Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten: Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes, weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte, und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel, der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte.
Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen „Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen, Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.
In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte, und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte, eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit, Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr. Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung Verstorbener.
Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet. Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge, dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft, rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen, – über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!
Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen, die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede, seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag, war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde verlangt werden.
Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre drängte, und der sang:
„Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn,
Will schützend ich auf dich herniedersehn,
O Margarete!“
Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst, im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen geglaubt hatte.