„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp. „Ich lege einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall. Mich intrigieren seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei und dann wieder seine unglaubliche Widerspenstigkeit. Heute morgen gleich nach dem Aufstehen ist die Patience dreimal hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal in zwei Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal auch nur bis zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“

Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der Jährchen, mit traurigen schwarzen Augen an.

„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht nicht aus, als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam für den inneren Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“

„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ...

„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer. „Der Balkanbund wird zustandekommen, Ingenieur, alle meine Informationen sprechen dafür. Rußland arbeitet fieberhaft daran, und die Spitze der Kombination ist gegen die österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen ist. Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien mit ganzer Kraft, Sie wissen es. Aber soll ich darum die Unterstützung meiner Seele der sarmatischen Despotie zuteil werden lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an unseren hochadeligen Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes mit Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen, welche –“

„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei. Bub, Dame, König. Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr Settembrini.“

Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine schwarzen Augen, den Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in tiefer Trauer auf sich ruhen, legte indessen noch eine Weile weiter, bevor er, die Wange in die Hand gestützt, mit der falschen und verstockten Unschuldsmiene eines bösen Kindes zu dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte.

„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen, daß Sie wissen, wie es um Sie steht.“

„Placet experiri“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu antworten, und Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn freilich der allein Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen, den Kopf in die Hand gestützt, an seinem Tische inmitten des weißen Zimmers sitzenblieb, grübelnd und im Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem Grinsen des Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und zügellose Herrschaft er sie geraten fand, und des Name „Der große Stumpfsinn“ war.

Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan, geheime Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und rieb sich Stirn und Herzgegend mit den flachen Händen. Er fürchtete sich. Ihm war, als könne „das alles“ kein gutes Ende nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende sein, eine Empörung der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und aufräumender Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das Leben über den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“ einen schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde. Er hatte Lust zu fliehen, wir sagten es schon, – und ein Glück denn nur, daß die Obrigkeit das vorerwähnte „unverwandte Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen zu lesen verstand und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren Hypothesen bedacht war!