Was ist der Mensch, wie leicht betrügt sich doch sein Gewissen! Wie versteht er es, noch aus der Stimme der Pflicht die Erlaubnis zur Leidenschaft herauszuhören! Aus Pflichtgefühl, um der Billigkeit, des Gleichgewichts willen hörte Hans Castorp Herrn Settembrini zu und prüfte wohlmeinend seine Aspekten über die Vernunft, die Republik und den schönen Stil, bereit, sich davon beeinflussen zu lassen. Desto statthafter aber fand er es hinterdrein, seinen Gedanken und Träumen wieder in anderer, in entgegengesetzter Richtung freien Lauf zu lassen, – ja, um unseren ganzen Verdacht oder unsere ganze Einsicht auszusprechen, so hatte er wohl gar Herrn Settembrini nur zu dem Zwecke gelauscht, von seinem Gewissen einen Freibrief zu erlangen, den es ihm ursprünglich nicht hatte ausfertigen wollen. Was oder wer aber befand sich auf dieser anderen, dem Patriotismus, der Menschenwürde und der schönen Literatur entgegengesetzten Seite, wohin Hans Castorp sein Sinnen und Betreiben nun wieder lenken zu dürfen glaubte? Dort befand sich ... Clawdia Chauchat, – schlaff, wurmstichig und kirgisenäugig; und indem Hans Castorp ihrer gedachte (übrigens ist „gedenken“ ein allzu gezügelter Ausdruck für seine Art, sich ihr innerlich zuzuwenden), war es ihm wieder, als säße er im Kahn auf jenem holsteinischen See und blicke aus der glasigen Tageshelle des westlichen Ufers vexierten und geblendeten Auges hinüber in die nebeldurchsponnene Mondnacht der östlichen Himmel.

Das Thermometer

Hans Castorps Woche lief hier von Dienstag bis Dienstag, denn an einem Dienstag war er ja angekommen. Daß er im Bureau seine zweite Wochenrechnung beglichen hatte, lag schon ein paar Tage zurück, – die bescheidene Wochenrechnung von rund 160 Franken, bescheiden und billig nach seinem Urteil, selbst wenn man die Unbezahlbarkeiten des hiesigen Aufenthalts, eben ihrer Unbezahlbarkeit wegen, überhaupt nicht in Anschlag brachte, auch nicht gewisse Darbietungen, die wohl berechenbar gewesen wären, wenn man gewollt hätte, wie zum Exempel die vierzehntägige Kurmusik und die Vorträge Dr. Krokowskis, sondern allein und ausschließlich die eigentliche Bewirtung und gasthausmäßige Leistung, das bequeme Logis, die fünf übergewaltigen Mahlzeiten.

„Es ist nicht viel, es ist eher billig, du kannst nicht klagen, daß man dich überfordert hier oben“, sagte der Hospitant zu dem Eingesessenen. „Du brauchst also rund 650 Franken den Monat für Wohnung und Essen, und dabei ist ja die ärztliche Behandlung schon einbegriffen. Gut. Nimm an, du wirfst im Monat noch dreißig Franken für Trinkgelder aus, wenn du anständig bist und Wert legst auf freundliche Gesichter. Das sind 680 Franken. Gut. Du wirst mir sagen, daß es noch Spesen und Sporteln gibt. Man hat Auslagen für Getränke, für Kosmetik, für Zigarren, man macht mal einen Ausflug, eine Wagenfahrt, wenn du willst, und dann und wann gibt es eine Schuster- oder Schneiderrechnung. Gut, aber bei alldem bringst du mit dem besten Willen noch keine tausend Franken im Monat unter! Noch keine achthundert Mark! Das sind noch keine 10000 Mark im Jahr. Mehr ist es auf keinen Fall. Davon lebst du.“

„Kopfrechnen lobenswert“, sagte Joachim. „Ich wußte gar nicht, daß du so gewandt darin bist. Und daß du gleich die Jahreskalkulation aufstellst, das finde ich großzügig von dir, entschieden hast du schon etwas gelernt hier oben. Übrigens rechnest du zu hoch. Ich rauche ja keine Zigarren, und Anzüge hoffe ich mir hier auch nicht machen lassen zu müssen, ich danke!“

„Also sogar noch zu hoch“, sagte Hans Castorp etwas verwirrt. Aber wie es nun gekommen sein mochte, daß er seinem Vetter Zigarren und neue Anzüge in Rechnung gestellt hatte, – was sein behendes Kopfrechnen betraf, so war das nichts weiter als Blendwerk und Irreführung über seine natürlichen Gaben. Denn wie in allen Stücken, war er auch hierin eher langsam und bar des Feuers, und seine rasche Übersicht in diesem Falle war keine Stegreifleistung, sondern beruhte auf Vorbereitung, und zwar auf schriftlicher Vorbereitung, indem nämlich Hans Castorp eines Abends während der Liegekur (denn er legte sich abends nun doch hinaus, da alle es taten) eigens von seinem vorzüglichen Liegestuhl aufgestanden war, um sich, einem plötzlichen Einfall folgend, aus dem Zimmer Papier und Bleistift zum Rechnen zu holen. Damit hatte er denn festgestellt, daß sein Vetter, oder vielmehr, daß man überhaupt hier alles in allem 12000 Franken pro Jahr benötige und sich zum Spaße innerlich klargemacht, daß er für seine Person dem Leben hier oben wirtschaftlich mehr als gewachsen sei, da er sich als einen Mann von 18-19000 Franken jährlich betrachten durfte.

Seine zweite Wochenrechnung also war vor drei Tagen gegen Dank und Quittung geregelt worden, was so viel heißen will, wie daß er sich mitten in der dritten und plangemäß letzten Woche seines Aufenthaltes hier oben befand. Am kommenden Sonntag würde er noch eines der vierzehntägig wiederkehrenden Kurkonzerte hier miterleben und am Montag noch einem der ebenfalls vierzehntägig sich wiederholenden Vorträge Dr. Krokowskis beiwohnen, – sagte er zu sich selbst und zu seinem Vetter; am Dienstag oder Mittwoch aber würde er reisen und Joachim wieder allein hier zurücklassen, den armen Joachim, dem Radamanth noch wer weiß wie viele Monate zudiktiert hatte, und dessen sanfte, schwarze Augen sich jedesmal wehmütig verschleierten, wenn von Hans Castorps rapid heranrückender Abreise die Rede war. Ja, großer Gott, wo war diese Ferienzeit geblieben! Verronnen, verflogen, enteilt, – man wußte wahrhaftig nicht recht zu sagen, wie. Es waren doch schließlich einundzwanzig Tage gewesen, die sie hatten miteinander verleben sollen, eine lange Reihe, nicht leicht zu übersehen am Anfang. Und nun waren auf einmal nur noch drei, vier geringfügige Tage davon übrig, ein wenig beträchtlicher Restbestand, etwas beschwert allerdings durch die beiden periodischen Abwandlungen des Normaltages, aber schon erfüllt von Pack- und Abschiedsgedanken. Drei Wochen waren eben so gut wie nichts hier oben, – sie hatten es ihm ja alle gleich gesagt. Die kleinste Zeiteinheit war hier der Monat, hatte Settembrini gesagt, und da Hans Castorps Aufenthalt sich unter dieser Größe hielt, so war er eben ein Nichts von einem Aufenthalt und eine Stippvisite, wie Hofrat Behrens sich ausgedrückt hatte. Ob es vielleicht an der erhöhten Allgemeinverbrennung lag, daß die Zeit hier so im Handumdrehen verging? Solche Raschlebigkeit war ja ein Trost für Joachim in Hinsicht auf die fünf Monate, die ihm noch bevorstanden, falls es bei fünfen sein Bewenden haben würde. Aber während dieser drei Wochen hätten sie der Zeit etwas besser aufpassen sollen, so, wie es während des Messens geschah, wo dann die vorgeschriebenen sieben Minuten zu einer so bedeutenden Zeitspanne wurden ... Hans Castorp fühlte herzliches Mitleid mit seinem Vetter, dem die Trauer über den nahe bevorstehenden Verlust des menschlichen Gesellschafters in den Augen zu lesen war, – fühlte in der Tat das stärkste Mitleid mit ihm, wenn er bedachte, daß der Arme nun immerfort ohne ihn hierbleiben sollte, während er selbst wieder im Flachland lebte und im Dienste der völkerverbindenden Verkehrstechnik tätig war: ein geradezu brennendes Mitleid, schmerzhaft für die Brust in gewissen Augenblicken und, kurz, so lebhaft, daß er zuweilen ernstlich daran zweifelte, ob er es über sich gewinnen und Joachim allein würde hier oben lassen können. So sehr also brannte ihn manchmal das Mitleid, und dies war denn auch wohl der Grund, weshalb er selbst, von sich aus, weniger und weniger von seiner Abreise sprach: Joachim war es, der hin und wieder das Gespräch darauf brachte; Hans Castorp, wie wir sagten, schien aus natürlichem Takt und Feingefühl bis zum letzten Augenblick nicht daran denken zu wollen.

„Nun wollen wir wenigstens hoffen,“ sagte Joachim, „daß du dich erholt hast bei uns und die Erfrischung spürst, wenn du hinunterkommst.“

„Ja, ich werde also allerseits grüßen,“ erwiderte Hans Castorp, „und sagen, daß du spätestens in fünf Monaten nachkommst. Erholt? Du meinst, ob ich mich erholt habe in diesen paar Tagen? Das will ich doch annehmen. Eine gewisse Erholung muß selbst in so kurzer Zeit doch am Ende wohl stattgefunden haben. Allerdings waren es ja so neuartige Eindrücke hier oben, neuartig in jeder Beziehung, sehr anregend, aber auch anstrengend für den Geist und den Körper, ich habe nicht das Gefühl, mit ihnen schon fertig geworden zu sein und mich akklimatisiert zu haben, was doch wohl die Vorbedingung aller Erholung wäre. Maria ist gottlob die alte, seit einigen Tagen bin ich ihr wieder auf den Geschmack gekommen. Aber von Zeit zu Zeit wird immer noch mein Taschentuch rot, wenn ich es benutze, und die verdammte Hitze im Gesicht mitsamt dem sinnlosen Herzklopfen werde ich auch, wie es scheint, bis zum Schluß nicht mehr loswerden. Nein, nein, von Akklimatisation kann man bei mir nicht gut reden, wie sollte man auch nach so kurzer Zeit. Da brauchte es länger, um sich hier zu akklimatisieren und mit den Eindrücken fertig zu werden, und dann könnte die Erholung beginnen und das Ansetzen von Eiweiß. Schade. Ich sage ‚schade‘, weil es entschieden fehlerhaft war, daß ich mir nicht mehr Zeit für diesen Aufenthalt vorbehielt, – zur Verfügung wär sie ja schließlich gewesen. So ist mir zumute, als ob ich mich zu Hause im Flachland vor allem einmal von der Erholung werde erholen müssen und drei Wochen schlafen, so abgearbeitet komme ich mir manchmal vor. Und nun kommt ja ärgerlicherweise dieser Katarrh hinzu ...“

Es hatte nämlich den Anschein gewonnen, als ob Hans Castorp mit einem Schnupfen erster Klasse im Flachlande wieder eintreffen sollte. Er hatte sich erkältet, wahrscheinlich in der Liegekur, und zwar, um nochmals zu mutmaßen, in der Abendliegekur, an der er sich seit etwa einer Woche beteiligte, trotz des naßkalten Wetters, das sich vor seiner Abreise nicht mehr bessern zu wollen schien. Er hatte aber erfahren, daß es als schlecht nicht anerkannt wurde; der Begriff des schlechten Wetters bestand überhaupt nicht zu Recht hier oben, man fürchtete kein Wetter, man nahm kaum Rücksicht darauf, und mit der weichen Gelehrigkeit der Jugend, ihrer ganzen Anpassungswilligkeit an die Gedanken und Gebräuche der Umgebung, in die sie sich eben versetzt findet, hatte Hans Castorp angefangen, sich diese Gleichgültigkeit zu eigen zu machen. Wenn es wie aus Kannen goß, so durfte man nicht glauben, daß deshalb die Luft weniger trocken sei. Das war sie wohl wirklich nicht, denn nach wie vor hatte man einen so heißen Kopf davon, wie von der einer überheizten Stube, oder als ob man viel Wein getrunken. Was aber die Kälte anging, die erheblich war, so hätte es wenig Vernunft gehabt, sich vor ihr ins Zimmer zu flüchten; denn da es nicht schneite, wurde nicht geheizt, und im Zimmer zu sitzen war keineswegs behaglicher, als, im Winterpaletot und nach der Kunst in seine zwei guten Kamelhaardecken verpackt, in der Balkonloge zu liegen. Im Gegenteile und umgekehrt: dies letztere war das ganz unvergleichlich Behaglichere, es war, schlechthin geurteilt, die ansprechendste Lebenslage, die Hans Castorp je erprobt zu haben sich erinnerte, – ein Urteil, in dem er sich dadurch nicht beirren ließ, daß irgendein Schriftsteller und Carbonaro sie mit einem boshaften Unter- und Nebensinn die „horizontale“ Lebenslage nannte. Namentlich am Abend fand er sie ansprechend, wenn neben einem auf dem Tischchen das Lämpchen glühte und man, warm in den Decken, die wieder schmeckende Maria zwischen den Lippen und im Genuß aller schwer bestimmbaren Vorzüge des hiesigen Liegestuhltypus, mit freilich eisiger Nasenspitze und ein Buch – es war immer noch „Ocean steamships“ – in den freilich arg verklammten, rot angelaufenen Händen, durch die Bogen der Loggia über das dunkelnde, mit hier zerstreuten, dort dicht zusammentretenden Lichtern geschmückte Tal hinblickte, aus welchem fast jeden Abend und wenigstens eine Stunde lang, Musik herauftönte, angenehm abgedämpfte, vertraut melodische Klänge: Opernfragmente waren es, Stücke aus „Carmen“, aus dem „Troubadour“ oder dem „Freischütz“, wohlgebaute, zügige Walzer sodann, Märsche, bei denen man hochgemut den Kopf hin und her wandte, und muntere Mazurken. Mazurka? Marusja hieß sie eigentlich, die mit dem kleinen Rubin, und in der Nachbarloge, hinter der dicken Milchglaswand, lag Joachim, – dann und wann wechselte Hans Castorp ein vorsichtiges Wort mit ihm, unter voller Rücksichtnahme auf die anderen Horizontalen. Joachim hatte es in seiner Loge ebensogut wie Hans Castorp, wenn er auch unmusikalisch war und sich an den Abendkonzerten nicht so zu freuen verstand. Schade für ihn; er las wohl statt dessen in seiner russischen Grammatik. Hans Castorp aber ließ „Ocean steamships“ auf der Decke liegen und lauschte mit herzlicher Teilnahme auf die Musik, blickte wohlgefällig in die durchsichtige Tiefe ihrer Faktur und empfand so inniges Vergnügen an einer charakter- und stimmungsvollen melodischen Eingebung, daß er sich zwischendurch nur mit Feindseligkeit an Settembrinis Äußerungen über die Musik erinnerte, Äußerungen, so ärgerlich wie die, daß die Musik politisch verdächtig sei, – was in der Tat nicht viel besser war, als Großvater Giuseppes Redensart von der Julirevolution und den sechs Tagen der Weltschöpfung ...