War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche innere Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, leicht und flüchtig gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung vom gewohnten nächtlichen Frieden des Berghofhauses, eine noch so gedämpfte Unruhe, die kaum merkliche Erschütterung durch ein fernes Laufen, genügte, um ihn hell und wach zu machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu lassen? Tatsächlich erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür klopfte, was kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort, unverschlafen, geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, die ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich im ersten Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie erklärte er seinen Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, strich mit den Fingern das Haar aus der Stirn und ging nicht schnell und nicht langsam hinab, in Ungewißheit mehr über das Wie, als über das Was der Stunde.
Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen und ebenso diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo alle Lichter brannten. Die beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, Madame Chauchat und der javanische Kammerdiener waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst gekleidet, sondern in einer Art von Nationaltracht, einer breitgestreiften hemdartigen Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln, einem bunten Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus gelbem Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck von Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, links zu Häupten des Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten Händen auf dem Rücken lag. Der Eintretende überblickte bleich die Szene. Frau Chauchat wandte ihm den Rücken zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende des Bettes, den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das Gesicht ihres Reisebegleiters.
„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski und der Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und nickte wehmütig, das weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war im klinischen Kittel, aus dessen Brusttasche das Hörrohr ragte, trug gestickte Morgenschuhe und keinen Kragen. „Nichts zu machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit. Treten Sie nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden zugeben, daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“
Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die Augen des Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, folgten ihm ohne Drehung des Kopfes, so daß sie ihr Weißes zeigten. Er stellte mit einem Seitenblick fest, daß Frau Chauchat sich nicht um ihn kümmerte, und stand in typischer Haltung am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände auf dem Unterleibe zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in ehrerbietig sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. Seine Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile seines Gesichtes ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, obgleich seine königlichen Züge sonst unverändert waren. Die idolhafte Faltenlineatur der hohen, weiß umloderten Stirn, in vier- oder fünffacher Reihe wagerecht gezogen und dann im rechten Winkel beiderseits die Schläfen hinablaufend, ausgeprägt durch die habituelle Anspannung eines ganzen Lebens, trat auch bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark hervor. Die bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der Blaulauf deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige Hemmung der Lebensfunktionen.
Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über den Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, in Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, wünschte er vorläufig nicht zu stören und sah sich nach der Gruppe der übrigen Anwesenden in seinem Rücken um. Der Hofrat winkte mit dem Kopfe in der Richtung des Salons. Hans Castorp folgte ihm dorthin.
„Suicidium?“ fragte er gedämpft und fachlich ...
„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und fügte hinzu: „Über und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas in Galanterieware schon mal gesehen?“ fragte er, indem er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig geformtes Etui zog und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem jungen Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. Man lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es ihm aus der Hand genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was auf die Haut tropft, kriegen Sie Brandblasen.“
Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. Es war aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr wunderlich anzusehen. Es zeigte zwei gebogene, stahlblanke Gabelzinken mit äußerst scharfen Spitzen, einen leicht gewundenen elfenbeinernen und mit Gold eingelegten Mittelteil, in dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine gewisse elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, und endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem schwarzem Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll.
„Was ist das?“ fragte Hans Castorp.
„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze. Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische Kopie des Beißzeugs der Brillenschlange. Sie verstehen? – Sie scheinen nicht zu verstehen“, sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, benommen auf das bizarre Instrument niederzublicken. „Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie sind von einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich sehen können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der Zahnwurzel offen, und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang der Gummidrüse, der in dem elfenbeinernen Mittelteil verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne etwas einwärts, das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen Druck, der den Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo die Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. Man muß nur darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen persönlichen Angaben hergestellt.“