glaubhaft machte, von Kindesbeinen bis an sein Lebensende beseelt, und Hans Castorp, obgleich zur Zeit nicht eben scharf im Kopfe und von einer sechsgängigen Berghof-Mahlzeit organisch stark in Anspruch genommen, bemühte sich, zu verstehen, wie Settembrini es meinte, wenn er diesen Grundsatz „die Quelle der Freiheit und des Fortschritts“ nannte. Unter dem letzteren hatte Hans Castorp bisher so etwas verstanden, wie die Entwicklung des Hebezeug-Wesens im neunzehnten Jahrhundert; und er fand denn auch, daß Herr Settembrini solche Dinge nicht niedrig einschätzte, was offenbar auch sein Großvater nicht getan. Der Italiener erzeigte dem Vaterlande seiner beiden Zuhörer hohe Ehre in Hinsicht darauf, daß dort das Schießpulver erfunden worden sei, welches den Harnisch des Feudalismus zum Gerümpel gemacht habe, sowie die Druckerpresse: denn diese habe die demokratische Verbreitung der Ideen – das heiße: die Verbreitung der demokratischen Ideen ermöglicht. Er lobte also Deutschland in diesem Betracht und, soweit die Vergangenheit in Frage kam, wenn er auch seinem eigenen Lande billig die Palme glaubte reichen zu sollen, da es, während die anderen Völker noch in Aberglauben und Knechtschaft dämmerten, als erstes die Fahne der Aufklärung, Bildung und Freiheit entrollt habe. Wenn er aber der Technik und dem Verkehr, Hans Castorps persönlichem Arbeitsgebiet, viel Reverenz erwies, wie er es schon bei seiner ersten Begegnung mit den Vettern bei der Bank am Abhange getan, so schien es doch nicht um dieser Mächte selbst willen zu geschehen, sondern in Anbetracht ihrer Bedeutung für die moralische Vervollkommnung der Menschen, – denn eine solche Bedeutung erklärte er freudig ihnen beizumessen. Indem die Technik, sagte er, mehr und mehr die Natur sich unterwerfe, durch die Verbindungen, welche sie schaffe, den Ausbau der Straßennetze und Telegraphen, die klimatischen Unterschiede besiege, erweise sie sich als das verlässigste Mittel, die Völker einander nahe zu bringen, ihre gegenseitige Bekanntschaft zu fördern, menschlichen Ausgleich zwischen ihnen anzubahnen, ihre Vorurteile zu zerstören und endlich ihre allgemeine Vereinigung herbeizuführen. Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß, jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts einem Endzustande der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Güte und des Glückes entgegen, und auf diesem Wege sei die Technik das förderlichste Vehikel, sagte er. Aber indem er so sprach, faßte er in einer Auslassung des Atems Kategorien zusammen, die Hans Castorp bisher nur weit voneinander getrennt zu denken gewohnt gewesen war. Technik und Sittlichkeit! sagte er. Und dann sprach er wahrhaftig vom Heilande des Christentums, der das Prinzip der Gleichheit und der Vereinigung zuerst offenbart, worauf die Druckerpresse die Verbreitung dieses Prinzipes mächtig gefördert und endlich die große französische Staatsumwälzung es zum Gesetz erhoben habe. Das mutete den jungen Hans Castorp, wenn auch aus unbestimmten Gründen, so doch in der Tat auf das allerbestimmteste konfus an, obwohl Herr Settembrini es in so klare und pralle Worte faßte. Einmal, erzählte dieser, einmal in seinem Leben, und zwar zu Beginn seines besten Mannesalters, habe sein Großvater sich recht von Herzen glücklich gefühlt, und das sei zur Zeit der Pariser Juli-Revolution gewesen. Laut und öffentlich habe er damals das Wort gesprochen, daß alle Menschen dereinst jene drei Tage von Paris neben die sechs Tage der Weltschöpfung stellen würden. Hier konnte Hans Castorp nicht umhin, mit der Hand auf den Tisch zu schlagen und sich bis in den Grund seiner Seele zu wundern. Daß man drei Sommertage des Jahres 1830, an welchen die Pariser sich eine neue Verfassung gegeben, neben die sechs stellen solle, in denen Gott der Herr die Feste von den Wassern geschieden und die ewigen Himmelslichter sowie Blumen, Bäume, Vögel, Fische und alles Leben geschaffen hatte, schien ihm stark, und noch nachher, allein mit seinem Vetter Joachim, ausdrücklich und gesprächsweise, fand er es überaus stark, ja geradezu anstößig.
Aber er war guten Willens, sich beeinflussen zu lassen, im Sinne des Wortes, daß es angenehm sei, Versuche anzustellen, und so legte er dem Proteste, den seine Pietät und sein Geschmack gegen die Settembrinische Anordnung der Dinge erhoben, Zügel an, in der Erwägung, daß, was ihm lästerlich vorkam, Kühnheit genannt werden könne und, was ihn abgeschmackt anmutete, Hochherzigkeit und edelmütiger Überschwang wenigstens dort und damals gewesen sein mochte: so zum Beispiel, wenn Großvater Settembrini die Barrikaden den „Volksthron“ genannt und erklärt hatte, es gelte, „die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit zu weihen“.
Hans Castorp wußte, warum er Herrn Settembrini zuhörte, nicht ausdrücklich, aber er wußte es. Etwas wie Pflichtgefühl war dabei, außer jener Ferien-Verantwortungslosigkeit des Reisenden und Hospitanten, der sich gegen keinen Eindruck verhärtet und die Dinge an sich herankommen läßt, in dem Bewußtsein, daß er morgen oder übermorgen wieder die Flügel lüften und in die gewohnte Ordnung zurückkehren wird: – etwas wie eine Gewissensvorschrift also, und zwar, um genau zu sein, die Vorschrift und Mahnung eines irgendwie schlechten Gewissens, bestimmte ihn, dem Italiener zuzuhören, ein Bein über das andere geschlagen und an seiner Maria Mancini ziehend, oder wenn sie zu dritt vom Englischen Viertel gegen den Berghof emporstiegen.
Nach Settembrinis Anordnung und Darstellung lagen zwei Prinzipien im Kampf um die Welt: die Macht und das Recht, die Tyrannei und die Freiheit, der Aberglaube und das Wissen, das Prinzip des Beharrens und dasjenige der gärenden Bewegung, des Fortschritts. Man konnte das eine das asiatische Prinzip, das andere aber das europäische nennen, denn Europa war das Land der Rebellion, der Kritik und der umgestaltenden Tätigkeit, während der östliche Erdteil die Unbeweglichkeit, die untätige Ruhe verkörperte. Gar kein Zweifel, welcher der beiden Mächte endlich der Sieg zufallen würde, – es war die der Aufklärung, der vernunftgemäßen Vervollkommnung. Denn immer neue Völker raffte die Menschlichkeit auf ihrem glänzenden Wege mit fort, immer mehr Erde eroberte sie in Europa selbst und begann, nach Asien vorzudringen. Doch fehlte noch viel an ihrem vollen Siege, und noch große und edelmütige Anstrengungen waren von den Wohlgesinnten, von denen, welche das Licht erhalten hatten, zu machen, bis nur erst der Tag kam, wo auch in den Ländern unseres Erdteils, die in Wahrheit weder ein achtzehntes Jahrhundert noch ein 1789 erlebt hatten, die Monarchien und Religionen zusammenstürzen würden. Aber dieser Tag werde kommen, sagte Settembrini und lächelte fein unter seinem Schnurrbart, – er werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf Adlersschwingen kommen und anbrechen als die Morgenröte der allgemeinen Völkerverbrüderung im Zeichen der Vernunft, der Wissenschaft und des Rechtes; die heilige Allianz der bürgerlichen Demokratie werde er bringen, das leuchtende Gegenstück zu jener dreimal infamen Allianz der Fürsten und Kabinette, deren persönlicher Todfeind Großvater Giuseppe gewesen, – mit einem Worte die Weltrepublik. Zu diesem Endziele aber war vor allem erforderlich, das asiatische, das knechtische Prinzip der Beharrung im Mittelpunkte und Lebensnerv seines Widerstandes zu treffen, nämlich in Wien. Österreich gelte es aufs Haupt zu schlagen und zu zerstören, einmal um Rache zu nehmen für Vergangenes und dann, um die Herrschaft des Rechtes und Glückes auf Erden in die Wege zu leiten.
Diese letzte Wendung und Schlußfolgerung von Settembrinis wohllautenden Ergießungen interessierte Hans Castorp nun gar nicht mehr, sie mißfiel ihm, ja berührte ihn peinlich wie eine persönliche oder nationale Verbissenheit, sooft sie wiederkehrte, – von Joachim Ziemßen zu schweigen, der, wenn der Italiener in dieses Fahrwasser geriet, mit verfinsterten Brauen den Kopf abwandte und nicht mehr zuhörte, auch wohl zum Kurdienste mahnte oder das Gespräch abzulenken suchte. Auch Hans Castorp fühlte sich nicht gehalten, solchen Abwegigkeiten Aufmerksamkeit zu schenken, – offenbar lagen sie außer der Grenze dessen, wovon versuchsweise sich beeinflussen zu lassen eine Gewissensvorschrift ihn mahnte, und zwar so vernehmbar mahnte, daß er selbst, wenn Herr Settembrini sich zu ihnen setzte oder im Freien sich ihnen anschloß, ihn aufforderte, sich über seine Ideen zu äußern.
Diese Ideen, Ideale und Willensstrebungen, bemerkte Settembrini, seien Familienüberlieferung in seinem Hause. Denn alle drei hätten sie ihnen ihr Leben und ihre Geisteskräfte gewidmet, der Großvater, Vater und Enkel, ein jeder nach seiner Art: der Vater nicht weniger als der Großvater Giuseppe, obgleich er nicht, wie dieser, ein politischer Agitator und Freiheitskämpfer, sondern ein stiller und zarter Gelehrter, ein Humanist an seinem Pulte gewesen sei. Was aber sei denn der Humanismus? Liebe zum Menschen sei er, nichts weiter, und damit sei er auch Politik, sei er auch Rebellion gegen alles, was die Idee des Menschen besudele und entwürdige. Man habe ihm eine übertriebene Schätzung der Form zum Vorwurf gemacht; aber auch die schöne Form pflege er lediglich um der Würde des Menschen willen, im glänzenden Gegensatze zum Mittelalter, das nicht allein in Menschenfeindschaft und Aberglauben, sondern auch in schimpfliche Formlosigkeit versunken gewesen sei, und von allem Anbeginn habe er die Sache des Menschen, die irdischen Interessen, habe er Gedankenfreiheit und Lebensfreude verfochten und dafür gehalten, daß der Himmel billig den Spatzen zu überlassen sei. Prometheus! Er sei der erste Humanist gewesen, und er sei identisch mit jenem Satanas, auf den Carducci seine Hymne gedichtet ... Ach, mein Gott, die Vettern hätten den alten Kirchenfeind zu Bologna gegen die christliche Empfindsamkeit der Romantiker sollen sticheln und wettern hören! Gegen Manzonis heilige Gesänge! Gegen die Schatten- und Mondscheinpoesie des Romanticismo, den er der „bleichen Himmelsnonne Luna“ verglichen habe! Per Bacco, es sei ein Hochgenuß gewesen! Und hören sollen hätten sie auch, wie er, Carducci, Dante ausgelegt habe, – als Bürger einer Großstadt habe er ihn gefeiert, der gegen Askese und Weltverneinung die Tatkraft, die umwälzende und weltverbessernde, verteidigt habe. Denn nicht den kränklichen und mystagogischen Schatten der Beatrice habe der Dichter mit dem Namen der „Donna gentile e pietosa“ geehrt; so heiße vielmehr seine Gattin, die im Gedicht das Prinzip der diesseitigen Erkenntnis, der praktischen Lebensarbeit verkörpere ...
Da hatte Hans Castorp nun auch dies und das über Dante gehört, und zwar aus bester Quelle. Ganz fest verließ er sich nicht darauf, in Anbetracht der Windbeutelei des Vermittlers; aber hörenswert war es immerhin, daß Dante ein geweckter Großstädter gewesen sei. Und dann hörte er weiter zu, wie Settembrini von sich selber sprach und erklärte, in seiner, des Enkels Lodovico, Person nun aber hätten die Tendenzen seiner unmittelbaren Vorfahren, die staatsbürgerliche des Großvaters und die humanistische des Vaters, sich vereinigt, indem er nämlich ein Literat, ein freier Schriftsteller geworden sei. Denn die Literatur sei nichts anderes als eben dies: sie sei die Vereinigung von Humanismus und Politik, welche sich um so zwangloser vollziehe, als ja Humanismus selber schon Politik und Politik Humanismus sei ... Hier horchte Hans Castorp auf und gab sich Mühe, es recht zu verstehen; denn er durfte nun hoffen, Bierbrauer Magnussens ganze Unbelehrtheit einzusehen und zu erfahren, inwiefern die Literatur denn doch noch etwas anderes sei als „schöne Charaktere“. Ob, fragte Settembrini, seine Zuhörer je von Herrn Brunetto gehört hätten, Brunetto Latini, Stadtschreiber von Florenz um 1250, der ein Buch über die Tugenden und die Laster geschrieben? Dieser Meister zuerst habe den Florentinern Schliff gegeben und sie das Sprechen gelehrt sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken. „Da haben Sie es, meine Herren!“ rief Settembrini. „Da haben Sie es!“ Und er sprach vom „Worte“, vom Kultus des Wortes, der Eloquenz, die er den Triumph der Menschlichkeit nannte. Denn das Wort sei die Ehre des Menschen, und nur dieses mache das Leben menschenwürdig. Nicht nur der Humanismus, – Humanität überhaupt, alle Menschenwürde, Menschenachtung und menschliche Selbstachtung sei untrennbar mit dem Worte, mit Literatur verbunden – („Siehst du wohl,“ sagte Hans Castorp später zu seinem Vetter, „siehst du wohl, daß es in der Literatur auf die schönen Worte ankommt? Ich habe es gleich gemerkt.“), – und so sei auch die Politik mit ihr verbunden, oder vielmehr: sie gehe hervor aus dem Bündnis, der Einheit von Humanität und Literatur, denn das schöne Wort erzeuge die schöne Tat. „Sie hatten in Ihrem Lande,“ sagte Settembrini, „vor zweihundert Jahren einen Dichter, einen prächtigen alten Plauderer, der großes Gewicht auf eine schöne Handschrift legte, weil er meinte, daß eine solche zum schönen Stile führe. Er hätte ein wenig weiter gehen sollen und sagen, daß ein schöner Stil zu schönen Handlungen führe.“ Schön schreiben, das heiße beinahe auch schon schön denken, und von da sei nicht weit mehr zum schönen Handeln. Alle Sittigung und sittliche Vervollkommnung entstamme dem Geiste der Literatur, diesem Geiste der Menschenehre, welcher zugleich auch der Geist der Humanität und der Politik sei. Ja, dies alles sei eins, sei ein und dieselbe Macht und Idee, und in einen Namen könne man es zusammenfassen. Wie dieser Name laute? Nun, dieser Name setze sich aus vertrauten Silben zusammen, deren Sinn und Majestät die Vettern aber gewiß so recht noch niemals begriffen hätten, – er laute: Zivilisation! Und indem Settembrini dies Wort von den Lippen ließ, warf er seine kleine, gelbe Rechte empor, wie jemand, der einen Toast ausbringt.
Dies alles fand der junge Hans Castorp hörenswert, zwar unverbindlicherweise und mehr zum Versuch, doch hörenswert auf alle Fälle fand er, daß es sei, und sprach sich in diesem Sinne auch gegen Joachim Ziemßen darüber aus, der aber gerade das Thermometer im Munde hatte und also nur undeutlich antworten konnte, danach auch allzu beschäftigt war, die Ziffer abzulesen und in die Tabelle einzutragen, um sich zu Settembrinis Aspekten äußern zu können. Hans Castorp, wie wir sagten, nahm gutwillig Kenntnis davon und öffnete ihnen zur Prüfung sein Inneres: woraus vor allem erhellt, wie vorteilhaft der wachende Mensch sich von dem blöde träumenden unterscheidet, – als welcher Hans Castorp Herrn Settembrini schon mehrmals ins Gesicht hinein einen Drehorgelmann geschimpft und ihn aus allen Kräften von der Stelle zu drängen versucht hatte, weil er „hier störe“; als Wachender aber hörte er ihm höflich und aufmerksam zu und suchte rechtlich gesinnt die Widerstände auszugleichen und niederzuhalten, die sich gegen des Mentors Anordnungen und Darstellungen in ihm erheben wollten. Denn daß gewisse Widerstände in seiner Seele sich regten, soll nicht geleugnet werden: es waren solche, die von früher her, ursprünglich und immer schon darin vorhanden gewesen, wie auch solche, die sich aus der gegenwärtigen Sachlage besonders ergaben, aus seinen teils mittelbaren, teils verschwiegenen Erlebnissen bei Denen hier oben.