Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch auf, indem er den Namen des Stumpfsinns mit dem des Dämonischen in Verbindung bringe und ihm die Wirkung mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln wir nicht, sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden persönliches Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin den Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen solchen Charakter gewinnen und solche Gefühle einflößen kann. Hans Castorp blickte um sich ... Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wußte, was er sah: Das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben.
Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei Art liefen nebeneinander her; doch dann und wann artete eine davon zur wilden Modewut aus, der alles fanatisch unterlag. So hatte die Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt eine bedeutende Rolle gespielt; schon zweimal aber – denn wer lange genug hier oben verweilte, konnte die periodische Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die Leidenschaft dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei geworden, so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene den Kopf über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt, die Blende hätte blinzeln lassen, und das Herumreichen von Abzügen bei Tische kein Ende nahm. Plötzlich war es Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur Verfügung stehende Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht. Man versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen Vorhängen; und bei Rotlicht hantierte man so lange mit chemischen Bädern, bis Feuer auskam und der bulgarische Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu Asche verbrannt wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt; Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière kamen in Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen Personen, vom Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen aus fahl verkrampften Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter, die man mit offenen Augen aufrecht hingesetzt. Und Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte Glasplatte, die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste einen himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit kupferigem Angesicht und unter blechgelben Butterblumen, deren eine ihm im Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen Waldwiese zeigte.
Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit von einzelnen betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit um sich griff. Jedermann klebte, schacherte, tauschte. Philatelistische Zeitschriften wurden gehalten, Korrespondenzen mit Spezialgeschäften des In- und Auslandes, mit Fachvereinen und Privatliebhabern unterhalten und erstaunliche Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von solchen aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate- oder jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp gestatteten.
Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft gelangte und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren von Schokolade der erdenklichsten Sorten zum guten Ton wurde. Alle Welt hatte braune Münder, und die leckersten Darbietungen der Berghofküche fanden faule und krittelnde Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, Chocolat à la crème d’amandes, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten Katzenzungen gestopft und davon verstimmt waren.
Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert von höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend und seitdem viel gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen Geduldsübungen geführt, denen zeitweise die Geisteskraft aller Berghofgäste und selbst noch die letzten Gedanken und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus nicht weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe war, diese flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben; das höchste Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher verbundenen Augen zu vollbringen, – was schließlich, über geringe Schönheitsfehler billig hinweggesehen, denn doch nur dem Staatsanwalt Paravant gelang, der Hauptträger dieser Scharfsinnsverbohrung war.
Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom Hofrat selbst und kennen auch die züchtige Triebfeder dieser Hingabe, deren kühlende, den Fleischesstachel stumpfende Wirkung wir haben preisen hören, und deren allgemeinere Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht haben würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung aller Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung reichenden Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen, die zur Nacht durch den Bademeister unter populärem Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr gesucht waren seitdem die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo man nach Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen konnte. Des Staatsanwalts wegen aber hätte die disziplinäre Neuerung überhaupt nicht eingeführt zu werden brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der Erscheinung jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war längst überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem natürlichen Teil zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst hatte er sich seitdem der klaräugigen Göttin in die Arme geworfen, von deren kalmierender Macht der Hofrat so Sittliches zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag und Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz, die ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor seiner oft verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung überzugehen drohte, die Überführung armer Sünder betrieben hatte, – war kein anderes als die Quadratur des Kreises.
Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl pi, diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen Verhältnisses. Die Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des Durchmessers mit pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser, um den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt Anfälle von Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung des Problems seit Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht habe und ob diese Lösung nicht in Wahrheit die kindlich einfachste sei. Wie, man sollte die Kreislinie nicht rektifizieren und also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen können? Zuweilen glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man sah ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht erleuchteten Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter Platte er ein Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform legte, um es plötzlich, mit überrumpelnder Gebärde, zur Geraden zu strecken, danach aber, schwer aufgestützt, in bitteres Grübeln zu verfallen. Der Hofrat ging ihm gelegentlich zur Hand bei solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn überhaupt in seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und wiederholt, da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes Gefühl für das Geheimnis des Kreises stieß. Er veranschaulichte dem jungen Mann die Verzweiflung pi, indem er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies, worin mit äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen, bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen war. Der Rest aber, die Krümmung, die sich auf eine ätherisch-geistige Art der Rationalisierung durch die berechenbare Umklammerung entzog, – das, sagte der Staatsanwalt mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp, bei aller Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als sein Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn Paravant, sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu erhitzen und sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten, aus denen der Kreis von seinem nicht vorhandenen Anfang bis zu seinem nicht vorhandenen Ende bestehe, sowie von der übermütigen Melancholie, die in der ohne Richtungsdauer in sich selber laufenden Ewigkeit liege, mit so gelassener Religiosität, daß vorübergehend eine begütigende Wirkung davon auf den Staatsanwalt ausging.
Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp zum Vertrauten mehr als eines Hausgenossen, von dem irgendeine fixe Idee Besitz ergriffen, und der darunter litt, daß er bei der leichtlebigen Mehrzahl kein Gehör dafür fand. Ein ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen Provinz, ein schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art gefaßt – und ihn, unter Markierung entscheidender Stellen durch Pinselstriche von Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt –, der darauf ausging, daß jeder Zeitungsbezieher gehalten sein solle, eine tägliche Teilmenge von 40 Gramm Altzeitungspapier, gesammelt am ersten jeden Monats, abzuliefern, was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig Jahren aber nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das Kilo zu 20 Pfennigen berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen Mark darstellen werde. Fünf Millionen Abonnenten, so fuhr das Memorandum fort, würden also in zwanzig Jahren an Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288 Millionen Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen werde, der Rest aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark, für humanitäre Zwecke, zur Finanzierung volkstümlicher Lungenheilstätten, zur Unterstützung bedrängter Talente und so weiter, frei werden würde. Der Plan war ausgearbeitet bis auf die zeichnerische Darstellung des Zentimeterpreisstockes, von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den Wert der gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden sollten. Er war gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten. Die unbesonnene Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier, das von Unaufgeklärten dem Spülwasser, dem Feuer ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an unserem Walde, an unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen heiße Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und sparen, das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht werde, nicht minder Menschenmaterial und Kapital. Da ferner Altzeitungspapier auf dem Wege über die Packpapier- und Kartonageerzeugung leicht in vierfache Werte gesteigert werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher Besteuerungen werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte entlasten. Kurzum, der Plan war gut, war eigentlich unwidersprechlich, und wenn ihm Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches anhaftete, so eben nur des schiefen Fanatismus wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische Idee, und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den geringsten Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ... Hans Castorp hörte dem Mann mit schrägem Kopfe nickend zu, wenn er mit fiebrig beschwingten Worten seinen Heilsgedanken vor ihm propagierte, und untersuchte dabei das Wesen der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme für den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten.
Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten sich etwas damit, in dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische zu konversieren. Hans Castorp blickte sie finster an, indem er übrigens bei sich selber dafür hielt, daß sie die Schlimmsten nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe von Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches in nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen Nachbarn im Kreise die Frage richtete: „Did you ever see the devil with a night-cap on?“, der Gefragte aber zur Antwort gab: „No! I never saw the devil with a night-cap on“, worauf er die Frage andererseits weitergab – und so immer reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp war doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger, die überall im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten waren. Denn die Leidenschaft für diese Zerstreuung war neuestens derart eingerissen, daß sie buchstäblich das Haus zur Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte um so mehr Ursache, sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er selber zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste – der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan: jene Form, bei der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei Reihen auslegt und zwei Karten, die zusammen elf ausmachen, sowie die drei Bildkarten, wenn sie offen daliegen, neu bedeckt, bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht. Man sollte nicht für möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung zu führen vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten. Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen, diese Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals heiter ist, mit finsteren Brauen. Verfallen den Launen des Kartenkobolds, berückt von dieser phantastisch wechselnden Gunst, die zuweilen, in leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn die Elferpaare, das Bub-Dame-Königsbild sich häufen ließ, so daß das Spiel schon vergeben war, bevor noch die dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger Triumph, der die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann wieder bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren Erfolg durch jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern ließ, – legte er Patience überall und zu allen Tageszeiten, des Nachts unter den Sternen, des Morgens im bloßen Pyjama, bei Tische und selbst im Traum. Ihm graute, aber er tat es. Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr Settembrini, ihn „störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen.
„Accidenti!“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“