So war spirit Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten, über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade, daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre, werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit dazu sein würde?
„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich, statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.
Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas. Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte, Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die Tür.
Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war.
Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber, verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln, das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.
Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete, wenn man sie eine fremde Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“ schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.
Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche, hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist, wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint.
Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte. Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte. „Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin.
Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug. Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.
Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? Caro mio! Wo der sittliche Mut zu Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem, der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten Brunnen ertränkt zu werden.